Zeitung Heute : Langsam sickerte der Sieg in seinen Kopf

Kein Jubel, kein Freudentaumel, nur Schweigen und hin und wieder Schmerzenslaute von den anderen Pritschen. Der Rotarmist Boris Litwinski hat das Kriegsende schwer verletzt im Lazarett erlebt – auch heute ist er von Heldenpathos weit entfernt

Elke Windisch[Moskau]

Boris Litwinski konnte die Ratten nicht sehen. Pfeifend kletterten sie auf dem durchhängenden Stromkabel unter der Zimmerdecke herum, aber vielleicht hatte ihn auch sein Herzschlag geweckt, oben in der Kehle, rasend schnell. Er wollte hoch, wegrennen, doch sein linkes Bein war eine einzige eiternde Wunde. Schützend hielt er die Arme übers Gesicht, dachte an seine Frau und den Frieden, der keine zwei Stunden alt war. Aber es funktionierte nicht.

Der 82-Jährige hat das Gleiche erlebt wie hunderttausende Sowjetsoldaten, doch seine Erinnerung ist auch nach 60 Jahren nicht von Pathos verfärbt. Er weiß noch genau, wie es war – am letzten Tag des Krieges und am ersten Tag des Friedens. Aber viel lieber würde Litwinski von dem reden, was ihn wirklich umtreibt: von den im Sand begrabenen Wüstenstädten Zentralasiens. Von einer Residenz Alexanders des Großen, die ihrem Ausgräber Litwinski in Fachkreisen Weltruhm einbrachte. Über 500 wissenschaftliche Arbeiten hat er veröffentlicht. Auf dem Schreibtisch stapeln sich Manuskripte, Tonscherben, Steine.

„Ich habe sie doch gestern Abend extra rausgesucht, wo sind sie nur?“ Die kleine Plattenbauwohnung im Moskauer Südosten müsste renoviert und noch dringender aufgeräumt werden. Doch Lena, seine Frau, dämmert nach einem Herzinfarkt meist auf ihrem Bett vor sich hin.

Endlich hat er gefunden, was er sucht – ein paar angegilbte Schwarzweißfotos. Eines davon zeigt einen jungen Leutnant mit dem roten Stern am Käppi. „Das war kurz vor dem Sturm auf die Seelower Höhen im April ’45“, sagt Litwinski. „Mein 22. Geburtstag. Am nächsten Tag hat es mich erwischt.“ Operiert wird er gleich hinter der Frontlinie. „Das ganze Bein haben sie mir aufgeschnitten. Die Ärzte wussten ja nicht, wo die Splitter steckten.“ Es gab keine Röntgenapparate, sagt Litwinski, und auch Penicillin kannten die sowjetischen Ärzte nur vom Hörensagen. Schon als der Lazarettzug Stunden später mit ihm über die Oder nach Osten rollte, schüttelte ihn das Wundfieber. Und die Angst, sie würden ihm das Bein abnehmen. „Tja, Leutnant“, sagte der Arzt im Hospital von Mitschurinsk südlich von Moskau, wo Litwinski ein paar Tage später eingeliefert wird, „du bist ein ziemlich hoffnungsloser Fall. In seinen Fieberträumen glaubt Litwinski sich schon im Himmel, wo ein Erzengel ihn anspricht. Doch es ist der Lautsprecher. Jetzt fällt Litwinski auch ein, wie der Engel heißt: Jurij Lewitan. 1417 Mal hat er im Rundfunk den täglichen Frontbericht verlesen, Siege und Niederlagen verkündet. Jetzt steht er zum letzten Mal vor den Mikrofonen im Funkhaus: Hitlerdeutschland hat bedingungslos kapituliert. „Dann“, sagt Litwinski, „ging das Licht wieder aus und die Ratten kamen.“ Kein Jubel, kein Freudentaumel. Nur Schweigen und hin und wieder Schmerzenslaute von den anderen Pritschen. „Der Frieden“, sagt Litwinski, „war da noch ganz weit weg: Unser Bewusstsein weigerte sich noch monatelang, zur Kenntnis zu nehmen, dass es vorbei ist.“ Dass vorbei war, was am 21. Juni 1941 begonnen hatte, als Hitler die Sowjetunion überfallen hatte. Litwinski, damals Student der Archäologie, erfuhr davon bei einem Arbeitseinsatz auf den Baumwollfeldern bei Taschkent. Am gleichen Abend meldete sich seine Seminargruppe freiwillig, alle wurden einberufen – außer Litwinski. Sein Vater war 1937 vom Sicherheitsdienst erschossen worden. „Er hatte sich darüber beklagt, dass in seinem Traktorenwerk eine bestimmte Stahllegierung nach 20 Jahren Sowjetmacht noch immer fehlte.“ Seitdem war Litwinski Sohn eines Volksfeindes, der nur wegen überragender Leistungen studieren durfte.

Litwinski, der sich ein zweites Mal meldet, wurde erneut abgewiesen. Der Sohn des Volksfeindes hätte ja zu den Deutschen überlaufen können. „Nie“, sagte Litwinski dem Kommissar im Wehrkreiskommando, „ich bin doch Jude, die stecken mich gleich in die Gaskammer.“ Der Kommissar musterte Litwinski durchdringend. „Das wäre vielleicht die beste Lösung für dich“, sagte er dann.

Im Herbst 1944, nach einem Schnellkurs an der Offiziersschule, wurde Litwinski schließlich doch eingezogen. Lena, seit knapp 24 Stunden seine Ehefrau, kämpfte gegen die Tränen, als sich der Zug mit Boris in Bewegung setzte. „Wir haben beide nicht damit gerechnet, uns wiederzusehen“, sagt Litwinski, der wenig später als Zugführer in den Hexenkessel südlich von Warschau musste. Seine Soldaten waren älter als er und ihm an Kriegserfahrung weit überlegen. Doch Litwinski übersteht das Inferno und hat, als sie vier Monate später bei Küstrin um die eisige Oder kämpften, nicht einmal einen Streifschuss abbekommen. Als sie endlich am anderen Ufer standen, sind von den 300 Kämpfern seines Bataillons noch 30 am Leben. „Einer davon“, Litwinski lächelt verlegen, „war ich.“

Kurzzeitig wurde er sogar zum Stabschef der Einheit ernannt. Denn er konnte Karten lesen und die deutschen Ortsnamen. Litwinski erinnert sich an ein Feld, übersät von Leichen – Mitglieder des Volkssturms, von sowjetischen Panzern niedergewalzt.Das sind Bilder, die ihn bis in die Fieberfantasien nach der Verwundung beim Kampf um die Seelower Höhen verfolgten. „Berlin war schon zum Greifen nahe“, sagt er, die Bibliotheken, die Museen. „Jahre meines Lebens hätte ich für einen einzigen Blick auf die Sammlungen in Dahlem gegeben“: Buddhistische Höhlenmalereien aus Ostturkestan im heutigen China, Anfang des 20. Jahrhunderts von Albert Grünwedel entdeckt, den Litwinski schwärmerisch verehrt.

Erst 40 Jahre später wird er sehen, was von den Originalen nach Bomben und Feuersturm noch übrig ist: nach seinen eigenen großen Entdeckungen, als Gast des Deutschen Archäologischen Instituts in West-Berlin, das ihn zum Mitglied ernennt. Für Litwinski „eine Sternstunde meines Lebens“. Endlich bekommen die Bilder aus dem Buch, das er sich im Oktober 1945 gekauft hatte, die dritte, die räumliche Dimension: Grünwedels illustrierter Expeditionsbericht. Litwinski, der gerade aus dem Lazarett entlassen worden war und beim Heimweg nach Taschkent in Moskau umsteigen musste, fand das Buch zufällig auf einem Markt, wo heimgekehrte Sowjetsoldaten ihre Kriegsbeute verhökerten.

Kritisch musterte ihn seine Schwiegermutter, als er Ende Oktober mitten in der Nacht vor ihr stand. Mit zwei Krücken und einem leerem Tornister. „Ohne Trophäen. Andere haben Porzellan mitgebracht, Uhren“, sagt sie. Versöhnt war sie erst, als er mit dem „Ehrengeschenk für Verdienste um das Vaterland“ nach Hause kam, das die Universität all den Studenten machte, die an der Front gewesen waren: Erlass aller versäumten Zwischenprüfungen und ein Bezugsschein, einzulösen im staatlichen Kaufhaus, gegen Barzahlung. Boris kann sich zwölf Meter Baumwollstoff abholen. Lena näht Bettwäsche daraus. Immerhin konnten sie sich künftig ab und zu satt essen, dank der Sonderabschnitte für Kriegsversehrte auf den Lebensmittelkarten und der Rente, die Boris für sein kaputtes Bein bekam. Ein Jahr später, er hatte das Studium mit Auszeichnung abgeschlossen und war schon in der Aspirantur, kommt eine Vorladung vom Wehrkreiskommando.

Hinter dem Schreibtisch saß derselbe Kommissar, der die Gaskammer für die beste Lösung hielt. „du schreibst deine Dissertation?“, fragte er. „Ja“, sagte Litwinski. „Du schreibst mit der rechten Hand?“ Litwinski ist irritiert. „Mit der rechten Hand“, bestätigt er unsicher. „Und wir“, sagt der Kommissar, „zahlen dir Rente für dein linkes Bein.“

Der „Fehler“ wird umgehend korrigiert. Auf die Korrektur der Korrektur muss Litwinski 58 Jahre warten. „Statt zunächst 4700 kriege ich seit März 2004 monatlich 7000 Rubel“, sagt Litwinski, „das ist im heutigen Russland für einen Geisteswissenschaftler wahnsinnig viel Geld.“

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