Zeitung Heute : Langsames Auftauchen

6 Uhr 30 Aufstehen, 7 Uhr 30 Krafttraining, 8 Uhr 30 Schwimmen, 12 Uhr 40 Schule, 15 Uhr 30 wieder Schwimmen. Britta Steffen startet in Athen. Wie schön ist ein Leben im Wasser?

Robert Ide

Als sie sich von der Erde abstößt, hallt der Startpfiff noch in den Ohren. Ihr schmaler Körper fliegt durch die Luft, sie klatscht ins Becken, hinein in die Stille. Im Wasser gleitet sie, regungslos für einen Moment, taucht auf, wirft ihre Hände nach vorn, erst die rechte, dann die linke, und sie merkt: Heute geht es gut. Sie spürt, wie sie das Wasser zur Seite schiebt, wie sie keine Mühe hat. Die Zuschauer in der Halle springen auf, von den Rängen rufen sie ihr etwas zu. Sie schaut zu den Seiten, keine Konkurrentin ist vor ihr. Nicht einmal Franziska van Almsick, die Weltrekordlerin. Das Ende der Bahn, die Wende.

Sie stößt sich noch einmal ab, hört das Rauschen an ihrer Badekappe und den eigenen Atem, der sich hastig dem Ziel entgegenpumpt. Die Beine fangen an zu schmerzen, doch sie krault weiter, als merke sie nichts. Sie schlägt an die Wand, schaut nach oben. An der Anzeigetafel erscheint der Name „Steffen“. Es ist der Name, der auch auf ihrer Badekappe steht. Die Zuschauer applaudieren, manche schütteln ungläubig den Kopf. Franziska van Almsick steigt wortlos aus dem Becken, umringt von vier Kamerateams. Nach ihr kommt Britta Steffen zurück auf die feste Erde, sie spricht keiner an. Sie hat ein Rennen gewonnen. Ein unwichtiges.

Sport ist das Streben nach dem richtigen Moment. Es geht um den Kampf gegen Bruchteile der messbaren Zeit, um das Bessersein an einem bestimmten Tag. In der kommenden Woche beginnen die Olympischen Spiele in Athen, dann gibt es wieder viele Momente, in denen sich alles entscheidet im Sport. Wer dabei sein darf, hat viele Rennen hinter sich, wichtige und unwichtige. Britta Steffen, Schwimmerin aus Berlin und Starterin in Athen, sagt: „Ich mache seit sieben Jahren nichts anderes als schwimmen.“ Sie ist jetzt 20 Jahre alt.

Wie sieht ein Leben aus, in dem es um das Bessersein geht? Wie bereitet sich eine junge Frau, die bei Olympia eine Medaille holen will, auf das größte Sportfest der Welt vor? Und was bleibt ihr sonst zu tun? Ein halbes Jahr lang hat sich Britta Steffen durch ihr Leben begleiten lassen. Dabei hat sie einiges von sich preisgegeben. Zum Beispiel, dass sie eine junge Frau ist, die unnachgiebig nach dem richtigen Moment sucht. Und oft einen falschen findet.

Als der Name „Steffen“ auf der Anzeigetafel der Schwimmhalle in Prenzlauer Berg aufleuchtet, ist Olympia noch fünf Monate entfernt. Es ist ein wertloser Übungswettkampf. Ihr Trainer umarmt sie kurz, danach springt die unauffällige Siegerin mit dem etwas rundlichen Gesicht zurück ins Wasser – zum Ausschwimmen. Franziska van Almsick dagegen zieht sich um und stellt sich dem Medienpulk. Als die Weltrekordlerin die Halle verlässt, verfolgt von Mädchen mit Autogrammwünschen, hat sie einen Kopfhörer auf, aus dem melancholische Lieder der britischen Band Travis hallen. Britta Steffen dagegen verschwindet lachend in den Katakomben der Halle, hüpft in einen Fahrstuhl – „Eigentlich ist der für Sportler verboten“ – und fährt hinauf zu den Zuschauertribünen. Dort wartet ihre Familie, die aus der brandenburgischen Stadt Schwedt angereist ist. „Das hast du toll gemacht“, sagt der Vater. „Ich habe alles auf Video aufgenommen“, sagt der Bruder. „Ich habe dir Crêpes gebacken“, sagt die Mutter. Britta Steffen streicht sich verlegen ihre nassen blonden Haare zurück. „Leistungssport ist die Verlängerung der Kindheit“, sagt sie, als sie zum Ausgang der Halle geht.

Der Alltag im Olympiastützpunkt Berlin-Hohenschönhausen, einem betonierten Komplex mit Schwimmhalle, Sportplätzen und Internat: 6 Uhr 30 Aufstehen, 7 Uhr Frühstück, 7 Uhr 30 Krafttraining, 8 Uhr 30 Schwimmtraining, halb elf Massage, halb zwölf Mittagsschlaf, 12Uhr20 Aufstehen, 12Uhr40 Schule, 14 Uhr 30 Essen kochen, 15 Uhr 30 Schwimmtraining, 17 Uhr 30 Hausaufgaben, Feierabend. „Manchmal gehe ich abends noch mit einer Freundin in die Stadt“, sagt Britta Steffen. „Einen Bananensaft trinken.“

Ihre Privatsphäre ist zwölf Quadratmeter groß. „Klein, aber mein“, sagt Britta, als sie Ende Februar zum ersten Mal ihr Zimmer im Internat zeigt. An der Tür steht die Nummer 45. Über dem Bett hängt ein Poster von Alexander Popow; der russische Schwimmstar steigt mit nacktem Oberkörper aus dem Wasser auf. „Das ist mein Robbie Williams“, sagt sie und kichert kurz. Bei den letzten Olympischen Spielen vor vier Jahren in Sydney ist Britta beim Training ein paar Meter hinter ihrem Idol geschwommen – das fand sie aufregend. Wenn sie ihm in Athen begegnen sollte, will sie ihn um ein Autogramm bitten. „Diesmal traue ich mich.“ Bis dahin sollen sechs Monate Alltag vergehen, unterbrochen durch zweimal zwei Wochen Schinderei in abgeschiedenen Trainingslagern. Und einige Rennen, wichtige und unwichtige.

Am 16. März schickt sie eine SMS. „hallo. hatte am wochenende wettkampf und war gut. hab fast die norm unterboten.“ Die Norm. Das ist der Richtwert für Olympia, ihr Nahziel im Frühjahr. Steffen ist gut in Form. Über 50 Meter Freistil schwimmt sie persönliche Bestzeit, über 200 Meter ist keine Deutsche schneller, nicht mal Franziska van Almsick. Der Leiter des Olympiastützpunktes, Jochen Zinner, sitzt an seinem mit Sportwimpeln geschmückten Schreibtisch und sagt: „Britta ist eine große Hoffnung für Athen.“ In einer Zeitung erscheint ein Artikel über sie. Beim Training wird sie nach Medaillenwünschen gefragt. Doch sie antwortet: „Spinnt ihr alle? Ich bin noch nicht mal qualifiziert.“

Sie hat das alles schon erlebt. Vor drei Jahren, nach einem guten Start im olympischen Staffelrennen, meinten alle Experten, an Britta Steffen führe bald kein Weg mehr vorbei. Dann kamen die Europameisterschaften, und sie paddelte hinterher. „Mein Körper hat mir nicht gehorcht“, bilanziert sie streng. Dein Busen ist größer geworden, spotteten sie am Beckenrand. Und manche Konkurrentin flüsterte: Wenn’s drauf ankommt, hat Britta ein Psychoproblem. Hat sie? Sie atmet durch, bevor sie feststellt: „Ich habe mich damals selbst verloren.“ Mit ihrem ersten Freund, einem Leichtathleten, bekam sie Streit. Der Freund fragte sie: Warum trainierst du so viel? Der Trainer meinte: Dein Freund tut dir nicht gut. Britta Steffen verließ beide.

Eine private Frage an die junge Frau in der Jeansjacke, es ist ein Wochenende im April: Hast du jetzt einen Freund? Sie nickt. Vor kurzem hat sie jemanden getroffen, von dem sie glaubt, dass er sie versteht. Einer, der begreift, das er nicht wichtiger sein darf als der Sport. Er ist 18, auch Schwimmer. Manchmal laufen sie abends gemeinsam durch die Stadt, ansonsten gehen sie sich eher aus dem Weg. Britta Steffen blinzelt: „Ich denke, bis zu den Deutschen lässt er mich in Ruhe.“ Die Deutschen – das sind die Deutschen Meisterschaften im Juni in Berlin, die Qualifikation für Olympia. Sie knöpft ihre Jeansjacke zu: „Bis dahin darf ich mir keine Erkältung holen.“

Kann Sport das ganze Leben sein? An den Wochenenden ist sie oft in Schwedt bei ihren Eltern; es sind Reisen in eine alte, ferne Zeit. In der Woche übt sie nebenbei für einen neuen, fernen Alltag – sie macht Abitur auf einem Sportgymnasium und geht zur Fahrschule. Wenn sie mit dem Schwimmen aufhört, will sie Medizin studieren. Aber wann geht das Neue los? Hängen Ende und Anfang von einem Rennen ab?

„Sechs Zufälle sind nötig, um sich zu verlieben“, hat der slowakische Schriftsteller Milan Kundera geschrieben. Wie viele Zufälle sind nötig, um ein Leben zu ändern? Es ist Ende Mai, die Sonne scheint. Britta Steffen schaut neidisch auf einige Kinder, die vor der Trainingshalle auf einer Skaterbahn rumtoben. Ist Schwimmen wirklich das Wichtigste? Sie zögert mit der Antwort, stellt selbst eine Frage; flüsternd, an sich gewandt: „Vergeude ich meine Jugend?“ In diesem kleinen Moment macht sie den Eindruck, als wolle sie ausbrechen, wenigstens ein Teil von ihr. Doch ein anderer Teil ruft sie zur Ordnung. „Ich mach mir nichts aus Partys“, sagt Britta Steffen schnell. „Danach tut einem der Kopf weh.“ Ihre beste Freundin ist eine Schwimmerin. Nach dem Training treffen sie sich oft in der Küche des Internats. Wenn Britta Steffen allein sein will, liest sie Milan Kunderas Roman über die Leichtigkeit des Lebens. Die Stelle mit den Zufällen mag sie besonders.

Noch eine Woche bis zu den Deutschen. Britta Steffen will sich einen Startplatz für ein Einzelrennen bei Olympia erkämpfen, nicht nur einen für die Staffel. Bei der Qualifikation muss sie Erste oder Zweite werden. Ansonsten hat sie vier Jahre umsonst verschwommen in einer Halle am Stadtrand, in der fünf Topfpflanzen stehen und in der die hellbraunen Fliesen ausgebleicht sind. Am Becken steht ein Campingtisch, von hier aus ruft Trainer Norbert Warnatzsch kurze Anweisungen ins Wasser. „Britta hat ihr Lebensregime dem Sport untergeordnet“, lobt der Mann mit der schmalen Brille; auf seinem Tisch liegen drei Stoppuhren und ein schwarzer Aktenkoffer. Als Britta Steffen aus dem Wasser gestiegen ist und sich ein Handtuch um ihren Körper gewickelt hat, ruft er ihr zu: „Wir machen weiter bis Olympia 2008, oder?“ Sie schaut ihn an, sucht eine Entgegnung. „Das kann ich nicht versprechen“, gibt sie zurück. „Klappe“, antwortet er.

Als sie sich von der Erde abstößt, hallt der Startpfiff noch in den Ohren. Ihr schmaler Körper fliegt durch die Luft, sie klatscht ins Becken, hinein in die Stille. Im Wasser gleitet sie, regungslos für einen Moment, taucht auf, wirft ihre Hände nach vorn, erst die rechte, dann die linke, und sie merkt: Heute geht es nicht gut. Sie spürt, wie sich das Wasser gegen ihren Körper drängt, wie sie Mühe hat. Die Zuschauer in der Halle springen auf, sie rufen, johlen. Sie schaut zu den Seiten, die meisten Konkurrentinnen sind vor ihr. Ganz vorn Franziska van Almsick, die Weltrekordlerin. Die Wende. Sie stößt sich noch einmal ab, hört das Rauschen an ihrer Badekappe und den eigenen Atem, der sich mutlos dem Ziel entgegenpumpt. Die Beine schmerzen, doch sie krault weiter, bis es ein Ende hat. Sie schlägt an die Wand, schaut nach oben. An der Anzeigetafel erscheint der Name „van Almsick“. Die Zuschauer trampeln mit den Füßen. Franziska van Almsick steigt lachend aus dem Becken, umringt von sieben Kamerateams. Nach ihr kommt Britta Steffen zurück auf die feste Erde, sie ist Sechste geworden. Sie hat ein Rennen verloren. Das entscheidende.

Ob sie jetzt aufhört? Sie sitzt auf einer Bank in der Ecke der Schwimmhalle in Prenzlauer Berg und kämpft mit dem Druck der Tränen. Um sie herum springen die Zuschauer zu La Ola auf, Franziska van Almsick gibt Interviews. Britta Steffen hält die Hände vor ihr leicht gerötetes Gesicht: „Ich konnte nicht schneller. Weiß nicht, warum.“ Sie verschwindet in den Katakomben. Wortlos, trostlos, allein.

Sie hört nicht auf. Am 17. Juni schickt sie eine SMS: „sorry, dass ich so blöd war. auch wenn nicht alle träume wahr wurden, wir haben ein ticket geholt.“ Britta Steffen darf doch bei Olympia starten, allerdings nur in der Staffel, und dort erst mal im Vorlauf. Wenn ihr Körper es zulässt und auch der Zufall, kann sie in einem Staffelfinale um Medaillen schwimmen. In ihrer Sporttasche liegt ein Reiseführer über Athen, ein Geschenk der Eltern. Nein, sie hört nicht auf. Britta Steffen hat sich noch einmal zur Ordnung gerufen.

Sie ist 20, sie sitzt in Zimmer 45. Es ist Ende Juli, in ein paar Tagen macht sich Britta Steffen auf die Reise zum größten Sportfest der Welt. Ihr Zimmer misst zwölf Quadratmeter, ihr Leben spielt in einer Halle am Stadtrand, und der Trainer sagt: „Mich sieht sie öfter als ihren Freund.“ Der Leistungssport hat der unscheinbaren Schwimmerin die Kindheit verlängert. Doch mehr und mehr bekommt sie Lust auf die Jugend. „Wenn ich aus Athen wiederkomme, fange ich ein Studium an und nehme mir eine Wohnung“, sagt Britta Steffen. Beim Sprung aus dem Wasser auf die feste Erde will sie nichts dem Zufall überlassen.

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