Zeitung Heute : Lanzarote: Tanz auf dem Vulkan

Stefanie Bisping

Ich hatte eine Vision, ich habe hier eine Utopie verwirklichen wollen. Die natürliche Schönheit dieser Vulkaninsel sollte eine perfekte Symbiose eingehen mit den Schöpfungen des Menschen, mit der Kunst, mit der Architektur. Wir hatten es fast geschafft, und jetzt kommen diese Geier, diese Spekulanten ohne jede Moral ...", so klagte der Künstler und Landschaftsgestalter César Manrique 1988 in einem Interview über die "barbarischen Tourismusprojekte" auf seiner Heimatinsel Lanzarote.

Bald zehn Jahre nach seinem Unfalltod am 25. September 1992 müsste er wohl konstatieren, dass Umweltschutz und Massentourismus entgegen seiner Vision einander doch ausschließen. Zu unterschiedlich sind die Interessen von Investoren und den Umwelt-Initiativen, die Manrique noch immer als eine Art Schutzpatron Lanzarotes verehren. Und so ist die Vulkaninsel zum Zankapfel beider Parteien geworden - ein Streit, in dem die Umweltschützer die Entwicklung allerdings höchstens verlangsamen. Das zeigen schon die Zahlen: Kamen 1975 lediglich 8900 Besucher, wurde 2001 erstmals die Zwei-Millionen-Grenze überschritten; die Insel ist das ganze Jahr über zu gut 80 Prozent ausgelastet.

Lanzarote ist klein. So zeigt sich hier wie unter dem Brennglas, was Massentourismus bewirkt - mit allen Problemen von Bauruinen über enormen Energieaufwand, zunehmend zubetonierte Küsten und die Entsorgung großer Mengen Mülls bis hin zum rasanten Bevölkerungswachstum. Zu viele Sünden sind bereits begangen: Mit Hotels, deren Architektur sich um bestehende Bauvorschriften windet, Abwässern, die im Meer landen, immer neuen Ferienanlagen und Einkaufszentren, mit Straßen und Tankstellen für die rund 80 000 Autos, die auf der Insel umherfahren - eine erstaunliche Zahl angesichts von 105 000 Einwohnern. Schuld sind die Flotten der Mietwagengesellschaften und das nichtexistente öffentliche Transportwesen. All das spielt sich in einer wegen ihrer Trockenheit besonders sensiblen Landschaft ab, in der 80 Prozent des Wassers energieaufwändige Entsalzungsanlagen durchläuft, bevor es durch die Duschen der Hotels rauscht und in Swimming-Pools gelassen wird.

"Es ist schwierig, bei so vielen Leuten nett zu bleiben", benennt Alfredo Diaz, pädagogischer Leiter der César Manrique-Stiftung, einen weiteren Aspekt des Urlauberproblems. Natürlich wolle man auf Lanzarote Touristen haben, schließlich lebe man von ihnen, und sonst gebe es wenig Verdienstmöglichkeiten. Mit den traditionellen Erwerbsquellen Fischerei und Landwirtschaft hält sich kaum noch jemand auf. Zugleich sind sich wie Diaz viele Einwohner bewusst, dass das Geschäft mit den Urlaubern schließlich die Landschaft zerstört, deretwegen die Besucher ursprünglich herkamen. Einige wähnen die Insel bereits am Rand des ökologischen Zusammenbruchs - trotz so wohlklingender Titel wie dem des "Biosphärenreservats", mit dem die Unesco 1993 Lanzarote als einzigartige und (vermeintlich) intakte Landschaft auszeichnete. Die Folge des werbewirksamen Umweltsiegels: noch mehr Touristen. Dank einer Geldspritze der EU nahm immerhin im selben Jahr der mit 48 Windrädern größte Windpark der Kanaren den Betrieb auf. Er deckt ein Drittel des Energiebedarfs der Entsalzungsanlage der Inselhauptstadt Arrecife.

Touristen kasernieren, Natur bewahren

Wie man Lanzarote davor bewahren kann, unter dem Berg aus Bettenburgen, Bussen und Bermuda-Shorts zu versinken, wird seit Jahren diskutiert. Gesucht wird ein Weg, von den Touristen zu profitieren, ohne dass man allzu viel von ihnen sieht - somit hat das Konzept von César Manrique, mit dem er Lanzarote das (architektonische) Schicksal von Gran Canaria und Teneriffa ersparen wollte, noch Gültigkeit. Er hielt es nämlich für eine gute Idee, die Besucher in den eher seelenlosen Ferienorten Puerto del Carmen, Costa Teguise und Playa Blanca zu kasernieren, um so den Rest der Insel möglichst unberührt lassen zu können. Die Architektur von Hotels und Ferienwohnugen sollte sich dabei möglichst harmonisch in die Landschaft einfügen. Da der Urlauber gelegentlich Bewegungs- und Erkundungsdrang verspürt, sollten ihm landschaftliche Punkte, die die typische Kargheit, die Farben und Geologie der Insel repräsentieren, zugänglich gemacht werden - nachdem Manrique sie durch seine Kunst zu dem erhoben hatte, was er als perfektes Zusammenspiel von Natur und Kultur sah.

So entstand 1968 die Vulkangrotte Jameos del Agua, eine halb eingestürzte, von fernem Tageslicht diffus erhellte Höhle, in die er ein Restaurant mit Blick auf den Lagunensee, eine Bar mit Tanzfläche und später sogar einen Konzertsaal einfügte, ohne die verwunschene Atmosphäre zu zerstören. Im selben Jahr baute er mit seinem am Ende eines Lavafelds gelegenen Anwesen "Taro de Tahíche", das heute Museum und Sitz der Manrique-Stiftung ist, in einer Reihe von Vulkanblasen seine Vision des idealtypischen Inselheims - wenngleich die 2400 Quadratmeter Wohnfläche und das 33 000 Quadratmeter große Grundstück nicht unbedingt die finanziellen Möglichkeiten der Bevölkerung repräsentieren.

Durchs Fenster der Halle schwappt ein Strom in der Luft stehen gebliebener Lava, darüber öffnet sich der Blick über schwarze Weite auf ferne Vulkane. Die unterirdisch in Höhlen gelegenen, sparsam möblierten Wohnräume atmen futuristische Atmosphäre im Stil jener Zeit. 1970 kam mit dem Restaurant El Diablo in den Feuerbergen im Nationalpark Timanfaya, wo die Steaks mittels vulkanischer Hitze gegrillt werden, ein weiterer Touristenmagnet hinzu. 1973 gestaltete Manrique den Aussichtspunkt Mirador del Río, 1990 den wie ein lavaschwarzes Amphitheater in einer ehemaligen Vulkanaschengrube angelegten Kaktusgarten. Indes, immer mehr Mietwagen und bessere Straßen ermöglichen es Urlaubern längst, über diese "Zentren für Kunst, Kultur und Tourismus" hinaus in jeden Winkel Lanzarotes vorzudringen.

Farben befand Manrique als wesentlich fürs unverwechselbare Inselbild. Zum einen orientierte er sich an der traditionellen Architektur: weiße einstöckige Häuser mit grünen oder braunen Türen und Fenstern. Am Meer ließ er mit sicherem Sinn für Farbeffekte auch Blau als Hausschmuck zu. Wirkungsvoller könnte die Landschaft aus tiefem Schwarz, das die Vulkanausbrüche von 1730 bis 1736 über die Insel ergossen haben, kaum zur Geltung kommen. Die Farblehre ist längst Gesetz. Sogar Spielplätze sind in Grün und Weiß gehalten. Eine "Diktatur der Kultur" hatte Manrique gefordert, und in mancher Hinsicht setzte er sie auch durch. Wer heute aufsässig seine Tür gelb oder knallpink anstreicht, muss noch einmal zum Pinsel greifen.

Kern des Streits um das Schicksal Lanzarotes bleiben aber die Zahlen - von Betten und Besuchern. "Auf einer kleinen Insel wie Lanzarote ist es wie beim Theater. Wenn alle Plätze besetzt sind, gibt es eben keine Karten mehr", hatte Manrique festgestellt. Doch mit Zahlen lässt sich leicht jonglieren, bis jeder Platz doppelt und dreifach belegt ist. Das "Moratorium", ein Bauverzögerungsplan aus dem Jahr 1991, hat sich so als erstaunlich elastisch erwiesen. Seinerzeit war bereits an eine künftige Kapazität von 300 000 Betten gedacht worden, doch wurde diese Zahl auf 115 000 gesenkt. Damals gab es offiziellen Angaben zufolge bereits 60 000 Betten - andere Quellen gehen von bis zu 80 000 aus. 10 700 zusätzliche bis zum Jahr 2010 wurden abgesegnet, dann soll neu geregelt werden, wie mit den verbleibenden verfahren wird. Um diese nackten Zahlen windet sich eine breite Grauzone von bereits geplanten oder genehmigten Hotels, andere Gästebetten verbergen sich in vermeintlichen Privathäusern, und zwischen den Vulkanen ragen verdächtig viele Baukräne auf.

So ist man, wie anderswo auch, auf die Idee gekommen, weniger Leute nach Lanzarote zu holen, die dafür mehr Geld ausgeben sollen. Doch das ist so einfach nicht. Wenn die Insel auch kein Billigziel ist, so ermöglicht doch etwa das starke britische Pfund Besuchern aus England preiswerte Ferien. So ist jene Art von Vergnügungsrausch, die etwa in El Arenal auf Mallorca für manches traurige Schauspiel sorgt, auch auf Lanzarote nicht unbekannt. Mancherorts erschöpft sich authentisches Flair bereits im Akzent des Kellners. Und selbst wenn beim Bettenzahlenkungel künftig jeweils ein Vier-Sterne-Bett zwei Zwei-Sterne-Lager ersetzt, so bedeutet eine Zunahme betuchter Besucher schließlich auch mehr Golfplätze und Yachthäfen.

César Manrique gab 1988 sein Haus Taro de Tahíche auf und siedelte sich in Haría an, im "Tal der 10 000 Palmen", wo er prägende Kindheitsjahre verbracht hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits so viele Kreisverkehre mit Windspielen geschmückt, so viele Aussichtspunkte gestaltet, Embleme entworfen, Hotelgärten angelegt und sogar den Flughafen verschönert, dass die umworbenen wie gefürchteten Touristen einen großen Teil ihrer Ferien damit verbringen könnten, die Zeugnisse seiner Schaffenslust zu besichtigen. Erst in Haría verliert sich die Spur. Die ganze Insel hat Manrique zum Museum seiner Ideen gemacht, aber in diesem stillen Dorf im Norden hat er sich - oder Lanzarote ihm? - einen Rückzugsort gelassen. Kein Schild weist den Weg zu dem Haus, in dem er die Jahre bis zu seinem Tod durch einen Autounfall verbrachte. Und keines macht auf Manriques Grab auf dem Dorffriedhof aufmerksam.

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