Zeitung Heute : Lanzen für die Kunst

Werke von Per Kirkeby und Rebecca Horn schmücken das Haus

Christina Tilmann

Es waren einmal Tugenden, hoch auf dem Dach des Bundesratsgebäudes an der Leipziger Straße. Der Skulpturenschmuck des ehemals Preußischen Herrenhauses hatte den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt, zu DDR-Zeiten, als das Gebäude für die Akademie der Wissenschaften genutzt wurde, hatte man ihn nicht wiederhergestellt. Der dänische Künstler Per Kirkeby, der gemeinsam mit der Berlinerin Rebecca Horn den Wettbewerb für die künstlerische Ausgestaltung des Bundesratsgebäudes gewonnen hatte, knüpft also an Vorgänger an, wenn er für die Dachzone des Gebäudes acht Bronzeskulpturen entwirft: sechs kleinere an den Ecken, zwei Großskulpturen rechts und links der Giebelzone.

Wer je das Glück hatte, sich den Bronze-Werken über das Dach zu nähern, staunt ob der gewollten Unfertigkeit der Kirkeby-Skulpturen. Wie aus feuchtem Lehm gehauen, wirkt die schwarzpatinierte Bronze grobflächig mit den Fingern aufgetragen, fast weich und sonnenwarm. Doch wenn man dagegen klopft, tönt es hohl – die Montage der tonnenschweren Werke auf dem Dach war ein Meisterstück der Techniker.

Auch von unten betrachtet wirken die Skulpturen wie ein würdiger Abschluss des Gebäudes: Man erkennt zwar kaum, dass die kleineren Skulpturen an den Ecken grob behauene Gesichter tragen, vorragende Nasen, wulstige Lippen – während die vier Meter hohen Großstücke eher abstrakt gehalten sind und nur vage an Tafeln, Stelen, Mauerstrukturen oder Menschenleiber erinnern. Doch dass muss man auch nicht: Per Kirkeby hat sich jede politische oder allegorische Deutung seiner Werke verbeten. Der weltweit gefeierte Maler und Bildhauer denkt, wenn überhaupt, in architektonischen Zusammenhängen.

Den künstlerischen Höhepunkt bildet jedoch Rebecca Horns Installation „Drei Grazien“ in der Wandelhalle vor dem Plenarsaal. Durch die – mit dem Umbau wieder geöffneten – Kuppelöffnungen in der Decke zielen drei schmale, spitze Messing-Speere, die sich – mittels Zufallsgenerator – sanft im Kreis bewegen. Eine elegante, aber auch bedrohliche Konstruktion, deren Reiz noch dadurch gesteigert wird, dass der Besucher, der durch die Öffnungen den Blick zum Himmel sucht, mittels eines darüber montierten Spiegels auf sein eigenes Bild zurückgeworfen wird. Ein runder Spiegel am Boden holt dafür den Himmel wieder auf die Erde zurück.

Damoklesschwerter, Athenes Speer – viele Deutungen haben die filigranen Werke herausgefordert, ohne die Faszination der Konstruktion erklären zu können. Auch eine Anspielung an das ursprüngliche Bildprogramm der Wandelhalle, das durch die Nachkriegsnutzung des Kuppelbereichs als Küche unwiderbringlich beschädigt wurde und nur in Resten erhalten ist, ist denkbar.

Das Wechselspiel zwischen Verletzung, Bedrohung und Bewegung ist übrigens typisch für die auch an der Berliner Universität der Künste lehrende Horn, die in aller Welt gefeiert, in Berlin jedoch kaum je zu sehen ist. Umso glücklicher können wir über ihr Werk im Bundesrat sein.

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