Zeitung Heute : Lara Croft: Grabesstimmung auf der Konsole

Gregor Wildermann

Es hätte der Traum jedes Marketingstrategen werden können. Exklusive Geschäfte mit Pepsi und Land Rover, ein werbewirksames Musikvideo von der Gruppe U2 und eine aufwendige Website mit Live-Übertragungen vom Drehort. Zum Kinostart der mit 24 Millionen Spielen erfolgreichsten Videospielfigur am 28. Juni hätte "Lara Croft - Tomb Raider" die optimale Synergie zwischen Software und Zelluloid sein können. Mit der vollbusigen Hobby-Archäologin schien die perfekte Popfigur der Multimediawelt gefunden zu sein. Doch nun ist der Fall eingetreten, den niemand voraussehen konnte: Während Regisseur Simon West das neueste Lara-Croft-Abenteuer auf die Leinwand bringt, gleichen die Verkaufsregale der Videospielabteilungen in Sachen Lara Croft einem Antiquitätenladen.

Die fünfte Version der 1996 von Spieldesigner Toby Gard erfundenen Spielfigur wurde im vergangenen Jahr in die Läden gebracht, und dabei musste "Tomb Raider - Die Chronik" herbe Kritik einstecken. Veralteter Gamengine, schlechte Grafik und eine immer noch mangelhafte Kameraführung waren nur einige der Argumente gegen diesen letzten Aufguss.

Wer in diesen Tagen bei der Presseabteilung der Mutterfirma Eidos anruft, bekommt gegen jede Hoffnung die schlichte Aussage zu hören, dass dieses Jahr kein neues Tomb-Raider-Spiel mehr veröffentlicht wird. Man beabsichtige nicht, gesonderte Promotionsmaßnahmen zum Filmstart anzugehen. Das hatte für die Aktienfirma Eidos schon Konsequenzen: Ende letzten Monats wurde der Geschäftsbericht des abgeschlossenen Verkaufsjahres vorgelegt, und darin gab es fast nur Negativzahlen. Der Ertrag fiel im Vergleich zum Vorjahr um knapp 100 Millionen Mark. Kurz nach dieser Bekanntgabe fiel der Aktienwert am letzten Tag des Mai noch mal um 44 Prozent. Eidos selbst gibt als Grund für die Verluste die Einstellung von Segas Dreamcast-Konsole sowie den verzögerten Verkaufsstart von Sonys Multimediakonsole PlayStation 2 an.

Aber wie konnte es dazu kommen, dass die Oscarpreisträgerin Angelina Jolie als Heldin auf der Leinwand wütet, während die weltbekannte Pixeldame mit den Maßen 86 mal 61 mal 89 am heimischen Bildschirm eher dem Altersheim zusteuert? Die Arbeiten an einer komplett neuen Version von Tomb Raider sind in vollem Gange, doch die kompliziert zu programmierende PlayStation 2 stellte die Entwickler vor eine ganz neue Herausforderung.

Auch andere Top-Titel für Sonys schwarze Spielkonsole mussten deswegen immer wieder verschoben werden. Die Flugsimulation "Star Wars Starfighter" von LucasArts erschien fast ein halbes Jahr nach Verkaufsstart. Die von vielen Spielfans sehnsüchtig erwartete Fahrsimulation "Gran Turismo 3" erscheint erst Mitte Juli. Dabei gingen in Japan schon in den ersten Verkaufstagen mehr als eine halbe Millionen GR3-Titel über die Ladentheke, was besonders für Sony-Chef Nobuyuki Idei ein gutes Trostpflaster sein müsste. Mit einem Verkaufsziel von 10 Millionen Konsolen vor Augen weiß er sehr genau um die enorme Bedeutung der Soft- und Hardware, auf der fast die ganze Entertainmentphilosophie von Sony beruht.

Als Firma im Wandel vom reinen Fernseherverkauf zum kompletten Content-Anbieter verdiente Sony im letzten Geschäftsjahr lediglich 4,6 Milliarden Dollar mit Filmen, aber 6 Milliarden Dollar mit Videospielen. Dabei brachte die erste PlayStation-Konsole im Geschäftsjahr 2000 noch 30 Prozent des Gesamtumsatzes, während die teure PlayStation 2 erst einmal nur Verluste einfährt. Im Gegensatz zu Eidos, die damals mit dem Kult um die ersten Tomb-Raider-Spiele auch enorm die Konsolenverkäufe ankurbelten, hat Sony mit der eigenen Filmfirma Columbia ein ganz besonderes As selbst im Ärmel. Denn in den USA kommt am 11. Juni der computeranimierte Film "Final Fantasy - The Spirit Within" (deutscher Filmstart: 23. August) in die Kinos, der basierend auf dem 26 Millionen mal verkauften gleichnamigen Videospiel die Sci-Fi-Geschichte von Dr. Aki Ross erzählt.

Unter der Regie von Spieleerfinder Hironobu Sakaguchi arbeiteten 200 Animateure auf Honolulu an den beeindruckenden fotorealistischen Figuren, die nach drei Jahren Produktionszeit ein Budget von 137 Millionen Dollar verschlungen haben. Und obwohl die Handlung des Films an die Spielvorlage angelehnt wurde, gab Produzent Jun Aida auf der Website Gamers.com vielversprechende Pläne für eine Doppel-DVD bekannt, die in Umfang und Interaktion ganz neue Maßstäbe setzen soll: "Als wir erfuhren, das die PlayStation2 auch DVDs abspielen würde, haben wir uns recht früh Gedanken zu einem interaktiven Produkt gemacht. Die DVD des Kinofilms wird es zum ersten Mal möglich machen, bestimmte Filmsequenzen neu zu rendern, um dann eigene Kamerawinkel und Abläufe einzugeben." Die Möglichkeiten einer Festplatte für die PlayStation 2 oder für Microsofts erste Spielkonsole X-Box dürfte dabei die Zukunft der Videospiele samt möglicher Mediensynergien noch rosiger aussehen lassen.

Erschienen bisher viele Spieltitel durch ihre Vorlaufzeiten zum Filmstart fast veraltet, wird man Anfang 2002 diesen Nachteil wieder ausgleichen können. Blockbuster wie "Herr der Ringe" oder "Harry Potter" könnten davon als erste bei ihren Spielumsetzungen von Sierra oder Electronic Arts profitieren. Als Verlierer auf diesem Gebiet steht wie schon bei "Tomb Raider" leider auch der sympathische Animationsfilm "Shrek" da. Zum Kinostart im Juli gibt es lediglich ein GameBoy-Titel, während das passende Konsolenspiel erst im nächsten Jahr für die X-Box erscheint. Zu der Zeit dürfte das Publikum den Film schon fast vergessen haben.

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