Zeitung Heute : Lasst die Kreativen leben!

Der Tagesspiegel

Von Harald Martenstein

Etwa um 20 Uhr 44 rief ich meine Mutter an. Sie lebt im Westen. „Hilfe! Ich soll über Thomas Gottschalk eine Fernsehkritik schreiben, weil der neue ZDF-Intendant ihn kritisiert hat und weil er einen Gagschreiber braucht. Aber in Berlin ist seit einer halben Stunde totaler Bild- und Tonausfall. Wir sind das Tal der Ahnungslosen. Welche Gags macht Gottschalk denn gerade?“

Meine Mutter war immer ein großer Gottschalk-Fan, wie schon unsere Großmutter. Thomas Gottschalk wird bei uns im vierten Glied von Generation zu Generation weiter gegeben. Meine Mutter sagte: „Tut mir leid, ich gucke den Film mit Al Pacino. Gottschalk gefällt mir nicht mehr. Der macht blöde Witze und hat doofe Gäste, wie neulich diese Silikonhühner. Ich bin jetzt Harald-Schmidt-Fan. Der hat mehr Niveau.“ Mein Gott, jetzt denkt sie auch schon wie ZDF-Intendant Markus Schächter.

Ab 20 Uhr 45 wurde Gottschalk endlich auch in Berlin ausgestrahlt, der Sender Schäferberg war repariert. Gottschalk redete gerade mit dem Fußballer Stefan Effenberg. Gottschalk sagte: „Meine Fußsballfragen sind gefürchtet. Ich hab’ ja auch meine Sportberater. Na ja, solange ich nicht Friesinger zu dir sag.“ So ging es die ganze Zeit weiter. Er hat aus der Kritik an ihm den Running Gag von „Wetten, dass . . .?“ gemacht. Dabei wirkte er aber befangen. Man spürte, wie er sich zusammenriss. Gottschalk hat ja die Lockerheit ins deutsche Fernsehen gebracht, jetzt sah ausgerechnet er verkrampft aus. Und beleidigt. Tatsächlich, Gottschalk wirkte beleidigt! Ein bisschen wie Berti Vogts nach einem verlorenen Spiel. Oder wie Rudolf Scharping nach den Mallorca-Fotos. Ein beleidigter Entertainer – das ist kein schöner Anblick.

Der ZDF-Chef Markus Schächter hat mit seiner öffentlichen Kritik schlafende Hunde geweckt. Und er hat sein altes Zugpferd nicht besser gemacht, im Gegenteil. Das war abzusehen, denn diese Methode funktioniert fast nie. Kreative, die man unter Druck setzt, werden davon in der Regel nicht kreativer, nur unsicher. Die Quote von „Wetten dass . . .?“ lag bei knapp über 14 Millionen, die übliche fette Zahl. Der Streit hat auf die Quote keinen positiven Einfluss gehabt. Sie kann sinken, aber sie ist nicht mehr steigerbar. Auch dieses Kalkül, falls es denn eines war, ist nicht aufgegangen.

„Alles, was freudig zurückkommt, ist ein Bumerang, auch Dagmar Siegel. Der war von mir!“, rief Gottschalk. Ein 15-jähriger Junge trat auf, der Sohn eines Urologen. Dieser Junge muss sich wegen seines Vaters sicher oft blöde Witze anhören. Gottschalk: „Ich komm auch manchmal nach Hause und sag’: Mein Job is’ für’n Arsch.“ So ging das die ganze Zeit. Man wäre hin und wieder gerne vor Peinlichkeit in den Boden versunken, aber einen so tiefen Boden gibt es in einer normalen Wohnung ja nicht.

Es ist völlig okay, gegenüber Prominenten frech zu sein. Sie können sich wehren. Es ist nicht gut, zu 15-jährigen Studiogästen frech zu sein. Aber Thomas Gottschalk hatte sich nun mal vorgenommen, besonders witzig zu sein. Wenn zum Beispiel eine Fußballmannschaft sich vornimmt, besonders schön zu spielen, verliert sie auch meistens.

Thomas Gottschalk und Götz George, vor allem diese beiden haben das deutsche Fernsehen entkrampft, vor vielen Jahren. Der eine hat sich den Fernsehkrimi vorgenommen, der andere die Fernsehshow. Diese Mission ist zweifellos erfüllt. Wie geht man mit einem historischen Sieg um? Auch George versucht noch hin und wieder, den Schimanski zu spielen. Selten. Er hat sich umorientiert. Ernste Rollen hatte er auch auch schon vor seiner Schimanski-Zeit oft genug gespielt.

Gottschalk dagegen ist ganz und gar Gottschalk geblieben, er kann wohl nicht anders. Dass es damit allmählich zu Ende geht, versteht sich von selbst. Die Kunstfiguren Stefan Raab und Harald Schmidt haben zwei Aspekte der Kunstfigur Gottschalk übernommen und perfektioniert – der eine die Dreistigkeit, der andere die Ironie. Eine gewisse Form von uneleganter Schlüpfrigkeit dagegen ist Gottschalks Monopol geblieben, das wird, wenn er eines Tages abtritt, mit ihm verschwinden. Diesmal schaute er der Schauspielerin Jutta Speidel so lange ins Dekolletee, bis sie laut protestierte.

Ob Gottschalk einen Gagschreiber braucht – keine Ahnung. Dringender braucht er einen Interviewberater. Er war gedanklich so sehr mit sich selbst und seiner eigenen Krise beschäftigt, dass die Gespräche mit den Gästen noch desinteressierter ausfielen als üblich. Zu Britney Spears fiel ihm gar nichts ein, bei Rod Steward wusste er nicht mal, dass er aus Schottland stammt. Von einer türkischen Tänzerin wollte er wissen, aus welchem Land ihre Tänze kommen. Ich tippe mal: aus der Türkei. Die Tänzerin verstand aber kein Deutsch und lächelte bloß verwirrt. Daraufhin Gottschalk: „Es ist ja eigentlich egal, wo’s herkommt.“ Er hat Recht. Dieser Job ist wirklich für’n Arsch.

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