Zeitung Heute : „Lasst doch tausend Blumen blühen!“ Theatermacher Jürgen Flimm über Avantgarde und Festivalitis

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Herr Flimm, warum brauchen wir Festivals?

Der Ursprung des Theaters geht ja nicht auf die segensreiche Erfindung des deutschen Stadttheaters zurück, sondern auf die großen griechischen Theaterspiele, auf Festivals also. Wir Menschen feiern gerne, jedes Festival ist ein Fest der Sinne und Gedanken, zumal im Sommer, wenn es warm ist und die Leute sich mit Kultur ihre Ferien versüßen.

Sind Festivals denn noch Wegbereiter für die kulturelle Mode der nächsten Saison?

Bei Festspielen versammeln sich gute Sänger und Schauspieler mit guten Dirigenten und Regisseuren – wegen der Konzentration von Qualität, die auch für Künstler ein Fest bedeuten. Schlaue Impresarios behaupten gerne, dass ein Festivalmacher die Avantgarde planen kann. Ich halte das für Geklapper. Aber wenn wir die richtigen Leute zusammenbringen, kann Avantgarde durchaus entstehen.

Derzeit gibt es eine regelrechte Festivalitis. Ist dieser Boom zu begrüßen?

Um mit Mao zu sprechen: Lasst tausend Blumen blühen! Ich finde es wunderbar, wenn in Ruinen, Burgen und auf Plätzen theatralische Veranstaltungen stattfinden.

Festivals sind populär. Kann das jüngere Publikum die Eintrittspreise überhaupt bezahlen?

Das Festival-Publikum unterscheidet sich kaum von dem der Stadttheater. In Salzburg wurden dieses Jahr bis zu 20 Prozent mehr Karten verkauft als im Vorjahr. Und wenn wir im Stadtkino junge europäische Regisseure vorstellen, ist das auch für kleinere Geldbeutel erschwinglich. „Don Giovanni“ in der dritten Reihe im Festspielhaus ist allerdings in der Tat ziemlich teuer.

Festivals vernetzen sich immer mehr mit festen Häusern. Eine Not oder eine Tugend?

Kooperation ist eine Art sinnvolle Auswertung. Für die Uraufführung von Peter Turrinis „Da Ponte in Santa Fé“ unter Claus Peymanns Regie arbeiten wir mit dem Berliner Ensemble zusammen, wo die Inszenierung später zu sehen sein wird. Und das neue Tanzstück von Joachim Schlömer, produzieren wir mit zwei Partnern, dem Tanzfestival in Essen und dem Deutschen Theater. Wir legen Wert darauf, dass die Stücke in Salzburg zum ersten Mal gezeigt werden, aber sie sollen ja nicht gleich wieder verschwinden.

Was ist denn Ihr schönstes Festival-Erlebnis?

1964 fuhr ich in meinem alten VW von Köln nach Avignon, meine erste Reise in den Süden. Nachts saßen wir mit den Schauspielern von Planchon vor dem Palais du Papes unter den Platanen und erfanden das Theater neu. Das war meine Initialzündung. Und dann 1982, als ich in Köln das erste Festival von „Theater der Welt“ geleitet habe. Da war dieses Mädchen mit widerborstigen Haaren, das mit Geige und Video als Performerin auftrat. Mit der habe ich jeden Abend deutsches Bier getrunken und über Töne diskutiert. Das war Laurie Anderson, die damals kaum jemand kannte. Aber ich war total verliebt.

Und worauf freuen Sie sich am meisten bei den diesjährigen Salzburger Festspielen?

Als alter Theaterstriesel freue ich mich auf jede Premiere, ganz besonders auf den „Jedermann“. Das ist eine Revolution: das alte Stück unter neuer Regie. Wenn da nicht der Dom wackelt!

Das Interview führte Christiane Peitz.

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