Zeitung Heute : Lasst junge Architekten bauen

Lust auf Experimente zeichnet die jüngste niederländische Architektur aus, die nicht nur in den alten Hafengebieten und Metropolen Akzente setzt

Jürgen Tietz

Provokant und bunt, höchst unkonventionell und ziemlich jung – die niederländischen Architekten und ihre Bauten genießen seit Jahren im weltweiten Architekturzirkus einen ganz besonderen Ruf. Allen voran der Vordenker der neuen Niederländischen Innovationsfreude, der mittlerweile 59-jährige Rem Koolhaas, der nicht nur mit seinen Bauten, sondern auch mit seinen Büchern stets aufs Neue provokante Denkanstöße liefert – wie mit seinem jüngsten Werk „Content“ (Rem Koolhaas, Brendan McGetrick (engl.) Taschen Verlag, Köln 2004, 9,99 Euro).

Zugleich erweist sich sein Büro O.M.A. seit Jahren geradezu als eine Maschine zur Produktion kreativer Architekten: Wie aus einem Schwamm saugen sie aus dem schier unerschöpflichen Gedankenpool von O.M.A ihren Nektar – um ihn schließlich mit ihren eigenen Büros in die gebaute Wirklichkeit zu überführen.

Doch es ist nicht zuletzt die erfolgreiche Architekturpolitik, die den Architekturboom in unserem kleineren Nachbarland ermöglichte. Eine Politik, die inzwischen weltweit Nachahmer findet. Die ökonomische Krise der achtziger Jahre wurde in den Niederlanden zum Anstoß, neuen „Raum für Architektur“ zu schaffen – so der Titel eines 1992 auf Betreiben des Kultur- und des Wirtschaftsministeriums vom Parlament verabschiedeten Papiers. Mit ihm sollte es gelingen, auf nationaler wie auf lokaler Ebene Rahmenbedingungen für ein günstiges architektonisches Klima zu schaffen. Eine Initiative, die nicht zuletzt in der Errichtung des mittlerweile höchst renommierten Niederländischen Architektur Instituts (NAi) nach einem Entwurf von Jo Coenen gipfelte. Dort hat man denn auch längst die niederländische Architektur als eine weltweit wirksame Marke erkannt. Deshalb fördert man nicht nur die wissenschaftliche und künstlerische Auseinandersetzung mit der Baukunst wie im Fall der aktuellen Ausstellung „Reality Machines“, sondern entwickelt auch Einzelausstellungen zu bedeutenden niederländischen Büros. Etwa zu Kees Christiaanse und ASTOC, die auch in Berlin zu sehen war.

Auf die Frage, was denn die niederländische Architektur so erfolgreich mache, gab Aron Betsky, derzeitiger NAi Direktor, jüngst in einem Gespräch eine lapidar anmutende Antwort: „Indem man vor allem die jungen Architekten bauen lässt und ihnen Experimente zugesteht.“

Und tatsächlich wachsen in den Niederlanden zahlreiche junge Architekten nach, die es verstehen, sich vergleichsweise schnell einen guten Namen zu machen. Zu dieser Gruppe gehört auch René van Zuuk, der das im vergangenen Herbst eingeweihte neue Amsterdamer Architekturzentrum „Arcam“ (Architectuur Centrum Amsterdam) entworfen hat. Von van Zuuk stammt aber auch der Entwurf eines ebenfalls höchst skulptural anmutenden Apartmentblocks in Almere. Ohnehin bildet Almere, eine Schlafstadt nahe Amsterdam, ein typisches Beispiel für den aktuellen niederländischen Städtebau. Wurde die Stadt doch erst zu Beginn der siebziger Jahre auf einem dem Ijsselmeer abgerungenen Landstück angelegt und erhält nun seit einigen Jahren ihr eigenes Stadtzentrum nach dem Masterplan von Rem Koolhaas. Doch es lässt sich in Almere auch gut am Wasser wohnen, wie die übereinander gestaffelten Kuben von UN Studio, Ben van Berkel & Caroline Bos zeigen.

Die Gewinnung neuer Städte aus den Poldern oder doch zumindest das Ausbilden neuer Stadtteile, die die historischen Städte ergänzen, gehört zu den Leitmotiven des niederländischen Städtebaus, um den dringend benötigten Raum für Wachstum zu schaffen. Berühmt ist inzwischen die Bebauung der Halbinsel Borneo Sporenburg im einstigen Hafen von Amsterdam, deren Masterplan vom Büro West, Adrian Geuze & Partner stammt. Ihr Kennzeichen ist eine ebenso kompakte wie dichte Bebauung, mit der Städtebau und Architektur gemeinsam auf den begrenzten Raum in den Niederlanden antworten.

Zwischen die kleinteilige Bebauung Borneos sind dabei immer wieder architektonische Großstrukturen als Kontrapunkte eingestreut. Etwa der Wohnblock „The Whale“ von de Architekten Cie./ Frits van Dongen, dessen Größe und bewegte Formen entfernt an die Konturen des Meeressäugers erinnern. Dass die Architektur trotz dieser klaren Vorgaben in Borneo die ganze Bandbreite der aktuellen Moderne und ihrer unterschiedlichen Gewänder vorführt, wird schnell deutlich: Mal zeigt sie sich mit strenger Backsteinreihung – etwa bei Claus en Kaan, mal dagegen mit kubisch gestaffelten Ziegelbauten wie bei Kees Christiaanse.

Oder aber mit individuellen Häusern am Wasser, wie sie von MVRDV stammen: Auf einer gerade einmal 4,20 Meter schmalen Parzelle hat das spritzig innovative Büro von Winny Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries durch eine optimale Raumausnutzung eine höchst individuelle Wohnform verwirklicht. Ihre unkonventionelle Handschrift, die sie nicht nur mit dem Expo-Pavillon in Hannover bewiesen haben, zeigt sich auch bei dem inzwischen legendären Wohnblock WOZOCOs in Amsterdam: farbige Balkongläser und weit auskragende Skyboxen, die jeder Statik zu spotten scheinen, verleihen ihm sein unverwechselbares Aussehen.

Unverwechselbar ist auch eines der jüngsten Projekte von MVRDV: Silodam, ein buntes zehngeschossiges Haussilo im Hafen von Amsterdam, mit unterschiedlich geschnittenen Apartments und öffentlichen Bereichen.

Die Konversion von Hafenflächen zu Wohn- und Geschäftsbereichen, die inzwischen auch in Deutschland von Düsseldorf bis Hamburg zu einem wichtigen Thema für Architektur und Städtebau geworden ist, gehört auch zu den Leitmotiven von Kop van Zuid in Rotterdam. Doch die Suche nach innovativen Gebäudeformen beschränkt sich nicht nur auf den Wohnungsbau – auch wenn der tatsächlich einen deutlichen Schwerpunkt in der niederländischen Architektur der letzten Jahre spielt – und sie reduziert sich auch nicht auf die Metropolen. Das beweist die neue Stadthalle, die Erick van Egeraat, Architekt der ING-Bank in Budapest (1997), jüngst für Alphen aan den Rijn bei Leiden verwirklicht hat. Es ist eine dynamisch-organische Gebäudeform, die tropfenförmig ausschwingt und mit ihrer Fassade aus bedruckten Glasscheiben zwischen Transparenz und Abgeschlossenheit vermittelt. Eine Architektur, wie man sie kaum je in einer deutschen Stadt finden würde. Der Grundgedanke, der am Beginn der Zweiten Moderne in den Niederlanden stand, nämlich der Architektur Raum zu geben, sollte auch diesseits des Rheins stärker Berücksichtigung finden.

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