Zeitung Heute : Lasst Taten sprechen

Der Tagesspiegel

Von Sandra Dassler

Es gibt so Tage, da packen mich Zweifel, ob es richtig war, in den Westen – will sagen: nach West-Berlin zu gehen. Wie entgeistert meine Kolleginnen gestern schauten, als ich fragte, ob genügend Vasen vorrätig seien. Frauentag? So was kann nur von einer Ossi–Frau kommen. Aber schön waren sie eben doch, die Blumen zum Frauentag. Und wenn der Kollege sich auch das ganze Jahr über daneben benahm – am 8. März stand immer ein großer Strauß auf dem Schreibtisch. Und erst die Feiern: Klar war alles ideologisch instrumentalisiert. Aber nach dem dritten Apfelkorn interessierte das keine(n) mehr. Zwar gab es um den 8. März weder Kneipenplätze noch genug Blumen – doch die einzig wichtige Frage war, ob der männliche Abteilungsleiter es diesmal schaffen würde, mit allen Frauen zu tanzen.

Logisch, dass die DDR pleite ging: Wir haben am Frauentag einfach zu viel gefeiert. Heute, im angeblich hedonistischen Westen, zu dem jetzt auch der Osten gehört, wird am Frauentag gekämpft. Den ganzen Tag flatterten gestern Faxe in die Redaktion: Demos von Reinickendorf bis Buch gegen die Sparvorhaben des Senats. Ausgerechnet Frauenhäuser und Integrationsprojekte – die letzten Zufluchtsstätten für in Not geratene Mädchen und Mütter – sollen weniger Geld bekommen. Der Widerstand dagegen, so kündigten Kritiker an, wird sich nicht auf den 8. März beschränken. Irgendwie hat mich das dann doch versöhnlich gestimmt. Und spätestens als ich las, dass ein Bundestagsabgeordneter heute PR-wirksam rote Rosen vor dem Karstadt-Kaufhaus in Tempelhof verteilen will, wurde mir klar: Auf die Blumen können Frauen zur Not verzichten.

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