Zeitung Heute : Lasst uns bloß nicht allein

In Spangdahlem, Standort der größten US-Air-Base Europas, ist die deutsch-amerikanische Freundschaft intakt, schließlich lebt man voneinander

Silke Becker

Herr Simon mag die Amerikaner. Ihretwegen ist er heute ein wohlhabender Mann. Seine Mutter hat bei den Amerikanern gearbeitet, seine Frau hat bei den Amerikanern gearbeitet und die Tochter arbeitet immer noch auf der Air Base. Der Sohn war mit einer Amerikanerin verheiratet und hat sein Autogeschäft „Hot Wheels“ genannt. Simon sagt, „die Amis ziehen sich wie ein roter Faden durch meine Familie“, und er kennt viele andere in Bitburg und Umgebung, „bei denen es ganz genauso ist“.

Bitburg liegt in der Eifel, hundert Kilometer südwestlich von Koblenz. Die Stadt ist bekannt für ihr Bier. Aber sonst, sagen die Menschen, wäre in Bitburg – ohne die Amerikaner – nichts los. Früher lebten hier mehr als 20000 neben den 12000 Einheimischen. In manchen Zeiten kamen mehr amerikanische Kinder zur Welt als deutsche. 1994 wurde die US–Basis in Bitburg geschlossen, aber es gibt immer noch die Wohnsiedlungen und ein paar Kilometer weiter, in Spangdahlem, den größten amerikanischen Militärflugplatz Europas. Die Amerikaner wohnen nicht nur in den Siedlungen, viele haben sich in den Dörfern Reihenhäuser gemietet. Die Hauseigentümer, die Handwerker, die Supermärkte, sie alle leben von den Amerikanern. Ebenso die vielen Autohändler, die Blumenläden, die Gaststätten und Hotels, in denen der Besuch aus den USA sich einmietet, wenn er zu Verwandten hierher kommt.

Ist diese eingeschworene deutsch-amerikanische Gemeinschaft irritiert von den politischen Spannungen zwischen der Bundesrepublik und den USA in der Irakfrage? Schlägt sich die internationale Politik auch im Alltag nieder? Gibt es schon feine Risse in der Freundlichkeit zwischen Deutschen und Amerikanern?

„Nee, hat sich nichts verändert, nur weil sich die Politiker nicht mehr verstehen“, sagt Simon. Der 62-Jährige ist ein einfacher Mann, Typ feiner Kumpel, einer, der sich hochgearbeitet hat. Vom Verkäufer bei Mercedes, Anfang der Siebziger, als der Dollar auf 4 Mark 20 stand und die Amerikaner kauften und kauften. Er war auch ein paar Jahre Verkäufer im Basic Exchange, dem Kaufhaus auf der Air Base. Da bekam er mit, wie die amerikanischen Chefs „Blut und Wasser schwitzten“, wenn sie mit den deutschen Arbeitnehmerrechten konfrontiert wurden.

Manfred Simon sagt von sich, dass er wirklich viele amerikanische Freunde habe, er war auch schon „drüben“. Aber viel um Politik sei es nie gegangen, früher nicht und heute auch nicht. Nur eines habe sich geändert in der letzten Zeit, sagt Simon nach langem Nachdenken. Es sei ruhiger geworden, die Amerikaner zögen sich mehr zurück. Aber das gehe schon seit dem 11. September so. Seither werden die Soldaten von der Air Base angehalten, nicht immerzu die gleichen Wege zur Arbeit fahren, damit niemand sie verfolgen kann. Auch tauchen sie in den Kneipen seltener in großen Gruppen auf, weil auch das als gefährlich gilt. Herr Simon hält solche Vorsichtsmaßnahmen für „großen Quatsch“. Weil es doch nirgends so sicher ist wie in der Eifel.

Mittlerweile knüpft vor allem der Sohn die Kontakte zu den Amis – über seinen Autoladen „Hot Wheels“. Aber über Politik, „ganz ehrlich“, werde da auch nicht geredet: Jetzt nicht und auch nicht 1991, während des Golfkriegs. Eigentlich hält Simon solche Gespräche auch für „sinnlos“. Denn was sollen die Air-Force-Angehörigen schon groß sagen, die hätten schließlich ihre Pflicht zu tun. Und soll er etwa den Soldaten erzählen, dass er Clinton lieber mochte als Bush.

Eine lange gut ausgebaute Straße führt von Bitburg nach Spangdahlem, in Hügel gebettet, rechts und links Dörfer. Idyllisch, wären da nicht die Flieger. Aber das stört die Menschen hier nicht mehr, sie erkennen den Maschinentyp schon am Motorgeräusch. „A10“ oder „F16“ sagen sie, ohne auch nur zum Himmel zu schauen. Manch einer wundert sich höchstens über das Platzbedürfnis der Amerikaner, die immer große Wohnungen wollen, nie das Licht ausschalten und die Heizungen voll aufdrehen. „Weiß man doch, dass die noch nichts von Umwelt gehört haben“, sagt eine Wirtin gelassen. Der Menschenschlag hier ist ruhig, beständig, konservativ und nicht übermäßig kritisch.

Dietmar Gertens jedenfalls würde es nie einfallen, Kritik zu üben. Gertens ist 35 und stammt aus Spangdahlem, einem Ort, in dem die Kneipen „Mum’s Place“ oder „Irish Pub“ heißen. Gertens ist es peinlich, dass die amerikanische Politik in Deutschland kritisiert wird, und deshalb rückt er den Amerikanern eher noch näher. Vor fünf Jahren hat er sich ein ziemlich großes Haus gebaut, imposante Auffahrt, das Grundstück misst 1200 Quadratmeter. Nun wohnt er mit seiner Frau Sonja und den drei Kindern oben im Haus, unten wohnt eine amerikanische Familie mit zwei Kindern. Aus dem Wohnzimmer sieht man auf den amerikanischen Militärflugplatz. Gertens versteht gar nicht, warum in Deutschland so viel demonstriert und kritisiert wird: Die Amerikaner setzten sich doch mit diesem Krieg für Demokratie ein. „Wir hatten doch auch mal so einen, von dem uns die Amerikaner befreit haben.“

Gut 1000 US-amerikanische Männer und Frauen, meldeten die örtlichen Zeitungen, sind schon aus Spangdahlem abgezogen worden. Einer davon ist der Mieter von Dietmar Gertens. Die Frau des Air-Force-Angehörigen sitzt mit am Tisch. Ein schmale, zarte Gestalt, 27 Jahre alt. Anfangs wusste selbst sie nicht, wo ihr Mann hinkommt: Temporary Duty heißen diese Einsätze, zu denen sie allzeit bereit sein müssen. Inzwischen weiß sie zwar, wo er ist, darf es aber nicht sagen.

Immer wieder wird im Haus der Gertens von allen Seiten beteuert, wie gut man sich versteht: Man grillt zusammen, hütet abwechselnd die Kinder, fährt sich gegenseitig zur Werkstatt. Später dann stehen alle in der Wohnung der Amerikaner – Dietmar Gertens und seine Frau und ein Haufen Kinder, und plötzlich fragt der fünfjährige Sohn der Amerikanerin: „Why are you all here?“, als wäre das dann doch nicht so alltäglich.

Klaus Rodens, Bürgermeister von Spangdahlem, will sich gar nicht ausmalen, wie das wäre, wenn alle Amerikaner hier auf einmal abzögen. Ihm reichte es schon, dass vor ein paar Wochen gemeldet wurde, die amerikanische Regierung werde möglicherweise Standorte schließen. Es hieß zwar, das habe nichts mit der aktuellen deutschen Politik zu tun, aber daran glaubt hier keiner.

Der Arzt Tom McCurdy wird wahrscheinlich erst in einem Jahr versetzt. Dann wird er vier Jahre in Deutschland gewesen sein. Engeren Kontakt zu Deutschen hat er aber nicht bekommen. Wahrscheinlich ist sein schlechtes Deutsch der Grund dafür, denkt er. Also lernt er jetzt Vokabeln.

Den engsten Kontakt hatte er zu seinem ehemaligen Vermieter, einem älteren Herrn, der die Miete gern in bar haben wollte. Also brachte Tom McCurdy ihm Monat für Monat das Geld vorbei. Er wurde hereingebeten, aber nur in die Küche. Wohin er versetzt wird, erfährt er nächstes Jahr. Sollte er später noch einmal nach Deutschland kommen, werde er bestimmt in Bitburg vorbeischauen und gucken, was sich verändert hat. Er mag ja das Land und die Deutschen sehr gern. Aber jemanden besuchen? Nein, er wüsste nicht, wen.

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