Zeitung Heute : Lasst uns die Ukrainer übers Ohr hauen

NEUKÖLLNER OPER Regiseur Henrik Müller und sein Texter Kriss Rudolph verlegen Jacques Offenbachs Operettenklassiker „Pariser Leben“ in die heutige Berliner Clubszene.

In „Berliner Leben“ erlebt ein Touristenpaar sein blaues Wunder. Weitere Fotos: http://www.tagesspiegel.de/mediacenter/fotostrecken/
In „Berliner Leben“ erlebt ein Touristenpaar sein blaues Wunder. Weitere Fotos:...

Wenn Hendrik Müller von seiner Idee erzählt, klingt es so selbstverständlich, dass man sich wundert, warum niemand früher drauf gekommen ist. In Jacques Offenbachs Operette „Pariser Leben“ kommt ein schwedischer Baron mit seiner Frau nach Paris, um sich zu amüsieren. Die Stadt ist für ihn ein einziges Versprechen, er ist wild auf sexuelle Abenteuer, merkt aber nicht, wie ihm durch allerlei Rollentausch, Verwechslung und Verkleidung übel mitgespielt wird. „Das ist doch das Berlin von heute!“, sagt Müller, „ein nicht greifbares Versprechen. Jeder Neubau ein Hostel, wer hierherkommt, sucht Atmosphäre, keine Sehenswürdigkeiten.“ Jetzt inszeniert er Offenbachs Stück als „Berliner Leben“ an der Neuköllner Oper, Premiere ist am 15. März.

Hendrik Müller, 34, ist freischaffender Regisseur. Der gebürtige Berliner hat an der Humboldt-Universität studiert und lebt in Mitte, die digitale Boheme vom St. Oberholz am Rosenthaler Platz hat er täglich vor Augen. „Auch das ist der Versuch, sich durch Maskerade zu etwas Besserem zu machen, als man ist“, meint er. „Ich weiß nicht, wie viele von denen Kredit aufnehmen mussten, um sich ihre hippen Apfelprodukte leisten zu können.“ In seiner Inszenierung wird das Besucherpärchen nicht aus Schweden kommen, sondern aus der Ukraine. „Was damals Schweden war, ist heute Osteuropa“, meint Autor Kriss Rudolph, der 2011 mit dem Niedersächsischen Hörfunkpreis ausgezeichnet wurde und jetzt den neuen Text für „Berliner Leben“ geschrieben hat. „Skandinavien war im 19. Jahrhundert der Inbegriff des Verschlafenen, Provinziellen. Das bekommt man heute so nicht mehr verkauft. Und das Paar aus Amerika kommen zu lassen, hätte mich gelangweilt. Also Osteuropa, dort gibt es noch ein anderes Wertesystem.“ Das Stück ins Heute zu transportieren, ist das zentrale Anliegen von Hendrik Müller: „Es ist ein absolutes Gegenwartsstück, Offenbach hat es 1866 geschrieben, und es spielt 1866.“ Es 2012 aufzuführen, bedeutet dann eben auch, keine Handschuhmacherin mehr auftreten zu lassen, weil es keine mehr gibt – aber dafür andere prekäre Berufe.

Die Musik ist von Barbara Rucha arrangiert worden, einer Komponistin, mit der Müller schon zum sechsten Mal zusammenarbeitet. Sie wird sehr viel stärker a-cappella-basiert sein als das Original, aber: „Es ist wie bei den Comedian Harmonists. Da denkt jeder spontan, die hätten nur a cappella gesungen, tatsächlich wurden sie aber von Klavier oder Band begleitet“, so Müller. Auch an der Neuköllner Oper soll es so sein: Drei Musiker mit Klavier, Schlagzeug, Keyboard, Glasharfe, Zither und Akkordeon begleiten die elf Sänger, darunter zwei klassisch ausgebildete (Clemens Gnad und Arpine Oganyan als das ukrainische Paar), außerdem Musicaldarsteller und singende Schauspieler. Offenbar erleben wir gerade eine kleine Offenbach-Renaissance. Die Opernkompanie „Novoflot“ hat kürzlich ihre Version von „Pariser Leben“ aufgeführt, die Staatsoper „Orpheus in der Unterwelt“ – beide eher missglückt. Bühne frei also für einen neuen Versuch. UDO BADELT

Premiere 15.3., 20 Uhr

Vorstellungen 17./18., 22.-24. und 28.-31.3., jeweils 20 Uhr

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