Last Exit Tempelhof? : Ein Symbol schließt nie

Der Flughafen Tempelhof wird geschlossen. Gerd Appenzeller über eine politische Dummhiet, die juristisch unnötig und finanziell ein Desaster war.

Gerd Appenzeller

Für viele Berliner ist heute ein trauriger Tag. Der Flughafen Tempelhof wird geschlossen. Dass dies ohne Not und Zwang jetzt und nicht erst in vier Jahren geschieht, lässt bei so manchem die Trauer in Wut umschlagen. Wut über einen Senat, der nicht das Notwendige mit Augenmaß tut, sondern durch schneidiges Auftreten eigene Ratlosigkeit zu übertünchen versucht. Die Schließung jetzt ist juristisch unnötig, finanziell ein Desaster, politisch eine Dummheit. Der Bund war bereit, bis 2012, wenn der neue große Flughafen BBI den Betrieb aufnimmt, die Kosten für die Offenhaltung Tempelhofs zu tragen. Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes, das den Weg für den Bau von BBI frei machte, ließ den Weiterbetrieb in Tempelhof bis dahin ausdrücklich zu.

Aber das ist Vergangenheit. Die Zukunft der Luftfahrt in der Region Berlin-Brandenburg liegt in Schönefeld. Mit Eröffnung des BBI werden nicht nur mehr als 100 000 Berlinerinnen und Berliner vom Lärm der in Tegel und Tempelhof startenden und landenden Maschinen entlastet, sondern die Stadtbevölkerung auch von der Angst vor einem verheerenden Absturzunglück befreit. Ein Flughafen mitten in der Stadt hat vor allem für eilige Geschäftsleute seinen Reiz. Aber das wäre ein Infrastrukturvorteil zulasten der Menschen in der Millionenstadt, und mit Fug und Recht bewilligen die Gerichte heute keinen Airport mehr im Zentrum. Bereits jetzt ist Schönefeld über die Autobahn exzellent erreichbar, von einem Flughafen in der Pampa kann keine Rede sein. Und wenn die Bahn ihre Aufgaben gelöst hat, liegen zwischen dem Hauptbahnhof und dem BBI-Terminal gerade einmal 20 Minuten Fahrzeit. Am Rande: Dass irgendein sensationelles Geschäft zugunsten der Berliner Wirtschaft nur deshalb abgeschlossen wurde, weil die Manager in Tempelhof landen konnten, muss erst noch belegt werden.

Zweifellos aber ist eines der Probleme des neuen Großflughafens die Einbindung der sogenannten General Aviation, also der privaten Geschäftsflieger. Ihnen muss die Geschäftsführung von BBI nicht nur Raum geben, sondern auch vernünftige Startzeiten anbieten. Jede Überlegung, die General Aviation unter zweitklassigen Bedingungen unterzubringen, müsste zu einer nachhaltigen Schädigung des Standorts Schönefeld führen.

Was nicht nur die Berliner heute aber am meisten bewegt, ist die Frage: Wie geht es weiter mit Tempelhof? Die Anwohner haben weniger Sehnsucht nach dem Dröhnen der Motoren als Angst vor einer riesigen Brache, die zur Müllhalde und zum Tummelplatz Krimineller verkommt. Die viele Hektar große zentrale Rasenfläche steht für Überbauung ohnedies nicht zur Verfügung. Sie ist die „grüne Lunge“, die sich mit Rücksicht auf das Stadtklima jeder planerischen Verdichtung entzieht. Was aber geschieht an den Rändern? Wohnbebauung hat hier eine Zukunft, wenn Berlin nicht nur für einige wenige Superreiche, sondern auch für Familien wieder eine attraktive Stadt sein will.

Was das große Abfertigungsgebäude und die anschließenden Hallen angeht, gibt es ohnedies nur eines: Jeder, der dieses Monument betrachtet, begreift den einzigartigen musealen Charakter des Ensembles. „Zentralflughafen Tempelhof“, das steht nicht nur für einen grandiosen architektonisch-technischen Entwurf, sondern auch für den Freiheitswillen von Millionen. Tempelhof ist Teil des Weltkulturerbes. Senat und Bund sollten umgehend bei der Unesco die Aufnahme in die Welterbeliste beantragen.

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