Zeitung Heute : Lateinische Lektionen

Er habe geweint wie ein Schlosshund, sagt der Kölner Kardinal Meisner. Es ging nicht allen so

Paul Kreiner[Rom]

Vor drei Wochen, als Joseph Ratzinger noch als Joseph Ratzinger die große Osternachtsfeier im Petersdom leitete, da fehlte ihm eindeutig die Übung. Da musste ihm der päpstliche Zeremonienmeister Punkt für Punkt zeigen, wo er aufstehen und wo er sich hinsetzen sollte. Einmal stießen die beiden sogar gegeneinander, als Ratzinger nach links wollte, die vatikanischen Spezialriten aber einen Schritt nach rechts verlangten.

Jetzt hat Joseph Ratzinger Namen und Tätigkeit gewechselt, jetzt heißt er Benedikt XVI., jetzt neigt sich seine erste Messe im neuen Amt dem Ende zu, und nun setzt er sich ganz selbstverständlich in den großen, beige bezogenen Lehnstuhl. Denn wenn ein Papst lehrt, dann tut er das im Sitzen.

Im Rücken hat Benedikt XVI. die wohl berühmteste apokalyptische Szenerie dieser Erdenwelt: das „Jüngste Gericht“ von Michelangelo. Genau über dem neuen Papst schwebt im leuchtenden Himmelsblau jener Zehnkämpfer-Christus, der mit gebieterischem Armschwung die Verbannten in den Rachen der Hölle schleudert. Und vor sich hat der Neue jene rot gewandeten Kardinäle, die ihm das große Vertrauen ausgesprochen haben. Sie sitzen, in dieser Sixtinischen Kapelle, immer noch an den Tischen, an denen sie auch die eineinhalb Tage des rekordverdächtig kurzen Konklaves gesessen haben. Sie nesteln an ihren roten Käppis, an den Einmerkbändchen ihrer Gesangbücher, sie drehen nervös an ihren goldenen Ringen und versuchen den neuen Papst zu verstehen. Denn Benedikt XVI. hält seine Antrittspredigt auf Lateinisch, wie es die Tradition verlangt – aber selbst unter den kirchlichen Würdenträgern können da nur noch wenige mithalten.

„Venerabiles fratres nostri“, beginnt Ratzinger – tatsächlich, er sagt nicht „meine“, sondern „unsere Brüder“. Der Pluralis majestatis, die zeremonielle Sprache des Vatikans, sie scheint ihm keine Mühe zu bereiten. Aber wann ist diese Predigt entstanden? Und wer hat sie geschrieben? Joseph Ratzinger oder Benedikt XVI.? Einen übernächtigten Eindruck jedenfalls macht der Prediger nicht, und auch wenn der Autor als Meister jener alten Sprache gilt, wird es schon seine Zeit gebraucht haben, bis der lange Text zum einen im tadellos geschliffenen Latein, zum anderen in der zeitgleich verteilten italienischen Übersetzung vorlag.

Wie auch immer, es war ja früh am Tag. Schon vor 18 Uhr war Joseph Ratzinger am Dienstag im vierten Wahlgang zum Papst gewählt worden mit einem Ergebnis, das nach den stummen, aber eindeutigen Handbewegungen der zum Geheimnis verpflichteten Kardinäle weit über der Zweidrittelmehrheit gelegen haben muss. Und als die deutschen Kardinäle um 21 Uhr mit ihrer Bewertung der Wahl vor die Journalisten traten, da war sogar schon das festliche Abendessen vorüber. Irgendetwas mit Aufschnitt muss es gegeben haben, das lässt sich den wortreichen Schilderungen Joachim Meisners entnehmen, aber weil der Kölner Kardinal sich mit italienischen Spezialitäten nicht so recht auskennt, bleibt letztlich unklar, ob es Bresaola auf Rucola war oder nicht. Jedenfalls wurden zur Feier des Abends auch Eis und Sekt gereicht, und es war, so der Herr Kardinal, „eine Bombenstimmung“.

Er selber, erzählt Meisner weiter, habe bei Ratzingers Wahl vor Freude „geweint wie ein Schlosshund“, und als er an die Reihe kam, dem auf dem Thron sitzenden Neuen die traditionelle Huldigung zu erweisen, habe er kein Wort herausgebracht. „Dann hat er mich am Arm gefasst und gesagt, du, ich komm zum Weltjugendtag nach Köln.“ Und da erst war die Welt des Kardinals wieder in Ordnung.

Karl Lehmann, der Kardinal aus Mainz, den mit Ratzinger eine fachlich tiefe Gegnerschaft verbindet, rühmt den Neuen als großen Theologen, der in der Öffentlichkeit immer verzerrt dargestellt werde. Und dann flüchtet sich Lehmann in auffallend lange Erörterungen über den bisher letzten Benedikt auf dem Papstthron, über noch einen Papst und über dies und jenes und über die vollständige Rehabilitierung der Deutschen in die internationale Völkergemeinschaft, wenn wenige Tage vor dem 60. Jahrestags des Kriegsendes ausgerechnet ein Deutscher zum Papst aufsteige.

Einer fehlt. Kardinal Walter Kasper ist nicht zu seinen deutschen Kollegen gestoßen. Er tritt später, allein vor der Kulisse des Petersplatzes, in den „Tagesthemen“ der ARD auf, sachlich, fast unterkühlt. Natürlich lobt auch er seinen bisherigen Kurienkollegen, auch wenn er sich in den zurückliegenden Jahren von ihm immer wieder zu einer „freundschaftlichen Auseinandersetzung“ provoziert sah. Auch mit dem römischen Zentralismus hatte Kasper theologisch seine Schwierigkeiten. Es ist kein Geheimnis, dass die beiden sich auch in Ökumenefragen nicht verstehen. Kasper selbst galt als heimlicher Papstkandidat. Von der kirchlichen Pensionsgrenze ist er noch drei Jahre entfernt, aber ob er unter Papst Ratzinger in der Kurie eine Zukunft hat? „Nun ja, die Arbeit geht weiter“, sagt er nur.

Auch Benedikt XVI. hat noch einiges zu tun. Sein Regierungsprogramm hat er ja dargelegt. Er hat den Willen zum Dialog mit den anderen christlichen Konfessionen und den Weltreligionen bekräftigt, er hat versprochen, auf die Jugend zu hören und – war es eine Anspielung auf den Personenkult um Johannes Paul II.? – „nicht das eigene Licht leuchten zu lassen, sondern das Licht Christi“.

Jetzt muss sich der neue Papst zu seiner Arbeitsstelle erst einmal durcharbeiten: Mit 85 Siegeln sind, dem Kirchenrecht gemäß, nach dem Tod Johannes Pauls II. dessen Wohn- und Arbeitsräume verschlossen worden. Aber auch diese allerletzte Wegstrecke in die ihm bestens bekannte Chefetage des Apostolischen Palasts schafft Ratzinger schnell. Er ist ja „ein Kämpfer“, wie die italienischen Zeitungen schreiben. „Er wird geliebt und gefürchtet werden“, sagen sie voraus. Und für den nächsten Massenansturm auf den Petersplatz rüstet sich bereits der Zivil- und Katastrophenschutz des Landes: Am Sonntag wird Benedikt XVI. offiziell in sein Amt eingeführt.

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