Zeitung Heute : Laubenpieper werden

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Marius Meller

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Freund Paul, der Schriftsteller, dessen Vorliebe für schlagfertige Blondinen ohne Abitur an dieser Stelle bereits ausführlich verteidigt wurde (Tsp. vom 13.November), macht einen besonders aufgeräumten und ausgeglichenen Eindruck, als er den Neu-Berliner über seine jüngsten Pläne unterrichtet. Er, Paul, habe beschlossen, Kleingärtner zu werden. Er habe eine Kleinanzeige der Kleingartenkolonie „Grönland“ gelesen, die ihn sofort überzeugt habe. Hundertzwanzig Euro pro Jahr koste die kleinstmögliche Parzelle, so die Kleinanzeige der Kleingartenkolonie, und hundertzwanzig Euro zuzüglich der nicht unbeträchtlichen Ablösesumme für die Gartenlaube könne er sich durchaus leisten, wenn er sich das Geld mit jemanden teile. Er habe sofort beim „Bezirksverband der Kleingärtner Berlin Prenzlauer Berg e.V.“ angerufen und sich um die kleinstmögliche Parzelle beworben. Inzwischen habe er auch jemanden, der sich das Geld und natürlich auch die Arbeit – denn in einem Kleingarten fiele naturgemäß viel Arbeit an – mit ihm teilen würde: eine Gartenbaustudentin, Ella, die Schwester seiner Ex-Freundin, die werde ihm schon sagen, wann und wo er was beschneiden oder umgraben, wann und wo er was ondulieren oder epilieren müsse. Ella, die Gartenbaustudentin, brenne außerdem geradezu darauf, die in ihrem Gartenbaustudium erlernten Gartenbaukünste einmal in die Praxis umsetzen zu können, er nehme sogar an, dass er die meiste Zeit sich in einem Liegestuhl werde aufhalten können, da Ella ihm es wahrscheinlich gar nicht erlauben werde, ihr die kostbare Praxis in der Gartenbaukunst durch Arbeit seinerseits einzuschränken. Er stelle sich, so Paul, herrliche Sommerabende auf ihrer Parzelle in der Kleingartenkolonie „Grönland“ vor, er lesend und Notizen machend im Liegestuhl, sie, Ella, beim Plissieren zweier Zierkirschensprösslinge oder ähnlichem, mitten in der „französischen Ecke“. Sie würde nämlich, so Paul, einen winzigen französischen Garten angelegt haben, und in einem anderen Teil der Parzelle einen englischen Teil. Außerdem sei Ella Anfang zwanzig, blond und habe ziemlich scharfe Beine, er, Paul, wolle natürlich nichts von ihr, von der Schwester der Ex-Freundin, aber lieber sei es ihm schon, wenn die Gärtnerin blond sei und schöne Beine habe, alles eben, was eine gute Gärtnerin so brauche. Im Übrigen habe er eine Erzählung angefangen, die den Arbeitstitel „Die Laube“ trage. Darin werde er über den Fortgang der Bemühungen um seine Kleinstparzelle in der Kleingartenkolonie berichten. Der Neu-Berliner könne ihn dort oft besuchen, und sie könnten auch ab und zu einen Abend im Kleingärtnervereinslokal verbringen, er glaube sich zu erinnern, dass dieses ebenfalls „Die Laube“ heiße, so wie auch seine Erzählung über sein Dasein als Kleingärtner.

Der Neu-Berliner ist fast ein bisschen betrübt an diesem nebligem Novemberabend, dass er der Idylle nur als Besucher wird beiwohnen können, und nicht als Teilhaber, aber Ella, die Gartenbaustudentin, vorm inneren Auge, empfindet er tiefstes Verständnis für Paul und freut sich jetzt schon auf die heißen Sommernachmittage in der Kleingartenkolonie „Grönland“.

Werden auch Sie Laubenpieper in „Grönland“, Nähe Volkspark Prenzlauer Berg. Telefon: (030) 972 10 69.

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