Zeitung Heute : Laues Spiel in der Latino-Bar Harald Martenstein besucht WM-Verlierer in Frankfurt

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Im Frankfurter Bahnhofsviertel ist die Welt seit Jahren ununterbrochen zu Gast bei Freunden, Ausländeranteil 80 Prozent. Das Frankfurter Bahnhofsviertel lebt von drei Wirtschaftszweigen, in denen es darauf ankommt, gut mit den menschlichen Schwächen und gut mit Geld umgehen zu können, nämlich Bankwesen, Drogenhandel und Prostitution. Vor der WM hieß es, dass von diesen dreien in Deutschland vor allem die Bordelle einen Wahnsinnsboom erleben werden, darüber erschienen viele Artikel. Die Elbestraße im Bahnhofsviertel besteht fast nur aus Bordellen. Aus fast allen Fenstern hängen Fahnen der WM-Teilnehmer, bunt gemischt, darunter allerdings auffällig viele englische Fahnen.

Ein paar Meter weiter, vor dem Bahnhof, haben evangelische Gruppen eine Bühne aufgebaut. Eine Band in brasilianischen Trikots singt Spirituals, Jesus, my Lord, du triffst immer ins Tor, du erlöst uns. Den Frankfurter Hauptbahnhof hat man, warum auch immer, an fast genau der Stelle errichtet, an der im Mittelalter der Galgen stand. Früher ist man von hier aus zum Teufel gereist, die Dinge sind besser geworden.

Im „Ritmo Latino“, einer Art Bar, sitzen Frauen aus Südamerika sowie einige ältere Herren aus Deutschland. Melissa sagt, sie sei aus Rio und 35, das Zweite ist wahrscheinlich gelogen. Melissa trägt eine Brille und eine strenge Frisur, nach hinten gekämmt, eigentlich sieht sie nach Lehrerin aus. Melissa sagt: „Die Brille ist mein Erfolgsgeheimnis, alle Jungs träumen doch von ihrer Lehrerin. Klar, als Brasilianerin bin ich für Brasilien, Süßer. Ob mehr los ist als sonst? Weniger ist los, viel weniger, mein Schatz. Die Männer sehen alle fern und sie trinken, die bleiben zu Hause bei Mutti, schau dich doch um, nichts los, ich geh heute früher nach Hause.“ – „Und die Touristen?“ – „Nur Engländer. Engländer kriegen von ihren Frauen keinen Sex, oder ganz schlechten Sex, deswegen sind die doch immer so aggressiv.“ – „Bei Beckham und Tony Blair bin ich mir da nicht sicher.“ – „Ja“, sagt Melissa, „Beckham ist was anderes, ein Klassetyp. Blair ist ein Verklemmter.“ Hinter der Bar steht eine, die aus Ekuador kommt und hochschwanger ist und ein besonders tiefes Dekolletee trägt, der Wirt streicht ihr flüchtig über den Hintern, man kennt sich. Hier merken wir wirklich überhaupt nichts von der Weltmeisterschaft, sagt der Wirt, ein Einheimischer, die Zeitungen haben was Falsches geschrieben. Nur als England gespielt hat, da ging es ab. „Die sind aber zum Fürchten, die Engländer. Die Engländer siehste lieber von hinten als von vorn.“

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