Zeitung Heute : Laufsteg Europa

Sie ist jung – wie fast die ganze Elite Estlands. Sie ist eins der erfolgreichsten Models der Welt und die reichste Frau im Land. Carmen Kass ist eine Konservative, die bedingungslos an den Fortschritt glaubt. Jetzt will sie ins EU-Parlament.

Jens Mühling[Tallinn]

Irgendwo vor der Stadt muss es liegen, dieses Internet. Vielleicht aber auch mitten im Zentrum, so genau kann die alte Dame das nicht sagen. Hier jedenfalls nicht. Hier gibt es nur dieses Schild, gleich neben der Bushaltestelle, grell orangefarbene Buchstaben schreien „Area of Wireless Internet!“. Wenn man jetzt ein Laptop dabei hätte, könnte man sich einwählen. In Deutschland stolpert man über so etwas vielleicht mal in Cafés, in Estland ist kabelloser Internetzugang inzwischen sogar an windschiefen Bushaltestellen möglich, selbst in den ärmlicheren Vororten von Tallinn. Nur: Die Rentner, die hier mit Gemüsetüten auf den Bus warten, sehen nicht so aus, als besäßen sie überhaupt einen Computer. Und was es mit dem Schild auf sich hat, wissen sie auch nicht recht. „Irgend so ein Kaufhaus“, glaubt die alte Dame. „Mein Neffe fährt da ab und zu hin, wenn er Bücher fürs Studium braucht.“ Dann kommt der Bus, und als die Dame ihre Einkäufe mühsam über die Schwelle hievt, wirkt ihre Vermutung plötzlich gar nicht mehr so daneben: Das Internet ist irgendwo, wo alte Leute schlecht hinkommen.

Es ist alles anders geworden in Estland, und es ist alles beim Alten geblieben. Seit der Unabhängigkeitserklärung vor 14 Jahren ist das Land in zwei parallele Wirklichkeiten gespalten, die sich an manchen Stellen bizarr überlappen. Deshalb müssen viele Esten nur orangefarbene Schilder ignorieren, um mehr oder weniger so weiterzuleben wie vor 1991, während die Lebensläufe anderer Menschen gar nicht denkbar wären ohne den Bruch mit der Sowjetvergangenheit. Aber denen begegnet man nicht hier, nicht zwischen diesen Bussen, die irgendwann einmal blau waren.

Man trifft sie eher in den Cafés der Altstadt, hinter Fassaden, die seit ein paar Jahren wieder sehr, sehr blau sind. Dort sitzen sie und trinken Milchkaffee und bezahlen ihre Rechnungen per Mobiltelefon, das macht man heute so in Tallinn. Der Milchkaffee schmeckt wie in Paris und kostet auch genauso viel, aber wer hier sitzt, verdient in der Regel auch nicht schlechter als ein Pariser Cafébesucher. Viele dieser jungen Esten haben ihre Karrieren unmittelbar nach der Unabhängigkeitserklärung begonnen, als die alte Sowjetelite abdankte und quasi über Nacht sämtliche Schlüsselpositionen frei wurden. Politologiestudenten zogen damals von der Uni weg in diplomatische Vertretungen und Ministerien ein, Mittzwanziger übernahmen die Führung der privatisierten Großbetriebe. Etwa zur gleichen Zeit trifft ein italienischer Modelagent in einem estnischen Provinzsupermarkt ein junges Mädchen. Sie heiße Carmen Kass, erklärt die 14-Jährige in gebrochenem Englisch, und ihr Nachname sei das estnische Wort für „Katze“. Der Italiener ist hingerissen und lädt das Katzenmädchen zu Probeaufnahmen ein, Carmen fälscht kurzerhand Mamas Unterschrift und schlägt sich alleine nach Mailand durch.

Ein paar Jahre vorher hatte es in Estland weder Talentjäger noch Supermärkte gegeben. Models hießen Manekenischizy und präsentierten Sowjet-Chic aus volkseigener Produktion. Und Italien war unendlich weit weg.

Elf Jahre später. Carmen Kass sitzt in der Lobby des Radisson-Hotels, eines Glas- und Stahlturms in der Tallinner Innenstadt. Gleich gegenüber hängt scheunentorgroß das goldene Dior-Plakat, auf dem die 25-Jährige derzeit in ganz Europa zu sehen ist. Inzwischen ist Carmen Kass eines der erfolgreichsten Models der Welt – und nach eigenen Angaben die reichste Frau Estlands. Sie trägt eine weiße Strickjacke zu ausgewaschenen Jeans, was ihr hervorragend steht, aber darum soll es nicht gehen in diesem Gespräch. Carmen Kass will über ihre Kandidatur als Europaparlamentarierin sprechen. Am 13. Juni tritt sie für die konservative Regierungspartei Res Publica an.

„Ich möchte diesem Land etwas zurückgeben.“ Die Frage, warum es sie in die Politik ziehe, hat Carmen Kass tausendmal beantwortet in den letzten Wochen, dementsprechend routiniert wirken inzwischen die Antworten: „Ich möchte jungen Esten dabei helfen, ihre Träume zu verwirklichen – hier und in Europa.“ Sie wird viele solcher Sätze sagen im Laufe des Gesprächs, aber Carmen Kass wirkt dabei nicht eine Sekunde defensiv. Dass ihr in Estland kaum jemand politische Sachkenntnis zutraut, weiß sie sehr genau. Dass man die nicht unbedingt braucht für den Wahlkampf, weiß sie ebenfalls.

„In den letzten Jahren habe ich mich verstärkt für Politik interessiert. Vielleicht nicht unbedingt für detaillierte Politik – eher dafür, wie junge Menschen ihre Meinungen einbringen können.“ Im Wahlkampf konzentriert sich Kass auf jugendorientierte Themen wie Drogenprävention und das Bildungssystem, sekundiert wird ihr dabei von Res-Publica-Chef Juhan Parts, dem estnischen Premierminister, der die Kandidatur der 25-Jährigen als „starke Botschaft an die junge Generation“ bezeichnet. Warum allerdings gerade die jungen Esten einen zusätzlichen Fürsprecher brauchen, ist alles andere als offensichtlich: Parts selbst ist gerade mal 38 Jahre alt, sein Finanzminister 29, ein Großteil des öffentlichen Lebens in Estland wird von Menschen dominiert, die in Deutschland wohl noch Bafög-berechtigt wären. Brauchten da nicht eher die Alten eine Lobby?

Carmen Kass nippt an ihrem Pernod. Sie runzelt kurz die Stirn, etwas indigniert sieht das aus, als gehörten solche Fragen nun wirklich nicht in ihr Ressort. „Ich glaube,“ sagt sie dann, „wenn ich erst mal 50, 60 Jahre alt bin, dann will ich junge Leute sehen, die die Dinge in die Hand nehmen. Die Jungen wissen nun mal besser, was die Zukunft bedeutet, was wichtig für die nächste Generation ist.“ Und dann kommen die Sätze, die lange nachhallen in der Hotellobby, weil sie als Motto für ganz Estland gelten könnten: „Irgendwann werden sicher auch andere Themen interessant für mich sein, sagen wir: Verteidigungspolitik. Davon verstehe ich im Moment nicht viel, aber ich glaube, wenn man erst mal loslegt, kann man dabei am besten rausfinden, wo man hin will.“

Als Staat tut Estland das seit nunmehr 13 Jahren: mit dem rechten Fuß vorwärts preschen und hoffen, dass der linke irgendwann nachziehen wird. „Tiigrihüppe“ heißt das auf estnisch: ein Tigersprung, mit dem man an die Vorbilder Finnland, Schweden, Norwegen anschließen will – wenn auch ohne deren sozialstaatliche Anstrengungen, von denen Premierminister Parts vor kurzem erst sagte, sie förderten Trägheit und Leistungsverweigerung. 400 Euro brutto im Monat verdient ein Este im Durchschnitt, der durchschnittliche Rentner bekommt 120 Euro, aber jeder hat das gesetzlich verbürgte Recht auf einen Internetanschluss. Noch immer wartet ein Großteil der russischsprachigen Minderheit in Estland auf seine Einbürgerung, aber für den Rest der Bevölkerung hat man schon mal Personalausweise im Chipkarten-Format eingeführt – als erstes Land in Europa.

Carmen Kass weiß, auf welcher Seite sie steht. Doch auch sie ist nicht immun gegen die parallelen Wirklichkeiten dieses Landes, auch für ihren Lebenslauf kursieren mindestens zwei Lesarten. Manche empfinden ihn als exemplarisch für das junge, das fortschrittsorientierte Estland. Andere fragen sich, wie jemand, der die letzten zehn Jahre in New York und Los Angeles verbracht hat, Estland in Europa vertreten soll. „Natürlich“, sagt Carmen Kass, „gibt es Leute, die der Meinung sind, ich könne ihre Probleme nicht mehr nachvollziehen, ich sei amerikanisiert. Aber ich habe in meiner Kindheit genau das durchgemacht, was hier alle durchgemacht haben.“ Ihre Familie habe zu fünft in einer Einzimmerwohnung gelebt, später dann in einem Haus mit Plumpsklo und ohne Dusche. „Aber als Kind war mir natürlich gar nicht klar, dass andere Häuser Duschen haben. Es war ein glückliches kleines Leben.“ Heute führt sie ein sehr anderes glückliches Leben, und wenn sie diese Diskrepanz erklären soll, gerät Carmen Kass zum ersten Mal in die Defensive, fast ein bisschen wütend klingt sie jetzt: Glaubt es doch endlich, ich bin eine von euch. Es ist der frustrierende Versuch, aus zwei Estlands eines zu machen.

So ganz gelingen will das nicht, weder in der Lobby des Radisson-Hotels noch an der klapprigen Bushaltestelle am Stadtrand. Wenn da nun nicht dieses Schild stünde? Wenn überhaupt alles anders gekommen wäre? Dann müsste der Neffe der alten Dame seine Bücher woanders kaufen. Und Carmen Kass? Würde in der Provinz Haare schneiden oder wäre eine vielversprechende Jung-Komsomolzin. Vielleicht, wer weiß, wäre sie auch in Moskau gelandet, Schauspieler aus dem Baltikum waren gefragt in der Sowjetunion. Eines Tages hätte es einen Mosfilm-Produzenten in die estnische Provinz verschlagen, und in der Schlange vor dem Lebensmittelladen hätte er ein 14-jähriges Mädchen getroffen, das sich nach der weiten Welt sehnt. „Wie heißt du?“, hätte er gefragt, auf Russisch. „Carmen Koschka“, hätte das Mädchen dann lächelnd geantwortet. Carmen Katze.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!