Zeitung Heute : Launisch wie die Pferde

Der „Polen-Knigge“ der IHK sorgt für Empörung – dabei sollte er eine Hilfe für Deutsche sein, die im Nachbarland Geschäfte machen

Antje Hildebrandt[Frankfurt Oder]

Von Antje Hildebrandt,

Frankfurt/Oder

Die einen nennen es Freiheit, die anderen Chaos. Auf jeden Fall scheinen jenseits der Oder andere Zustände zu herrschen. Dem Polen als solchem, erfährt der Leser des Polen-Knigge, mangele es – nun ja – an Ordnung. Launenhaft „wie ein Pferd“ springe er in Geschäftsgesprächen von Tagesordnungspunkt III zu Tagesordnungspunkt VII. Doch wer mit Polen ins Geschäft kommen wolle, sollte „nicht verzweifelt denken, dass diese Leute nichts Vernünftiges zustande bringen“. Man müsse ihnen nur schonend „exakte Termin- und Finanzplanung“ beibringen.

Ein Witz? Nein, es handelt sich um eine Broschüre der Industrie- und Handelskammer Frankfurt/Oder – um einen „unverzichtbaren Ratgeber für alle, die mit polnischen Bürgern erfolgreich ins Geschäft kommen wollen“, so die Eigenwerbung.

Toll, dachte Tomasz Kalinowski, der polnische Botschaftsrat für Wirtschaftsfragen. Endlich machte sich mal jemand die Mühe, deutsche Geschäftsleute darauf vorzubereiten, dass in Polen „Dinge passieren können, die auf Deutsche irritierend wirken“. Die Sache mit der Geschäftspost zum Beispiel. „Wir Polen erledigen vieles mündlich“, sagt Kalinowski. „Und die Deutschen warten noch wochenlang auf einen Brief.“ Kalinowskis Begeisterung verflog bei der Lektüre jedoch schnell, spätestens als er beim Kapitel „Sensibilität“ anlangte, war nicht mehr viel davon übrig. „Wenn man in polnischen Kleinstädten am Abend einfache Leute sieht, die oft angetrunken sind und ungepflegt aussehen, kann man nicht ahnen, dass sich unter dieser rauen Schale eine sensible Seele verbirgt“, heißt es da. Und weiter: „Die Polen reagieren sehr stark auf jede, sogar dezenteste Form der Missachtung, Brutalität, Arroganz oder Dominanz.“

Hart an der Grenze findet Tomasz Kalinowski das Klischee des trinkfreudigen Polen, ganz zu schweigen von den unterstellten pferdehaften Launen. Andere Landsleute reagieren noch etwas heftiger als er: „Mir fehlen die Worte“, echauffiert sich Marcin Zastrozny. Als Sprecher des Polnischen Instituts in Berlin bemüht er sich, den kulturellen Austausch zwischen beiden Ländern zu fördern. Verallgemeinerungen wie diese schürten Vorurteile erst, sagt Zastrozny. „Deutsche werden dadurch ermutigt, Polen von oben herab zu behandeln.“

Auch auf deutscher Seite hat der Ratgeber Befremden ausgelöst. „Ein bisschen hart“, findet Franz-Josef Wiesemann die geballte Ladung Klischees. Der Geschäftsführer der Berliner Firma Fliegel Textilservice ist mit den deutsch-polnischen Spiegelregeln vertraut. Seit zwölf Jahren lässt er Wäsche aus dem „Adlon“ und anderen Berliner Hotels in der Nähe von Szczecin (Stettin) waschen. Auf seiner Homepage wirbt er mit den Worten: „Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Qualität auf höchstem Niveau – dafür stehe ich.“

Der Anfang sei schwer gewesen, sagt Wiesemann. Zwei Jahre habe man gebraucht, um die Niederlassung mit inzwischen 325 Mitarbeitern aufzubauen – und um sich an Eigenarten der neuen Partner zu gewöhnen. „Man muss Zeit zum Palavern mitbringen“, sagt er. Ein Geschäft sei nicht mit der Unterschrift unter einen Vertrag erledigt. Der Gastgeber erwarte, dass man das Gespräch beim Essen im Wohnzimmer fortsetze – und seiner Gattin nicht nur Blumen, sondern auch Aufmerksamkeit schenke. „Der Handkuss ist immer noch Pflicht.“

Krzysztof Wojciechowski, der Autor des Polen-Knigge, kann ebenfalls auf langjährige Erfahrungen mit Deutschen wie Polen zurückgreifen. Er ist selbst Pole und lebt seit Mitte der 90er Jahre in Frankfurt/Oder, weil er dort nach erfolgloser Suche in Slubice endlich „ein günstiges Zimmer gefunden hat, dessen Dusche nicht zwei Straßen weiter entfernt lag“. Jeden Morgen radelt er über die Grenzbrücke zur Arbeit nach Polen. Und er war 23 Jahre mit einer deutschen Frau verheiratet. Wojciechowski ist Verwaltungschef des Collegiums Polonicum, einer gemeinsamen Einrichtung der Europa-Universität Viadrina und der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznan.

In Polen wurde der eloquente Beamte in den vergangenen Jahren zum Liebling der Medien. Kaum eine Talkshow zum EU-Beitritt, in der er nicht Gelegenheit gehabt hätte, sich ein wenig über die Nachbarn zu mokieren – der kleine Triumph eines Philosophen und Soziologen, der über sich selbst sagt, er habe schon so viele wissenschaftliche Arbeiten verfasst – jedoch: Keiner habe sie lesen wollen.

Ein Essayband mit dem Titel „Moi kochani Niemcy“ („Meine lieben Deutschen“), erschienen im Berliner Westkreuzverlag, verschaffte ihm endlich Gehör. „Wer nicht gemeinsam mit den Deutschen frühmorgens aufgestanden ist, wird sie nicht verstehen“, heißt es dort. Das war Balsam für die Seele seiner Landsleute, die es schon lange wurmt, von deutschen Stammtischbrüdern mit allen Autoschiebern dieser Welt in Sippenhaft genommen zu werden. Doch mit dem Knigge hat Wojciechowski viele Sympathien wieder verspielt. Dass Polen „Ruheperioden“ in geschäftlichen Verhandlungen benötigten, da es ihnen an Ausdauer und Konzentration mangele, hört man dort nicht so gerne.

Ironisch sei das nicht gemeint, sagt Wojciechowski. Was er über seine Landsleute schreibe, gelte auch für ihn selbst: „Ich bin ein Chaot.“ Im Gegensatz zu den Deutschen, die noch immer unter ihrer Vergangenheit litten, fühle er sich keiner Political Correctness verpflichtet. Einer müsse den Mut haben, den Polen den Spiegel vorzuhalten. Und wer könne das besser als er, ein gebildeter Mann, der über sich sagt: „Die Zeit in Deutschland hat mich dominant, ja, beinahe arrogant gemacht.“ Nein, er stehe zu seinem Polen-Knigge. Der Aufforderung des polnischen Botschaftsrates für Wirtschaftsfragen, Tomasz Kalinowski, einige Passagen zu entschärfen, will er nicht nachkommen.

Über 6000 Exemplare hat die IHK inzwischen verteilt. „Die Broschüre läuft wahnsinnig gut“, sagt IHK-Sprecher Christian Hirsch. Auch die Seminare, die der Autor zum Thema interkulturelle Verständigung anbiete, seien ausgebucht. Mit seiner blumigen Ausdrucksweise komme der temperamentvolle Referent bei den deutschen Teilnehmern sehr gut an.

Die Vorgesetzte des an der Europa-Universität sehr beliebten Verwaltungschefs, die Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin, Gesine Schwan, will sich nicht zum Polen-Knigge äußern. Was Mitarbeiter nach Feierband täten, sei ihre Privatsache, lässt sie mitteilen – eine Einstellung, die fast ein wenig polnisch klingt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!