Zeitung Heute : Lausige Angebote

Der Tagesspiegel

„Die haben doch alle keine Lust zu arbeiten. Denen geht es viel zu gut.“ Der Mann, der da über Berlins Arbeitslose schimpft, muss es wissen. Er ist Arbeitgeber und hat beim Arbeitsamt, also bei mir, eine offene Stelle gemeldet. Er sucht schon einige Zeit Reiseverkehrskauffrauen, die die üblichen Buchungsprogramme am PC beherrschen und außerdem eine „angenehme Telefonstimme“ mitbringen. Das „Aussehen ist egal“ schiebt der elegante Mittdreißiger nach und meint, dass er neben ordentlichen 1 200 Euro brutto auch reichlich Sonderleistungen zu bieten habe. Er muss sich schon wundern: Vier Millionen Arbeitslose, und er bekommt die Stelle nicht besetzt.

Ich wundere mich nicht. Das Gehalt ist so lausig wie die Arbeitsbedingungen. Das „Reisebüro“ entpuppt sich als Call-Center. Reisen werden hier nur am Telefon verkauft, und das klingelt unaufhörlich. Auch gesetzlich vorgeschriebene Pausen sind nicht drin. Einige Frauen haben sich an dem Job versucht, aber wieder gekündigt. „Lieber riskiere ich eine Sperre, als in solch einem Laden zu arbeiten“, sagt eine. Sie sitzt vor meinem Schreibtisch und weint. Ich schmeiße den Vordruck für ihre Sperrzeit weg.

Die Stellen, die Arbeitgeber bei den Arbeitsämtern melden, sind oft „fauler“ als die angeblich so faulen Arbeitslosen. Ein Problem ist das niedrige Lohnniveau in der Stadt. Da werden 4,50 Euro pro Stunde für reine Nachtarbeit geboten oder Sekretärinnen für 1 150 Euro im Monat gesucht. „Servicegesellschaften“ hebeln die Mindestlöhne im Baugewerbe aus, wenn sie Facharbeiter weit unter Tariflohn anstellen, um sie dann als Subunternehmer an Baustellen weiterzureichen.

Es gibt viele Beispiele, bei denen Arbeitsvermittler erst mal versuchen, für eine Stelle um einen neuen, höheren Lohn zu feilschen. Oder wir versuchen, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Trotzdem sagen viele Bewerber: „Eure Stellen taugen nichts.“ Aber die drohende Sperre zwingt dazu, sich auch dann widerwillig als Döner-Schneider zu bewerben, wenn man weiß, dass hinter dem Acht-Stunden-Job eine illegale Zwölfstundenschicht steckt.

Feilschen zu können, ist für uns im Umgang mit den Arbeitgebern wichtig. „Sei’n Sie mal froh, dass ich Ihnen überhaupt einen abnehme“, spricht ein Chef. Viele Gespräche, die so beginnen, enden mit dem Satz: „Wenn ich den einstelle, will ich aber einen Zuschuss haben.“ Arbeitgeber wissen, dass sie mit Mangelware handeln: mit Arbeitsstellen. Das rechtfertigt offenbar gewisse Auflagen: vom unbezahlten Praktikum bis zum öffentlichen Lohnzuschuss. Die Anspruchshaltung, vom Staat zu kassieren, ist bei Arbeitgebern und -nehmern gleich verbreitet.

Überhaupt wissen Personalleiter mittelständischer Unternehmen oft viel über Zuschüsse, die vom Arbeitsamt zu bekommen sind. Manche sind so gut informiert, dass sie schneller nach neuen Förderungen fragen, als ich die Anträge dafür auftreiben kann. Kapitalschwache Betriebe retten sich in „Förderschleifen“. Sie hangeln sich geschickt durch Programme der Arbeitsämter, der Bezirksämter, des Senats oder der Europäischen Union. Die meisten Zuschüsse zum Lohn sind daran gebunden, dass die Firma den Angestellten auch dann weiter beschäftigt, wenn die Förderung ausläuft. Wenn der Arbeitnehmer dennoch entlassen wird, prüft das Arbeitsamt, ob der Zuschuss zurückgefordert wird. Schreibt der Betrieb rote Zahlen, sind Stelle und Job verloren. Eine erneute Förderung dieses Betriebs schließe ich dann aus. Also wandert der Chef zur nächsten Quelle. Da heißt der Lohnkostenzuschuss dann eben „Stelle statt Stütze“.

Viele Arbeitgeber kommen erst, wenn alle anderen Versuche, einen passenden Mitarbeiter zu finden, erfolglos waren. Die fünfstelligen Beträge für Stellenanzeigen in der Zeitung haben drei mittelmäßige Bewerbungen gebracht, der Headhunter blieb erfolglos. Nun sitze ich an meinem PC und suche in den Bewerberdateien nach einem Mobilfunk-ITler mit Managementqualitäten und Verkaufstalent – für das Außendienstgebiet oberer Hunsrück.

Die Autorin ist Arbeitsvermittlerin in einem Berliner Arbeitsamt.

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