Zeitung Heute : Laut, heiter und gelassen

Der Tagesspiegel

Benni und Enno sitzen an einem der kleinen Tische in der ersten Reihe vor der Bühne im Kato. Hinter ihnen sitzen fünf weitere Gäste. Die erste Acid Jazz Night im Kato und das Publikum ist fast in der Minderheit. Denn Ron Spielman, der heute als Opener spielt, tritt nur mit Bassist und Drummer an. Tapfer applaudieren Benni und Enno – sie sind die einzigen. „Danke und tschüss“, ruft Ron ins Mikro, beginnt dann aber doch zu spielen, zu improvisieren. Er bedient den kleinen Tremolo-Hebel seiner E-Gitarre, ein Sturm aus Akkorden und Riffs erfüllt den leeren Raum. Inmitten diese Kakophonie brüllt Spielman Phrasen wie „Die Zeit bleibt stehen“ oder „Ich weiß nicht was es soll“.

So richtig scheint das niemand zu wissen. Benni und Enno blicken verstört auf die Bühne, Drummer Jan schlägt die Hände vors Gesicht und versucht, seinen Lachkrampf zu verbergen. „Ich dachte er hört irgendwann damit auf, aber das hat er nicht“´, sagt er später. Erst als sich die Ersten aus dem „exklusiven“ Publikum an die Bar im Vorraum verziehen, fängt sich Ron wieder, spielt seine bekannteren Songs und der Raum füllt sich langsam. Schwieriges Publikum, das seine eigene Instrumente mitbringt. Unruhig wippt Jörg auf seinem Stuhl hin und her, trippelt mit den Füßen auf der Stelle – dann die erlösenden Worte: „Möchte hier jemand spielen?“, fragt Ron und gibt die Bühne frei.

Verhalten, fast verschämt, schleicht Jörg an den Bass, gefolgt von zwei weiteren Tapferen. Zaghaft beginnen sie zu spielen. „Am Anfang braucht jeder ein bisschen Zeit, um warm zu werden“, kommentiert Ron.

Ein bisschen Zeit scheint auch David Gruber zu brauchen. Seit kurzem ist David zweiter Geschäftsführer im Kato, die Idee zur Acid-Jazz Night stammt von ihm. „Ich will das Kato mit mehr Leben füllen“, sagt David. Auch wenn ihm das in der ersten Nacht noch nicht gelungen ist, bleibt er gelassen. „Dienstags ist es hier sowieso leer. Da mache ich doch besser eine gute Veranstaltung als gar keine.“ Raimund Thörnig, Gründervater und ebenfalls Geschäftsführer, bleibt aus Erfahrung zuversichtlich: „Die besten Veranstaltungen waren immer diejenigen, die sich langsam aufgebaut haben.“

Gelassenheit und Optimismus sind das Kato-Erfolgsgeheimnis, und überlebenswichtig, in einem Klub, der sich ständig neu definieren muss: Vom Bahnhofsrestaurant Anfang des 20. Jahrhunderts, über Zwangsarbeiterlager und Lazarett während der Weltkriege, zum „Kaufhaus am Tor“, bis zur Bauaustellung – 1995 übernahmen Raimund Thörning und seine vier Gesellschafter die Räume und gründeten das Kato. Hier die unterschiedlichsten Gruppen aus dem Bezirk, im Winter fand regelmäßig der Kreuzberger Weihnachtsmarkt statt. Den Schwerpunkt bildeten damals, Mitte der Neunziger, Theateraufführungen.

Nach dem schleichenden Niedergang der Off-Theater-Szene, bekam Thörnig „den Saal nicht mehr voll“ und das Kato verwandelte sich noch einmal, diesmal zu einem Klub, der immer noch versucht, die unterschiedlichen Gruppen aus dem ehemaligen Viertel SO36 unter ein Dach zu bekommen: Montags ist afrikanische Nacht, mittwochs Reggae, freitags Gothic. An die Theateraufführung von damals erinnert heute nur noch die bescheidene Anlage, die für Musikveranstaltungen eigentlich zu klein ist.

An diesem Abend stört sich niemand an der Anlage. Inzwischen ist die Schüchternheit auf der Bühne verflogen, jeder der Musiker kämpft um ein paar Takte Solo – mit sehr eigenwilligen Methoden. Ein Abend, den Janosch in einem Satz zusammenfasst: „Scheiße, war das laut.“ Judith Kessler

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