Zeitung Heute : laut Meine Stadt so

Interview: Anna Kemper
Foto: Ullstein Bild
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Javier Marías, 58, ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Spaniens, sein Roman „Mein Herz so weiß“ war auch in Deutschland ein Bestseller. Gerade erschien der letzte Teil seiner Trilogie „Dein Gesicht morgen“ (Klett-Cotta).

Herr Marías, für Sie beginnt heute die schlimmste Zeit des Jahres in Madrid: die Woche vor Ostern.

Meine gestörte Beziehung zur Semana Santa ist schon eine Art Witz: Jedes Jahr schreibe ich in meiner Kolumne in „El País“ über die Ostertage und was mich dieses Jahr geärgert hat. Einigen Lesern gefällt diese Kolumne immer ganz besonders, andere werden richtig wütend.

Was stört Sie denn an der Woche vor Ostersonntag?

Die Prozessionen, es sind 17 oder 18, führen alle durchs Zentrum. Ich lebe mitten in der Stadt, es ist fast unmöglich, in dieser Zeit dort zu arbeiten, sich fortzubewegen, auszugehen – warum können die Prozessionen nicht durch die Vororte führen? Es ist doch absurd, dass im 21. Jahrhundert das Zentrum einer Stadt paralysiert ist, weil eine Prozession der anderen folgt! Und die Leute sind aggressiv: Einmal war ich vor Ostern auf dem Weg nach Hause, eine Prozession versperrte mir den Weg. Die Leute warfen mir vor: „Was fällt dir ein, ausgerechnet jetzt nach Hause zu wollen?“ Ich sagte: „Ich gehe nach Hause wann ich will!“ Und die: „Nein, Sie dürfen hier nicht durch!“ Es herrscht eine sehr intolerante Atmosphäre.

Der kulturelle Aspekt der Prozessionen lässt Sie kalt?

Für mich sind sie ein deprimierendes Spektakel. Vielleicht hat mich da meine Kindheit geprägt: Zu Francos Zeiten wurde die Semana Santa so wichtig genommen, dass im Radio nur klassische Musik lief, im Kino gab es nur religiöse oder historische Filme, man durfte nicht singen – für Kinder waren das grässliche Tage. Bis heute finde ich die Ikonografie der Osterprozessionen unheimlich, diese Männer mit ihren spitzen Kapuzen!

Sie sind in Madrid geboren, haben fast Ihr ganzes Leben dort verbracht. Welches ist Ihr Lieblingsplatz?

Einer meiner Lieblingsplätze wird gerade zerstört: Nah beim Königspalast gibt es eine Brücke, ein Viadukt, von dort hat man einen wunderbaren Blick ins Grüne. Schon Goya hat dieses Panorama gemalt, von der anderen Seite. Und dort, in dieses Grün, wird jetzt die „Stadt der Kirche“ gebaut, man nennt es schon „Kleiner Vatikan“ – in eine Zone, die denkmalgeschützt sein sollte! Aber das scheint niemandem etwas zu bedeuten, die Stadt hat das Gelände der Kirche überlassen.

Als Sie vor ein paar Jahren schon mal nach Ihrem Lieblingsort gefragt wurden, antworteten Sie: „Der Himmel über Madrid, weil es der einzige Ort ist, den der Bürgermeister nicht zerstören kann.“

Das bezog sich auf den Vorgänger des aktuellen Bürgermeisters. Als er sich zur Wiederwahl stellte, bat ich in einer Kolumne seine Partei, die konservative Parttido Popular, irgendjemand anderen aufzustellen, ganz egal wen, nur bitte nicht erneut diesen Mann! Jeden anderen würde ich wählen, versprach ich – und das, obwohl ich noch niemals die PP gewählt habe. Aber man hörte nicht auf mich.

Nun gibt es ja seit 2003 einen anderen PP-Mann im Rathaus: Alberto Ruiz-Gallardón gilt als gemäßigter und liberaler Mann innerhalb der Partei.

Ab und an schreibe ich ihm Briefe, in denen steht: „Hör mal“ – wir duzen uns ja alle in Spanien – „hör mal, jetzt macht ihr schon wieder diesen oder jenen Blödsinn“, und er antwortet immer sehr höflich und angenehm. Er ist gebildet, zivilisiert, er hat Stil, er liebt klassische Musik, er liest. Aber: Das alles betrifft nur seinen Charakter. Als Bürgermeister ist er noch zerstörerischer als sein Vorgänger. Die Stadt ist ein Chaos, ein Witz, seit 20 Jahren leidet sie unter sinnlosen Baustellen, viele Orte Madrids sieht man jahrelang nicht, weil sie unter Planen verschwinden, und wenn sie fertig sind, kann ich keine Verbesserung erkennen.

Erst seit kurzem ist der zentrale Platz Madrids, die Puerta del Sol, keine Baustelle mehr – dort wurde ein unterirdischer Bahnhof für Nahverkehrszüge gebaut.

Sechs Jahre hat das gedauert, für die Geschäfte am Platz und in den Seitenstraßen war es schlimm, manche gingen pleite, denn die Menschen kaufen nicht gern auf einer Baustelle ein. Und das Ergebnis ist fatal, entsetzlich, es sieht aus wie der Platz des Himmlischen Friedens!

Na ja, Herr Marías, etwas weniger gewaltig ist die Puerta del Sol schon …

… gut, aber es ist ein absurder Platz geworden, leer, wüst. Und dann in der Mitte diese Kuppeln, die sie da hingestellt haben, sehr hässlich, die sind der Eingang zur Station. Deshalb habe ich damals gesagt: Nur den Himmel können sie nicht verschandeln. Aber selbst das ist relativ: Denken Sie nur an die vielen Kräne.

Es gibt doch auch positive Beispiele: Die M-30, eine hässliche Stadtautobahn, wurde in einen Tunnel verlegt, über dem jetzt eine riesige Grünfläche entstehen soll.

Eine der wenigen Baustellen, die anscheinend sinnvoll sind. Aber für die Anwohner war es schrecklich: Tag und Nacht, sogar am Wochenende wurde dort gearbeitet. Das kann man nicht machen, finde ich. Die ein oder andere Baustelle mag ja eine Verbesserung bringen, aber die Kosten sind oft zu hoch, wenn Stadt und Menschen jahrelang unter Lärm leiden müssen. Das wird nie in Betracht gezogen.

Die Baustelle der M-30 war zehnmal so groß wie die am Potsdamer Platz – und nur eine von über 70 Großbaustellen, die der Bürgermeister initiierte.

Anders als in Berlin, wo man eine Leere füllte, gibt es für die permanenten Bauarbeiten hier keine Berechtigung. Ich glaube, dass das Geschäft eine wesentliche Rolle spielt: Alle Beteiligten verdienen daran, wenn eine Straße aufgerissen wird – ein großes Geschäft auf Kosten der Bürger und des Lebens in der Stadt. Ich sage immer: Wir madrilenischen Schriftsteller müssten eigentlich zusätzliche Anerkennung dafür bekommen, dass wir inmitten des ständigen monströsen Lärms Bücher schreiben, denn eigentlich braucht man dafür ja Ruhe und Konzentration.

Als der Bürgermeister Ruiz-Gallardón den M-30-Tunnel einweihte, sagte er mit Hinweis auf die vielen Bauprojekte der Stadt: „Wir haben die Utopie gemanaged“. Machen Sie solche Sätze wütend?

Politikerreden sind Theater, Eigenwerbung, sie sind mir egal. Neulich habe ich über Politiker geschrieben, die glaubten, das Mikrofon sei abgeschaltet, obwohl es an war. Das ist zum Beispiel Esperanza Aguirre passiert, der Chefin der Regionalregierung von Madrid. „Zum Glück haben wir dem Hurensohn einen Posten weggeschnappt“, sagte sie, sie meinte wahrscheinlich ihren Parteifreund Ruiz-Gallardón …

… die beiden verstehen sich nicht besonders gut …

… überhaupt nicht! Kurz darauf war sie in einem Dorf im Umland, sie zeigte auf irgendwas und sagte zu dem dortigen Bürgermeister: „Wie konntest du diese verdammte Scheiße nur genehmigen?“ Diese Frau ist ein Rüpel, entsetzlich. Gut, wir alle fluchen mal, aber die meisten von uns repräsentieren auch nur sich selbst. Sie repräsentiert die Region Madrid!

Wie hat sie reagiert?

Das Übliche: Ein privates Gespräch zähle nicht. Aber für mich ist es umgekehrt: Politiker lügen, sobald sie von Mikrofonen umgeben sind, deshalb zählen für mich öffentliche Auftritte nicht. Um herauszufinden, wie Politiker wirklich sind, müssen wir mitkriegen, was sie sagen, wenn sie denken, niemand höre zu. Und diese Sätze erzählen mir mehr über Esperanza Aguirre als alle ihre Reden.

Es heißt, dass Aguirre und Ruiz-Gallardón um die PP-Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen kämpfen werden.

So sagt man. Aber diese Manöver und Intrigen interessieren mich nicht.

Einer, der von Spaniens Bauboom profitierte, ist Florentino Pérez, größter Bauunternehmer des Landes und Präsident von Real Madrid. Sie verehren Real wie kein zweiter spanischer Schriftsteller. Können Sie sich über Siege noch unbefangen freuen?

Spanische Vereinspräsidenten sind fast ausschließlich Bauunternehmer, und einige von ihnen sind nicht nur das, sondern zugleich Gangster. Pérez ist zumindest kein Gangster, jedenfalls ist nichts Nachteiliges über ihn bekannt. Und wer wechselt den Verein, nur weil ihm der Präsident nicht gefällt?

Unter Pérez verkaufte Real sein Trainingsgelände an die Stadt – heute stehen dort die vier höchsten Bürotürme Spaniens, genannt „Torre Beckham“, „Torre Figo“, „Torre Ronaldo“ und „Torre Zidane“.

Auch wenn es hier um Real geht: Das ist schon ein bisschen lächerlich gewesen. Deshalb haben die Leute diese Spitznamen erfunden, als Witz, weil diese Spieler von dem Geld gekauft wurden.

Sie haben eine Zeit lang in Oxford gelehrt. Wenn Sie so sehr auf Madrid schimpfen, warum sind Sie dann zurückgekehrt?

Es ist nicht leicht, einen passenden Ort zu finden. Wenn man zurückkehrt, dann weil es die eigene Stadt ist, wo du geboren bist, die du kennst und gewohnt bist, wo Familie und Freunde leben. Seit einigen Jahren habe ich aber auch eine Wohnung in einer Kleinstadt, 200 Kilometer von Madrid entfernt. Dorthin ziehe ich mich manchmal zurück. Übrigens hat der dortige Bürgermeister einen Plan verkündet, der wie eine Drohung klingt: Ein Parkplatz soll gebaut werden, direkt vor meinem Haus.

Das mit Ihnen und den Bauarbeiten scheint etwas Persönliches zu sein.

Sie verfolgen mich! Zum Glück ist das mit dem Parkplatz noch nicht endgültig beschlossen.

Herr Marías, wie erinnern Sie sich an das Madrid Ihrer Kindheit?

Ich bin im Viertel Chamberí geboren, in dem sich damals noch eine Villa aus dem 18. oder 19. Jahrhundert an die nächste reihte. Die Plaza Colón war nicht weit, dort gab es ein schönes altes Gebäude, die Casa de la Moneda, wo das Geld gedruckt wurde. All das verschwand zu Francos Zeiten. Heute stehen dort Banken, moderne Gebäude. Die Plaza Colón ist ein hässlicher Platz mit absurden Blöcken, die die Entdeckung Amerikas feiern sollen.

Wie war die Atmosphäre der Stadt?

Es war stiller. Klar, damals gab es ja kaum Autos. Und ich habe noch Dinge gesehen, die heute undenkbar wären: Wagen, die von Eseln oder Pferden gezogen wurden, vor allem Schrottsammler. Es gab auch noch Milchgeschäfte in manchen Straßen: Meistens waren diese Geschäfte im Keller, und als Kind war ich genau auf der Höhe der kleinen Fenster, die über dem Boden eingelassen waren. Durch die Fenster konnte man die Kühe sehen – mitten in der Stadt gab es noch diese Überbleibsel, die fast ländlich anmuteten.

Noch heute sagen viele: Madrid ist eine Stadt wie ein Dorf.

Damit war ich nie einverstanden. Man kann viel Schlechtes über Madrid sagen, aber es ist nicht provinziell.

Nicht mal im Vergleich mit dem ewigen Rivalen Barcelona?

Das hat sich geändert. Barcelona ist nicht mehr in dem Maße weltoffen, wie es in sich geschlossen ist – Nationalismus ist eben immer desaströs, egal auf welcher Ebene. Und der katalanische Nationalismus hat das kulturelle Leben ein bisschen eingeschränkt. Barcelona ist eine tolle Stadt, viel schöner als Madrid – aber mittlerweile erscheint es mir fast provinziell, was es vorher nie war.

Und Madrid?

Der Großraum Madrid hat mit sechs Millionen Einwohnern fast so viele wie Katalonien, das aber flächenmäßig viel größer ist. Madrid wächst, hat viele Zuwanderer, es ist eine offene Stadt.

In der der Wohnraum in den vergangenen 15 Jahren fast unbezahlbar geworden ist: Ein winziges Zimmer zum Hof in einer WG kann schon mal 500 Euro kosten.

Das stimmt. Ein Freund von mir aus New York verkaufte seine Wohnung in Manhattan, um mit dem Geld eine Wohnung in Madrid zu kaufen. Am Ende hat er eine gemietet, denn Kaufen wäre aberwitzig teuer gewesen: 600 000 Euro für eine kleine Wohnung in einer nicht gerade guten Gegend.

Ihre Wohnung liegt im Herzen der Stadt, zwischen der Puerta del Sol und dem Königspalast. Bis vor drei Jahren befand sich das Rathaus direkt gegenüber Ihrer Wohnung, 2007 zog die Verwaltung um. War es für Sie ein Tag der Freude, als der Bürgermeister nicht länger Ihr Nachbar war?

Der große Vorteil: Es gibt jetzt weniger Demonstrationen vor meinem Fenster. Vorher haben ja ständig alle möglichen Leute dort gegen den Bürgermeister demonstriert.

Aber das muss gerade Ihnen doch sympathisch gewesen sein!

Am Anfang dachte ich immer: Egal warum sie da sind, sie haben sicher recht! Aber da war auch diese Gruppe, die gegen Stierkampf protestierte, und die hat wirklich genervt: ungefähr zwölf Leute, die aber mehr Lärm gemacht haben als 300! Aber die protestieren jetzt alle vor dem neuen Rathaus.

Wer ist bei Ihnen gegenüber eingezogen?

Das Gebäude gehört vorläufig noch zur Stadtverwaltung.

Und was soll in Zukunft damit geschehen?

Ich weiß es nicht. Aber ich bin mir sicher, dass die irgendeinen Plan in der Tasche haben. Und der kann nur eins bedeuten: Bauarbeiten!

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