Zeitung Heute : Lauter Klinsmänner

Wie der Bundestrainer versucht, seine Fußballer zu Profis zu machen, deren Horizont nicht am Spielfeldrand endet

Stefan Hermanns Michael Rosentritt[Nürnb]

Gerald Asamoah hat noch einige Probleme mit den modernen Zeiten. Zumindest wird diese Version weiterhin in der Öffentlichkeit verbreitet, und niemand weiß genau, ob das nicht vielleicht längst ein bisschen Folklore ist. Oliver Bierhoff jedenfalls hat erst am Mittwoch ausführlich über die technischen Neuerungen bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft berichtet: dass die Anweisungen und Mitteilungen des Trainerstabes inzwischen per E-Mail bei den Nationalspielern eingehen, dass es einige Profis gibt, die sehr gewandt mit den neuen Möglichkeiten umgehen – und dass Gerald Asamoah immer noch ein Lernender ist. „Der muss gelegentlich seine Freundin hinzuziehen, um den Anhang zu öffnen“, hat Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft, gesagt.

Die modernen Zeiten bei der deutschen Nationalmannschaft dauern jetzt elf Monate, und noch immer gibt es einige Nörgler, die mit den Veränderungen wenig anfangen können. Rudi Assauer, der Manager des FC Schalke 04, hat über die Methoden des Bundestrainers Jürgen Klinsmann gesagt: „Wenn ich dann höre: ,Wir machen Telefonkonferenzen’ – da werd’ ich bekloppt in der Birne.“ Assauer ist 61, und er stammt aus einer Zeit, in der Fußball die Sache harter Männer war. Der 40 Jahre alte Klinsmann hingegen hat nicht nur die Methoden der globalisierten Wirtschaft in die Welt des Fußballs eingeführt, sondern auch deren Jargon.

„Der Jürgen war schon als Spieler der etwas andere Profi“, sagt Klinsmanns Vorgänger Rudi Völler. Klinsmann lernte Fremdsprachen, fuhr mit seinem alten VW-Käfer in den Urlaub – und achtete darauf, dass solche Geschichten immer auch in den Medien landeten. Im Grunde will er seine Nationalspieler nun zu kleinen Klinsmännern machen, zu mündigen Profis, deren Horizont nicht an der Kreidelinie des Spielfelds endet. „Wir wollen Spieler, die etwas zu sagen haben“, sagt Oliver Bierhoff.

Seinen Kritikern macht es der Bundestrainer mit seiner Art ziemlich einfach. Irgendwas wird jeder finden, das ihm an Klinsmann nicht gefällt: dass er immer noch in Kalifornien wohnt und deshalb mit seinen Mitarbeitern per Telefon oder E-Mail kommuniziert; dass er Fitnesstrainer aus den USA zur Nationalmannschaft bestellt, wo doch das sinnfreie Dauerlaufen eine Erfindung der Deutschen ist; und dass er überhaupt eine Menge Gewese um seine schönen Neuerungen veranstaltet.

Wenn der Bundestrainer von seinen Ideen kündet, benutzt er am liebsten den Ausdruck Philosophie, und im Grunde verfolgt der Philosoph Klinsmann einen ganzheitlichen Ansatz: Klinsmann will Weltmeister werden. Dazu muss er offensiven Fußball spielen, und dazu wiederum benötigt er mutige Spieler mit einer gefestigten Persönlichkeit. Als die Nationalmannschaft vor Weihnachten zu drei Testspielen nach Asien flog, bekam jeder Spieler als Reiselektüre ein Exemplar des amerikanischen Bestsellers „Denke nach und werde reich“. Napoleon Hill beschreibt darin, was erfolgreiche Menschen zu erfolgreichen Menschen macht. Klinsmann schreibt den Spielern regelmäßig E-Mails, zeigt Power-Point-Präsentationen, formuliert die neuen Unternehmensziele, verfügt Verhaltensmaßregeln, die das Zusammenleben in der Gruppe regeln, und hat für jeden Spieler eine spezielle DVD mit seinen Schwächen und Stärken erstellen lassen.

Es gibt viele kleine Veränderungen, die eine große Wirkung entfalten sollen. Und schon jetzt dazu geführt haben, dass die Nationalmannschaft ein neues Erscheinungsbild präsentiert. Als Rudi Völler noch Teamchef war, suchte er die Abgeschiedenheit ländlicher Luxushotels. Klinsmann zieht es ins Zentrum großer Städte. „Die Spieler sollen auch mal einen Kaffee trinken gehen“, sagt er. In der vergangenen Woche hat die Boulevardzeitung „Express“ Fotos der Nationalspieler veröffentlicht, die sie beim Shopping in der Kölner Innenstadt zeigten. Das erweckt die Illusion, dass die Fußballer Menschen sind wie du und ich, die man einfach mal auf der Straße treffen kann. „Wir möchten den Fans die Spieler als Menschen näher bringen“, sagt Bierhoff. Das Prinzip funktioniert bestens. Seit mehr als drei Wochen sind die Nationalspieler jetzt zusammen. Und obwohl die Fans bis gestern kein einziges Training sehen durften, hat sich niemand über die Abschottung der Nationalmannschaft beschwert.

In diesem Zusammenhang passt es auch ganz gut, dass der Bundestrainer dem Fußballvolk ein paar neue, frische Gesichter präsentiert hat. Beim Auftakt des Confed-Cups gegen Australien standen vor einer Woche vier 20-Jährige in der Mannschaft. Klinsmann hat damit eine Sehnsucht der deutschen Fans erfüllt, die noch während der Europameisterschaft 2000 den fast 40 Jahre alten Libero Lothar Matthäus erdulden mussten. Viel lieber sehen sie einen 20-Jährigen wie Robert Huth, der mehr Fehler macht, als ein Nationalspieler sich erlauben darf. Seitdem Huth deswegen von den Boulevardzeitungen heftig angegriffen wurde, feiern ihn die deutschen Zuschauer umso exzessiver.

Lange hat die Klage das Land erfüllt, dass es keinen talentierten Fußball- Nachwuchs mehr gebe. Klinsmann beweist gerade das Gegenteil. Bei jeder Gelegenheit verteidigt er die jungen Spieler gegen den Vorwurf, sie seien satt und viel zu bequem: „Da rückt eine Generation nach, die sehr neugierig, wissbegierig und zielstrebig ist.“ Mike Hanke zum Beispiel. Der ist 21, und vor ein paar Jahren hat er noch als Fan des FC Schalke 04 in der Kurve des Gelsenkirchener Parkstadions gestanden. Trotzdem verlässt Hanke seinen Lieblingsverein, weil er dort nicht regelmäßig spielen durfte. Er geht zum VfL Wolfsburg und hat bereits angekündigt, dass er demnächst auf eigene Kosten einen Sprinttrainer engagieren will.

Klinsmanns Botschaften fangen an, ihre Wirkung zu entfalten.

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