Zeitung Heute : Lauter letzte Instanzen

Präsident Bush wollte nicht, dass sie stirbt. Ein Richter urteilte nun anders. Doch der Kampf um Terri Schiavos Leben geht weiter

Malte Lehming[Washington]

Ihr Tod soll friedlich sein, heißt es. Sie liegt im Wachkoma. Ihr Gehirn ist dauerhaft geschädigt. Seit Freitag wird Terri Schiavo nicht mehr künstlich ernährt. Ein Richter in Florida hatte die Entfernung der Magensonde angeordnet. Nun stirbt sie langsam, verhungert, verdurstet. Es kann Wochen dauern – eine, zwei, vielleicht sogar drei. Irgendwann versagen die Nieren. Dann wird die Patientin bewusstlos. Am Ende hört das Herz zu schlagen auf. So stellen sich das die Mediziner vor. Ob sie Schmerzen empfindet, weiß keiner. Was wissen die Lebenden überhaupt vom Tod?

Die Uhr tickt. Jede Sekunde, die verstreicht, tötet die 41-jährige Frau. Amerika hält den Atem an, die ganze Nation fühlt mit. Die Sterbende liegt in einem Pflegeheim von Pinellas Park, einer Stadt in Florida. Vor dem Woodside Hospice versammeln sich täglich Dutzende von Demonstranten. Sie beten, skandieren, oder sind einfach nur da. Ihre Schilder zeugen von Wut und Verzweiflung. Was kann Terri noch retten? Wurde nicht alles versucht?

In der Tat. In Florida ist der Fall durch alle Instanzen gegangen. Insgesamt 19 Richter hat er beschäftigt. Bereits zwei Mal war der Frau die Magensonde entfernt und dann, durch neuen Gerichtsbeschluss, wieder eingesetzt worden. Dramatischer kann ein Verfahren kaum sein. Dabei ist die Rechtslage ziemlich klar. Ehemann Michael Schiavo ist Terris gesetzlicher Vormund. Dass er inzwischen eine neue Lebensgefährtin hat, mit der er zusammenlebt und zwei Kinder hat, ändert daran nichts. Er behauptet, seine Frau hätte nicht gewollt, in ihrem Zustand auf Dauer künstlich am Leben erhalten zu werden.

In den USA gilt der Grundsatz, dass jeder Mensch das Recht hat, bestimmte medizinische Behandlungsmethoden zu verweigern. Michael Schiavo hat durch Zeugen glaubhaft machen können, dass seine Frau, die vor 15 Jahren nach einem Herzinfarkt ins Wachkoma gefallen war, die künstliche Ernährung durch eine Magensonde ablehnen würde. Als Vormund kann er ihren Willen auch ohne Patientenverfügung – eine solche hat Terri Schiavo nicht hinterlassen – geltend machen. Die Richter in Florida hatten keine Wahl: Sie mussten ihm Recht geben.

Doch das Recht kollidiert mit der Moral. Terri ist nicht sterbenskrank. Ihre Eltern bestreiten, dass sie hätte sterben wollen. Robert und Mary Schindler wollen die Hoffnung auf Heilung nicht aufgeben. In Videoaufnahmen scheint es, als würde die Patientin reagieren, lächeln, wahrnehmen. Vor zwei Jahren etwa gelang es den streng katholischen Schindlers, das Interesse christlicher Organisationen auf den Fall zu lenken. Immer größer wurde das Netzwerk. Bei einer Versammlung konservativer Katholiken auf dem Parteitag der Republikaner, im Sommer vergangenen Jahres, war Terris Bruder Bobby der Ehrengast.

Die Moral hat aus Terris Schicksal ein Politikum gemacht. Seitdem ihr am Freitag die Magensonde entfernt wurde, überschlagen sich die Ereignisse. Präsident George W. Bush bricht seinen Urlaub ab und fährt ins Weiße Haus zurück. Der Kongress unterbricht seine Osterpause, die Senatoren und Abgeordneten tagen am Sonntag bis in die späte Nacht. Am Montag, um 0 Uhr 42, wird ein Sondergesetz verabschiedet. Bush wird geweckt. Um 1 Uhr 08 unterzeichnet er es. Das Gesetz ist ein Unikum. Es bestimmt, dass Terris Eltern das Recht haben, ein Bundesgericht anzurufen.

So geschieht es. Doch kann ein Bundesrichter anders entscheiden als alle 19 mit dem Fall befassten Richter in Florida es taten? Das hängt wohl auch vom Richter ab. Per Zufallsgenerator wird Bundesrichter James Whittemore ermittelt. Er war einst von Bill Clinton ernannt worden.

Noch am selben Tag findet in Tampa eine Anhörung statt. Zwei Stunden dauert sie. Emotional aufgeladen sei die Atmosphäre gewesen, heißt es. Die Anwälte von Terris Eltern berufen sich auf den Papst. Auch die Patientin sei streng katholisch, sagen sie. Und Papst Johannes Paul II. hat sich vor einem Jahr deutlich positioniert. Die Ernährung von Patienten, die sich im Wachkoma befinden, sagte er, sei eine „moralische Pflicht“. Die Magensonde zu entfernen, sei „Euthanasie durch Unterlassung“. Darf Terri durch Gerichtsbeschluss gezwungen werden, gegen die Lehre ihrer Religion zu verstoßen? Entscheidend sei die aktuelle katholische Morallehre, sagen die Anwälte, nicht das, was Terri, in Unkenntnis dieser Lehre, vor mehr als 15 Jahren womöglich geäußert habe.

Doch Bundesrichter Whittemore hat Zweifel. Der Tag verstreicht ohne eine Entscheidung. Weiter tickt die Uhr. Gefühlswelten prallen aufeinander. Interviews mit Terris Eltern und ihrem Bruder Bobby laufen im Fernsehen, auf allen Nachrichtensendern. Tränen fließen, Appelle werden mit stockender Stimme in die Mikrofone gepresst. Michael Schiavo nimmt an der Anhörung vor Gericht nicht teil. Er verbringt den Tag am Bett seiner Frau. „Auch ich habe schon viele Tränen geweint“, sagt er am Abend, „das können Sie mir glauben. Aber ich habe es Terri versprochen. Und ich bleibe an ihrer Seite.“

Sein Anwalt dagegen, George Felos, schießt scharf. Das vom Kongress verabschiedete und von Bush unterzeichnete Sondergesetz sei ein Skandal, sagt er. Außerdem verstoße es gegen die Verfassung. Das Gros der US-Juristen stimmt ihm zu. Ein Gesetz, das keine Allgemeingültigkeit hat, sondern explizit nur für Terris Eltern gilt, widerspreche sämtlichen rechtsstaatlichen Prinzipien. Die Legislative habe ihre Kompetenzen überschritten. In ihrer Dienstagsausgabe wettert die „New York Times“ gleich in zwei Kommentaren. Der Fall werde politisch ausgeschlachtet, schreibt sie, Sondergesetze, die für eine einzige Familie erlassen werden, gefährden die Prinzipien der Demokratie und des Föderalismus.

Am frühen Dienstagmorgen lehnt Bundesrichter Whittemore es ab, die Wiederaufnahme der künstlichen Ernährung Terris anzuordnen. Die Klage der Eltern habe keine Aussicht auf Erfolg. Sein Urteil ist 13 Seiten lang. Unmittelbar darauf rufen Terris Eltern das Berufungsgericht in Atlanta im Bundesstaat Georgia an. Wieder verstreicht die Zeit. Seit vier Tagen nun wird ihre Tochter nun nicht mehr ernährt. Der Instanzenweg auf Bundesebene kann lange dauern. Und unter Druck entscheiden Richter ungern.

Der Tod ist endgültig. Wer nicht hundertprozentig daran glaubt, dass es richtig ist, Terri Schiavo sterben zu lassen, muss für ihr Leben kämpfen. Das sagen die Aktivisten. Die Einwände der anderen nehmen sie in Kauf. Amtsanmaßung, Machtmissbrauch, politische Instrumentalisierung, Einmischung, Missachtung der Justiz: Die Überzeugungstäter, die im Zweifel für das Leben votieren, schert solche Kritik nicht. Sie fühlen sich von ihrem Gewissen getrieben. Nur das und den lieben Gott akzeptieren sie als höchste Instanz.

Die Uhr tickt. Falls doch noch ein Richter die Wiederaufnahme von Terri Schiavos künstlicher Ernährung anordnen sollte, muss schnell gehandelt werden. Im Woodside Hospice kann die Operation zur Reimplantierung der Magensonde nicht durchgeführt werden. Der Transport vom Pflegeheim zum Krankenhaus dauert etwa zwei Stunden. Alle stehen bereit – Helfer, Fahrer, Eskorteure. Selbst die Demonstranten wurden instruiert. Sie müssen auf ein Zeichen hin sofort die Zufahrtstraße räumen. Auf dieses Zeichen warten nicht nur sie.

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