Zeitung Heute : Le Cochon Bourgeois So gut wie nie zuvor:

Solide Eleganz

Bernd Matthies

Le Cochon Bourgeois, Fichtestr. 24, Kreuzberg, nur Abendessen von Dienstag bis Sonnabend, Tel. 693 01 01. Nur Bargeldzahlung möglich. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

So ist Deutschland nun einmal in diesen Tagen: Bricht in einem Restaurant ein Feuer aus, muss sich der Wirt automatisch mit dem Verdacht herumschlagen, er habe mit Hilfe eines warmen Abrisses dem wirtschaftlichen Schlamassel entfliehen wollen. Gegen diese pauschale Unterstellung hilft nur der rasche Wiederaufbau, und so hat Günter Behrmann, der Patron und Küchenchef, auch nur zwei Monate ins Land gehen lassen, bis sein Kreuzberger „Le Cochon Bourgeois“ wieder wie neu aussah.

Na, oder sagen wir: wie alt. Denn das kleine Bistro mit den stilgerecht wackelnden Stühlen lebt ja gerade aus der Spannung zwischen der eher kneipenhaften Optik und der nicht ganz billigen, durchaus gehobenen Küche; die dekadente Eleganz, die das mit Zylinder und Monokel ausstaffierte fette Bürgerschwein auf dem Türschild abstrahlt, ist dem Haus selbst fremd. Man könnte sagen, dass es seinen Reiz weiterhin aus der Mimikry bezieht, die einst notwendig war, um in Kreuzberg gutes Essen anzubieten, ohne von vermummten, schwarz gekleideten Neidern besucht zu werden.

Das ist Geschichte, und die gelassene Grundstimmung des neuen Kreuzbergs scheint sich auch in der renovierten Küche des Restaurants niederzuschlagen, die so gut ist wie nie zuvor. Die plakative, oft bis an die Grenze des Anbrennens vorangetriebene Rustikalität ist einer subtilen Eleganz gewichen, die dennoch nichts Avantgardistisches hat, sondern sich auf solide französisch-mediterranen Grund bewegt.

Die zarten, mit Limette gewürzten Pulpo-Scheiben liegen auf einem sanft gekräuterten Salat, und in der Mitte ein kleiner gebackener Fladen, der sich als Mischung aus Kartoffelpüree und Heilbutt entpuppt – eine gelungene Überraschung. Die aktuelle Renaissance der Topinambur schlägt sich hier in einer mild sahnigen Suppe nieder, die mit resch gebratenem Kalbsbries angenehm aufgewertet wird.

Sauber gebratene Wachtelbrust mit Oliventapenade und enthäutetem rotem Paprika, Jacobsmuscheln auf einem würzigen, aber etwas konturlosen Steinpilzrisotto – man sieht die eher konservative, aber dennoch an den Erwartungen aufgeschlossener Esser ausgerichtete Stilistik, die sich auch mit den großzügig dosierten Hauptgerichten fortsetzt. Loup de Mer mit Fenchel und Safransauce ist ein Klassiker seit Jahrzehnten, aber dieser hier wurde saftig gegart, gut gewürzt und in allen Details auf größte Geschmacksfülle ausgerichtet, und da gibt es nichts zu meckern; Gleiches gilt für die Kombination von (unmodischem) Schweinefilet und (modischer) Blutwurst auf dezent gekräutertem Püree.

Bei den Desserts setzt die Küche ihren Anspruch leider deutlich niedriger an, möglicherweise ein Problem der Personalausstattung. Die anständige Crème brûlée verzichtete ganz auf den noblen Hauch echter Vanille, und auch der geeiste Milchkaffee mit Erdbeeren und einem kleinen Schoko-Nusskuchen gehörte in die Kategorie der bausatzhaft vorbereiteten, gleichwohl durchaus angenehmen Desserts. (Um zehn Euro für Vorspeisen und Zwischengerichte, maximal 20 Euro für Hauptgerichte. Menüs ab 37 Euro für drei Gänge, 48 Euro für vier Gänge.)

Die Weine kommen ausschließlich aus Frankreich, was nicht unbedingt zwingend ist, aber auch kein Grund zur Kritik. Neben traditionellen Winzern ist auch die neue Generation mit Gérin, Vaillé oder Roblet-Monnot vertreten. Der Menetou-Salon, eine schlank-mineralische Alternative zum Sancerre, kostete angemessene, wenn auch nicht gerade günstige 45 Euro; wir waren leicht verblüfft, dass ein durchaus substanzieller Rest mitsamt der Flasche plötzlich spurlos verschwand. Sonst überzeugte der Service durch Präzision und freundlich dargebotene Autorität. Wer hier isst, wird in aller Regel sagen können: Schwein gehabt.

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