Zeitung Heute : Le Cochon

Schwertfisch und Rhabarbereis

Bernd Matthies

Le Cochon

Bourgeois,

Fichtestraße 24,

Kreuzberg,

Telefon 693 01 01.

Nur Abendessen,

sonntags und montags geschlossen. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Jahrelang stand das Restaurant „Le Cochon Bourgeois“ in der kulinarisch einst bedeutenden, dann aber stark nachlassenden Umgebung des Südsterns allein auf weiter Flur. Die an Bürgerschweinen und anderen Gourmet-Tieren interessierten Gäste hatten sich nach Osten verzogen. Doch das Pendel schlägt zurück, es hagelt Neueröffnungen, beispielsweise vom „Hartmanns“ oder der Trattoria „Noiquattro“ – und auch das Cochon präsentiert sich aufgefrischt mit neuer Mannschaft. Denn statt des langjährigen Chefs Hannes Behrmann steht nun sein Mitarbeiter Benjamin Stoeckel am Herd.

Er behauptet sich mit Anstand. Da der Vergleich mit dem sehr ähnlich konzipierten „Hartmanns“ nebenan ohnehin unausweichlich ist, sage ich gleich: Hier gefällt es mir zurzeit besser, weil Stoeckel weniger streng an die Sache heran geht, Aromen und Gewürze prononcierter einsetzt, spielerischer und moderner kocht. Darin scheint mir auch ein Fortschritt gegenüber der oft sehr erdenschweren, rustikalen Cochon-Küche früherer Zeiten zu liegen. Schattenseite: Auf den ersten Gang warteten wir extrem lange, dann besserte es sich.

Man spricht französisch, jedenfalls im geistig-moralischen Sinn, und die etwas zeremoniellen jungen Herren aus dem Service näseln „Monsieur“ und „Madame“ – zu dick aufgetragen für ein so schlichtes Wohnstubenbistro, das ein wenig mehr Lockerheit gut vertragen könnte, vor allem im vorderen Raum mit seiner prekären Flüsterakustik. Die Weine kommen durchweg aus Frankreich, das ist okay, allerdings ist die Kalkulation am oberen Rand des Erträglichen angesiedelt; der eigenwillige Josmeyer-Riesling „Le Kottabe“ kostet 37 Euro und ist damit einer der günstigsten Flaschenweine; er wird auch in 0,1-l-Schlucken für 6 Euro abgegeben.

Die Küche Stoeckels bewahrt ein paar französische Klassiker wie die Andouilette und die Blutwurst mit Linsen und Salat, interpretiert aber schon dabei leicht und modern. Wenn man will, sind auch Innereien speziell französisch: Hier stehen beispielsweise Lammzunge oder Lammnieren auf der Karte, und wir waren mit den akkurat gegrillten Nieren sehr zufrieden, wenn auch statt des versprochenen Bärlauch-Kartoffelsalats als Begleitung ein Risotto kam – dem Service fiel das erst auf, als wir nachfragten. Drei saftige, nicht sehr große Jacobsmuscheln lagen auf einem perfekt abgepassten Safran-Risotto, knackige Riesengarnelen werteten eine schaumige Spargelsuppe auf, die sehr genau zwischen Sahnig- und Leichtigkeit balancierte.

Beim sehr ähnlich konzipierten Kaninchensugo, eher einem Ragout, kamen die Zutaten, Spargel, Zuckerschoten, Kerbel, ebenfalls gut zur Geltung. Die hässlichen trockenen Krebsschwänze dazu, die im großen Sack in Salzlake gehandelt werden, hätte ich allerdings entbehren können. Jeder Havelfischer hat bessere, und das müsste bei immerhin 14 Euro für eine kleine Portion eigentlich drin sein. Schließlich überzeugte mich die Küche mit einem schön saftigen Stück Schwertfisch auf Kartoffelpüree nebst Bärlauch.

Schade, dass die Desserts dann nicht qualitativ, aber doch stilistisch deutlich abfallen. Langweiler wie die offenbar unsinkbare Crème brûlée müssen wirklich nicht sein. Wir probierten Rhabarbereis auf etwas Rhabarber im Martini-Glas und waren zufrieden; weshalb allerdings marinierte Erdbeeren mit Champagnereis, ebenfalls durchaus gelungen, mit 14 Euro berechnet werden, weiß vermutlich nicht einmal der Himmel.

Die Hauptgänge liegen um die 20 Euro und damit eher günstig. Richtig preistreibend sind die Vorspeisen wie die Jacobsmuscheln, die ebenfalls 19 Euro kosteten. So ist man zu zweit rasch in Richtung 200 Euro unterwegs, die dann auch noch nach alter Väter Sitte in bar entrichtet werden müssen. Auf dieses ärgerliche Servicemanko wird man zwar schon am Telefon hingewiesen und kann deshalb vorher noch irgendwo Geld ziehen, beispielsweise in der sinistren Atmosphäre vor der Postbank am Hermannplatz. Dennoch ist das eine befremdliche deutsche Spezialität, wie sie im zivilisierten Ausland nicht mehr denkbar wäre.

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