Leander Haußmann inszeniert "Hamlet" am BE : Wo bitte geht’s zum Ruhm?

Leander Haußmann kehrt nach langer Funkstille ans Berliner Ensemble zurück und wagt sich an Shakespeares „Hamlet“.

Patrick Wildermann

Der Krach der beiden war bühnenreif. „Peymann (aus dem dunklen Zuschauerraum brüllend): ,Hau bloß ab, du feige Sau!’ Haußmann (über die Bühne zum Ausgang eilend): ,Leck mich am Arsch, du blöder Idiot.’ Peymann (von unten an die Rampe eilend): ,Mit Gülle hast du das Theater übergossen!’“ Nach diesem Dialog herrschte acht Jahre lang Funkstille zwischen dem Intendanten des Berliner Ensembles und dem Regisseur, der Shakespeares „Sturm“ am Schiffbauerdamm inszeniert hatte. Leander Haußmann beschreibt diese Szene in seinem jüngst erschienenen Buch „Buh“. Im Untertitel: „Mein Weg zu Reichtum, Schönheit und Glück“ (KiWi, 16,99 Euro). Jetzt sitzt der Autor, Filmemacher und Theaterregisseur in der Kantine des Hauses, das noch jedem Sturm zu trotzen wusste. In wenigen Wochen wird hier am BE sein „Hamlet“ Premiere feiern. Wer hat, nach dem Jauche-Zwist, die Hand zur Versöhnung ausgestreckt? „Peymann“, entgegnet Haußmann knapp. Und setzt hinzu: „Eine meiner herausragenden Charaktereigenschaften ist, dass ich nicht nachtragend bin.“

Der Regisseur, angetan mit Sakko, Totenkopfring und riesiger Hornbrille, verzieht dazu kaum eine Miene. Bloß die Augen blitzen belustigt. Kein Wunder, dass Haußmann gedruckte Interviews mit sich meist problematisch findet. Zwischen den Zeilen geht sein spezieller Humor leicht verloren, mit dem er oft und gern aneckt. „Wenn schon scheitern, dann richtig“ – das hat er im Buch als Losung für sein anstehendes Shakespeare-Projekt ausgegeben. Wenn man ihn darauf anspricht, während er sich nach vollbrachter Probe noch schnell ein Kantinenessen organisiert, entgegnet er ganz ohne Koketterie: „Es gibt wahrscheinlich nichts Eitleres, als den ‚Hamlet’ zu machen. Wer ist man denn?“ Und startet gleich darauf zu einem Diskurs über die Fehlbarkeit des großen Dramatikers („Shakespeare ist nicht Gott“), die zerrissene Liebesgeschichte zwischen Hamlet und Ophelia, die Vorzüge der Schlegel-Übersetzung und die Gefahr, aus dem Stück eine One-Man-Show zu machen. Haußmann, das spürt man, ist noch immer ein Theater-Maniac. Auch wenn er in den vergangenen Jahren fast nur noch Filme gedreht hat. Von Bühnen-Comeback oder dergleichen mag er allerdings nichts hören: „Ich war nicht abstinent, ich kehre nicht zurück, ich mache einfach wieder Theater, weil es grad gut passt.“ Punkt.

Haußmann hat auch schon an der Volksbühne inszeniert. Frank Castorf war zu DDR-Zeiten einer der Förderer des jungen Wilden in der Parchimer Provinz. „Buh“ beginnt mit einer skurrilen Szene zwischen den beiden. Haußmann steht neben dem duschenden Castorf und fragt ihn, wie er das alles hinbekomme: die vielen Freundinnen, die vielen Kinder. „Weeste Leander, ick lass et einfach loofen“, gibt der zurück. Aber an die Volksbühne, glaubt Haußmann, passe er nicht. Woraus sich ein Gespräch über das Theater und seine Moden entwickelt, das in einer Tirade des Regisseurs gegen Kritiker und andere Ignoranten gipfelt: „Das Feuilleton muss sich damit abfinden, dass es von uns weder ernst noch wahrgenommen wird“, schnaubt er. Haußmann und die Presse, das ist eine lang gewachsene Hassliebe. Mit wenig Liebesanteil.

Trotzdem, es gibt auch die nachdenklichen, stillen Seiten am streitbaren Künstler. Man kann sie vor allem in „Buh“ entdecken. Nicht nur schildert er darin einen erschöpfungsbedingten Aufenthalt in einer Therapie-Einrichtung im schwierigen Lebensabschnitt zwischen 40 und 50 (der allerdings mit dem Befund „nicht therapierbar“ endet). Immer wieder geht es auch um die Reibungen mit seinem mittlerweile verstorbenen Vater, dem Schauspieler Ezard Haußmann. Das Buch enthält grundzärtliche Beschreibungen einer Freundschaft, die auch harte Arbeit war. Bloß ist der Sohn eben keiner, der sich in der Vergangenheit verliert. Er hat jetzt den „Hamlet“ fest vor Augen. „Das ist auch eine Befreiung“, sagt er, „das muss jetzt mal gemacht werden."

Premiere 23.11., 19.30 Uhr

Weitere Vorstellungen 24. und 26.11., jeweils 19 Uhr

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