Zeitung Heute : Leas Freundin

Januar 1945, die Deutschen fliehen aus Ostpreußen. Ilse Schmidt war eine von ihnen. Doch ihr Schicksal passt in keinen Film

Kerstin Decker

Das Geräusch zuschlagender Türen erträgt sie nicht. Ihr Leben ist voller solcher Türen. Und nun hat sich schon wieder eine vor ihr geschlossen.

Mehr als elf Millionen Menschen sahen in der vergangenen Woche „Die Flucht“, den erfolgreichsten ARD-Film der vergangenen zehn Jahre. Fast zwölf Millionen. So viele Menschen gingen damals, im Januar 1945, auf die größte Massenflucht der Geschichte. Ilse Schmidt, geboren 1928 in Königsberg, war eine von ihnen. Und jetzt konnte sie nicht einmal hinsehen. Mit dem, was sie erlebte, hatte dieser Film nichts zu tun.

Ilse Schmidt, geborene Paprotta, ist heute 78 Jahre alt. Jeder Zug ihres Gesichts ist Selbstbeherrschung, insofern ist sie Maria Furtwänglers Gräfin aus dem „Flucht“-Epos gar nicht unähnlich. Auch sie eine Dame. Ihre Berliner Wohnung, in der sie seit bald 50 Jahren lebt, wirkt wie eine Behauptung von Heimat. Schwere Möbel, Porzellanschwäne in Vitrinen, Bilder in großen Goldrahmen. Aber wer rahmt ein Leben? Gibt es überhaupt einen Rahmen für das, was sie erlebt hat?

Sie ist nicht als Dame zur Welt gekommen. Mit der ganzen ostpreußischen Gutsherrlichkeit hatte sie nichts zu tun. Ihre Geschichte ist eine aus den Städten. Eine von ganz unten.

„Ich wurde in einem Kloster geboren, in Königsberg“, sagt Ilse Schmidt. Sie spricht das Wort Mutter, als gäbe es kein traurigeres Wort auf Erden. Ihre Mutter, 15 Jahre alt, jüngstes Kind von 13 Geschwistern, geschwängert von einem Allensteiner Zahnarzt, hatte dort Zuflucht gefunden. Gleich nach der Geburt verließ die Fünfzehnjährige das Kloster und Königsberg, ihr Kind blieb da. Andere Kinder lernen „Mama“ und „Papa“ sagen, Ilse Paprotta lernte beten. Und das ausgerechnet in der Stadt, in der Immanuel Kant das moderne westliche Denken erfunden hatte. Denn das Licht der Vernunft kam aus Ostpreußen, es kam aus Königsberg. Kinder, fand Kant, sollten erst denken und dann beten lernen. Doch das Königsberger Klostermädchen Ilse verband beides sofort auf denkbar eigenwillig-unkantische Weise. Von Anfang an war ihr Beten auch ein Denken, und ihr Denken auch ein Beten. Ein Denkbeten also. Das ist es wohl heute noch. Wie versteht ein Kind, dass statt Mutter und Vater der liebe Gott direkt auf einen aufpasst? Schon bald würden – nach vielen hundert Jahren – die Ostpreußen ihre Heimat verlieren. Ilse Paprotta verlor sie bereits, als sie auf die Welt kam.

Als auch sie mit ihren Großeltern im eiskalten Januar 1945 mit den Flüchtlingstrecks über das gefrorene Frische Haff Richtung Danzig zog, war sie nicht viel älter als ihre Mutter bei ihrer Geburt. „Wir müssen das Schiff kriegen!“, war der Ruf, der alle vorwärtstrieb. Die letzte Möglichkeit, aus dem schon von der Roten Armee umschlossenen Ostpreußen zu entkommen. „Aber wir fuhren nicht in geschlossenen Planwagen wie im Film.“ Ilse Schmidt muss beinahe lachen. Über die eigene Ungeschütztheit? Über die Wohnzimmerhaftigkeit der Fernseh- Fuhrwerke? „Ich saß auf einem einfachen, klapprigen Leiterwagen.“ Ohne Dach. Da hat sie jedes der minus 20 Grad einzeln gespürt, bis ihr Großvater „Runter! Runter!“ brüllte. Das rechte Pferd war eingebrochen. Dabei war ihr Wagen nicht halb so schwer wie die meisten, sie besaßen ja nichts zum Mitnehmen. Und nun holte sich die Ostsee auch das Pferd. Aber nicht das macht den Unterschied zum Film. Auch nicht der Tieffliegerbeschuss überm Haff. Den kannte sie längst aus den ostpreußischen Städten. Manchmal erkannte sie die Gesichter der Schützen in den Flugzeugen, so tief flogen sie – während im Film das Land bis zum Abschied im Frieden zu liegen schien.

Der Hauptunterschied ist, dass dort, wo „Die Flucht“ endet – Schwenk vom Winter überm Frischen Haff hinüber in den bayerischen Frühling –, Ilse Paprottas Wettlauf ums Überleben erst anfing. Denn plötzlich kam ihnen eine Flüchtlingswelle entgegen. Das waren die, die es nicht mehr geschafft hatten. Die „Wilhelm Gustloff“, das Schiff, war weg. Die Welle von Menschen und Wagen schwemmte sie mit, wieder zurück. Zurück nach Allenstein, der Roten Armee entgegen. Als sie ankamen, waren die Russen noch nicht da. Ilse Paprottas Großmutter, 13 Kinder, Trägerin des Mutterverdienstkreuzes, packte Ilse einen Pappkarton: Du musst nach Heilsberg, Kind, fahr zu deiner Mutter! Ich bin zu alt, ich kann dich nicht beschützen.

Wovor man beschützt werden musste, wusste Ilse Paprotta. Im Spätherbst 1944 hatten sie eine Klassenfahrt nach Nemmersdorf gemacht. Im Oktober hatte die Rote Armee Nemmersdorf als einen der ersten deutschen Orte eingenommen – die Wehrmacht eroberte ihn noch einmal zurück. Und nun besichtigten ostpreußische Schulklassen den Ort des Massakers, dessen Namen und Schrecken längst ganz Deutschland kannte. Ilse hat sich vor allem die Menschen mit den abgeschnittenen Zungen und Genitalien gemerkt, abgesehen davon, dass sie noch nie im Leben solche Blutseen sah. Und nun sollte sie allein mit ihrem Pappkarton nach Heilsberg fahren? Das war nicht weit weg vom „Führerhauptquartier“, von Hitlers Wolfsschanze, aber der war dort längst nicht mehr. Gerade war das Fluchtverbot erneut verschärft worden. Warum galt das eigentlich nicht für den Führer?

Dass die junge Frau, zu der sie wollte, ihre Mutter war, wusste keiner. Denn sonst hätte deren Mann sie nicht geheiratet. Sonst hätte ihre Mutter auch die Kinder nicht bekommen, die sie nun „meine“ Kinder nannte. Zu Ilse hat sie nie „mein“ Kind gesagt. Nachdem Ilse schulpflichtig geworden war und deshalb das Kloster verlassen musste, hatte die Großmutter, die Mutterverdienstkreuzträgerin, Ilse als ihre eigene Tochter ausgegeben. Mag sein, dass die Nachbarn misstrauisch waren. Nach den 13 Kindern noch ein so spätes? Und so plötzlich und schon – so groß? Andererseits war das egal. Nicht fern von Heilsberg waren die russischen Panzer längst an den Schildern vorbeigefahren, die Politkommissare aufgestellt hatten: „Soldat! Du betrittst die Höhle der faschistischen Bestie.“ Aber der Zug nach Heilsberg fuhr noch wie er immer gefahren war. Ilse Paprottas Mutter öffnete, als stünde der Russe vor der Tür:

– Was willst du denn hier?

– Oma schickt mich. Ich soll bei dir bleiben.

– Unmöglich. Ich muss für meine drei Kinder sorgen.

Und schloss die Tür. Die zugeschlagene Tür steht noch jetzt, mehr als 60 Jahre später in Ilse Schmidts Augen. Das Mädchen wagte nicht, noch einmal zu klingeln und saß lange weinend im Hausflur. Als sie zurück an den Bahnhof kam, war es schon dunkel und der Bahnhof voller Menschen in panischer Angst. Sicher und stolz hatte sich Ilse Paprotta eigentlich nur gefühlt, wenn sie früher an der Hand ihrer beiden Onkel von der SS-Leibstandarte „Adolf Hitler“ durch Allenstein gegangen war. Sie reichte ihnen bis zum Stiefelschaft, aber wenn die aus Berlin zu Besuch waren, lachte keiner mehr über die Paprottas. Andererseits hatte sie auch zwei Onkel, die im KZ saßen. Die Paprottas waren nun einmal keine ganz ordentliche Familie. Dass der alte Paprotta soff und seine Frau, die Mutterkreuzträgerin, schlug, wusste die ganze Straße. Darum wurden sie gemieden. Darum hatte Ilse keine Spielgefährten.

Aber einmal hatte sie doch eine Freundin gehabt. Das war noch in Königsberg, bei den Nonnen. Sie traf das dunkle, schön angezogene Mädchen auf der Straße. Ilse ging an der Hand einer Nonne, das Mädchen mit ihrer Mutter, einer vornehmen Dame mit Hut. Die andere hieß Lea. Sie spielten zusammen und sahen sich immer wieder, obwohl sie gar nicht zueinander passten, denn Lea kam, das sah man sofort, aus einer reichen Familie. Seltsam, dass auch sie niemanden zum Spielen hatte. Doch dann war Lea plötzlich weg. „Ich muss über das Meer fahren und dort wohne ich dann“, hatte sie gesagt. Und: „Wir lernen beide schwimmen und besuchen uns.“

Als die Soldaten nach Allenstein kamen hatte die Großmutter gerade noch Zeit, Ilse in Großvaters Strohsack in der Küche zu verstecken. Ilse Schmidt nennt die Soldaten, die damals die Tür einschlugen, noch heute nur „Mongolen“. Es könnten Kirgisen oder Tadschiken gewesen sein. Sie suchten Alkohol, Essbares und Frauen. Sie fluchten und stachen überall mit ihren Bajonetten hinein, bis die Mutterkreuzträgerin plötzlich Halt! Halt! schrie. Ein unerwartetes Licht blendete das Mädchen. Es waren neun Mann. Ilse Paprotta kannte schon, was nun mit ihr geschah. Nur hatte es noch nie so weh getan. Sie kannte auch den Ort, Opas Strohsack. Wie oft hatte sie hier gelegen, seit sie acht Jahre alt war. Nur dass die Großmutter sonst nicht wie jetzt dabeistand – mit zwei Bajonetten an den Schläfen. Ilse Schmidt, die einmal Ilse Paprotta war, berichtet mit starker lauter Stimme, die plötzlich einbrechen kann, so wie ihr Panje-Wagen bei dem Zug über das Frische Haff.

Dass eine kleine Körperöffnung so viel Leid über ein Kind bringen kann, das vermag ihr keiner zu erklären. Kein Philosoph, Kant schon gar nicht. Gott? Vielleicht. Aber dort auf dem Stroh hat sie nicht mal mehr an den geglaubt, nur ihrer Großmutter ganz fest in die Augen gesehen. Du sollst einen anderen Menschen nie nur als Mittel, immer auch als Zweck gebrauchen, hatte der größte aller Ostpreußen gesagt. Sie war immer nur als Mittel gebraucht worden. Genau wie ihre Mutter von dem Zahnarzt. Genau wie die „Mongolen“, die in der Roten Armee auch Kanonenfutter hießen, weil sie vorgeschickt wurden auf den heiklen Missionen. Und Großvater? Verschüttet bei Verdun, hatte er sich und seine Schmerzen mit Alkohol und der Enkelin betäubt.

Nachdem die Soldaten weg waren, hatte die Großmutter ihrer Enkelin lange den Unterleib gewaschen, das viele Blut weggewischt und alles mit Kölnisch-Wasser betupft. Aus dem Volksempfänger schnarrte Goebbels: „Ostpreußische Frauen, verteidigt euch!“ Ein „menschliches Bollwerk“ sollten sie bilden! Die Vergewaltiger kamen zurück, aber jetzt nahmen sie das Mädchen gleich mit. Die Großmutter drückte ihrer Enkelin noch schnell einen Topf, einen Löffel und ihr Kommunionskreuzchen in die Hand.

In Viehwaggons ging es nach Sibirien. Im Februar. Sie war die Jüngste und saß neben einer Russin, einer Zwangsarbeiterin, Ludmilla. Allen Schmuck, Uhren und Zahnprothesen hatten sie noch in Insterburg abgeben müssen. Doch Ilse hat ihr Kommunionskreuzchen behalten. Sie versteckte es im Mund oder dort, wo man ihr so wehgetan hatte. Die Frauen zählten die Schrauben im Waggon ab. Jede bekam eine Anzahl, von der sie den Reif abkratzen durfte. Wasser! Sonst gab es nichts zu trinken. Ilse Schmidt weiß, dass, was sie erlebte, in keinen Film passt. Auch nicht der sibirische Steinbruch, in dem sie arbeitete, und nicht das Bergwerk, wo es nicht leichter, aber wärmer war. Sie erlebte die Explosion des sibirischen Frühlings, der gleich ein Sommer wurde. Und sie sieht heute noch die Russen, die eines Tages Freudensalven aus ihren Maschinengewehren schossen und stockbetrunken brüllten: Gitler kaputt! Von Ludmilla war sie getrennt worden. Als sie mit Ruhr, Typhus und Krätze im Lazarett lag, wusste sie, dass es ohnehin vorbei war. Die russischen Ärzte kniffen in die Arme und Oberschenkel. Ging die Haut zurück, galt man als gesund und musste wieder arbeiten. Ihre Haut blieb tief eingedrückt. Doch in der Gruppe der russischen Ärzte erkannte sie Ludmilla. Die kam nach der Visite noch einmal zu ihr: „Du kannst bald nach Hause. Das verspreche ich dir.“

Wenige Tage später, am 13. August 1945, wurde Ilse Paprotta aus dem sibirischen Gulag-Lager entlassen. Sie war eine der Ersten. Ihr Entlassungsschein trägt die Nummer 138. Er ist heute in der Gedenkstätte Hohenschönhausen, solche Dokumente sind selten.

Am Bahnhof Frankfurt/Oder mussten alle Rückkehrer zwei Wochen in Quarantäne bleiben, Männer und Frauen. Ein paar Landser und sie beschlossen, nach Berlin zu laufen, weil die Russen manchmal die Entlassungsscheine wegnahmen und deren Besitzer zurück nach Sibirien schickten. Sie gingen die Autobahn entlang, übernachteten in Wachhäuschen. Ilse Paprottas Flucht endete im September 1945 in Berlin. Sie wurde Trümmerfrau und später Schuhverkäuferin bei „Bally’s“ am Kurfürstendamm.

Die Freundin aus Königsberg hat sie wiedergesehen. Lea suchte nach Ilse, wie sie es versprochen hatte. Es war Lea Rabin.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!