Zeitung Heute : Leben hinter Glas

Man wäscht die Haut, aber man spürt sie nicht mehr. Man sieht die Menschen, aber man gehört nicht mehr dazu. Etwas Schreckliches ist passiert. Beatrix Gerstberger wollte nicht weglaufen. Darum schrieb sie ein Buch über den Mord an ihrem Freund, dem Kriegsreporter Gabriel Grüner.

Stephan Lebert

Alexander T. heißt er. Beatrix Gerstberger trinkt irgendwo in Hamburg einen Schluck ihres Milchkaffees und macht den Eindruck, als sei ihr nichts ferner als dieser Name. Nein, sagt sie, „dieser Mann interessiert mich nicht“.

Er ist sein mutmaßlicher Mörder. Schon seit längerem wird er per internationalem Haftbefehl gesucht. Er ist ein Russe und nach allem, was man weiß, einer dieser Wahnsinnigen, die sich durch die Welt von Höllenort zu Höllenort treiben lassen. Alexander T. ist ein so genannter Freischärler, im ehemaligen Jugoslawien war er auf der Seite der Serben, heute kämpft und mordet er angeblich in Tschetschenien. Damals, an diesem heißen Junitag im Jahr 1999, befand er sich im Kosovo, man muss wohl sagen zufällig auf dem Sattel des Dulje-Passes, zwischen Prizren und Skopje. Als der Reporter Gabriel Grüner zusammen mit einem Fotografen und einem Dolmetscher im Wagen um die Ecke fuhr.

Freunde und Kollegen fahndeten wochenlang nach seinem Mörder. „Ihnen war und ist es ganz wichtig, was mit diesem Mann geschieht“, sagt Frau Gerstberger. Es sei überhaupt bemerkenswert, wie unterschiedlich Frauen und Männer mit dem Thema Trauer umgehen, wie sie versuchen das zu bewältigen. „Ich habe kein Rachegefühl. Was soll das? Dieser Mensch hat mein Leben zerstört. Was habe ich davon, wenn ich ihn auf irgendeiner Anklagebank vor Gericht sehe?“

Schrecklicher Sommertag

Der hat mein Leben zerstört. Beatrix Gerstberger sagt diesen Satz einfach so, fast beiläufig. Sie hat einen kleinen Jungen, Jakob, drei Jahre alt. Als ihr Lebensgefährte Gabriel Grüner erschossen wurde, war sie mit ihm im sechsten Monat schwanger. Sie ist 38 Jahre alt, eine hübsche, junge Frau, sie arbeitet als Redakteurin bei der Frauenzeitschrift „Brigitte“. Man denkt: Darf man einen solch harten Satz aussprechen, gibt es nicht auch so etwas wie eine Pflicht, über noch so schlimme Schicksalsschläge hinwegzukommen? Und man wundert sich über seinen eigenen Gedanken. Woher kommt das eigentlich, dass man es nur schwer ertragen kann, wenn die Krisen anderer nicht möglichst bald wieder vorbeigehen, warum will man immer so rasch wieder zum anstrengungslosen Gleichschritt zurückkehren?

Beatrix Gerstberger hat ein Buch geschrieben, über dieses Überleben danach. Es beginnt mit folgenden Sätzen: „Als auf ihn geschossen wurde, saß ich mit einer Freundin in einem Café an der Alster, deckte die Augen mit beiden Händen gegen die Sonne ab, dahintreibend, von Zukunft sprechend. Als er im heißen Staub der Straße lag, innerlich blutend, von fremden Soldaten umgeben, deren Sprache er nicht verstand, fuhr ich mit meinem Fahrrad über eine Brücke und dachte an ihn, seine Briefe, an sein Herz, von dem er schrieb: ,Es bockt und will zu dir.’ Ein Wagen mit Mitarbeitern von ,Ärzte ohne Grenzen’ kam vorbei, hob ihn auf die Ladefläche und fuhr fast 90 Minuten mit ihm zu einem kanadischen Stützpunkt. Ich saß auf meinem Balkon und lernte für die Segelprüfung. Es war ein schöner Sommerabend im Juni 1999.“

Es gibt ein paar Gründe, sagt sie, dass dieses Buch „Keine Zeit zum Abschiednehmen“entstanden ist. Da ist einmal ihre Suche in den Buchhandlungen gewesen, „ich wollte Geschichten finden von Frauen, die auch so etwas Ähnliches erlebt hatten. Ich wollte wissen, ob man so etwas aushalten kann, ob andere irgendwann wieder angefangen haben zu leben.“ Doch sie fand nichts, und irgendwann stand sie an der Kasse, zum einen mit ein paar allgemeinen Trauer-Ratgebern, zum anderen mit Büchern zur bevorstehenden Geburt. Wie atme ich richtig? Die ersten Tage meines Kindes und so weiter. „Ich erinnere mich gut, wie ich da manchmal stand. Da das Leben, da der Tod. Und ich mitten in dieser schizophrenen Situation. Ein bisschen weiß man ja was über Psychologie: Ich hatte Angst, ob ich irgendwas ganz falsch mache, was sich später womöglich schrecklich bitter rächen wird.“

Sie versuchte es mit einer Therapie. Die Psychologin erklärte ihr, sie müsse begreifen, dass sie mehr ist als nur die Witwe des Verstorbenen, dass sie sich auch abkoppeln muss von diesem Teil ihrer Vergangenheit. Hört sich vernünftig an und rational. Und auch ein bisschen nach Weglaufen. Doch das wollte Beatrix Gerstberger nicht, „das war nicht mein Weg“. Sie wollte die Situation annehmen, die sicher die Gefahr birgt, nur noch Erinnerung zu sein und nicht mehr Realität. Aber eben auch das Gegenteil, „ich hatte die Furcht, meine Erinnerung an ihn zu verlieren, dass diese Bilder immer mehr verschwinden“.

Sie versuchte es mit dem Recherchieren und dem Schreiben. Sie suchte Frauen mit einem ähnlichem Schicksal auf. Zum Beispiel die Frau des Schriftstellers Michael Holzach, der in den 70er Jahren mit seiner monatelangen Wanderung durch Deutschland, ohne jedes Geld, bekannt geworden war. Das Buch hieß „Deutschland umsonst“. Eines Tages ertrank Holzach in einem Fluss, aus dem er seinen Hund retten wollte. Gerstberger traf zwei New Yorker Frauen, die am 11.September 2001 zu Witwen wurden. Und sie sprach mit der Frau eines Kriegsfotografen, der die Bilder des Krieges auch in Friedenstagen nicht mehr aus dem Kopf brachte und 1993 bei einem Einsatz in Mogadischu vom aufgebrachten Mob auf der Straße getötet wurde. Diese und andere Gespräche stehen in dem Buch, das eindringlichste Kapitel ist ihre eigene Geschichte. Sie sagt, das Schreiben rund drei Jahre später sei hart und grausam und wichtig gewesen, „ich habe alles nochmal durchlebt“. Als sie etwa schrieb: „Ich habe nicht geschrien, bin nicht in Ohnmacht gefallen. Ich habe morgens um drei Uhr seinen Chefredakteur, einen Kollegen und einen Arzt empfangen, habe davor ganz unsinnig aufgeräumt, habe nur diesen einen Satz gesagt: ,Ich will nicht, dass ihr ein Bild von ihm druckt, das ihn sterbend zeigt’, habe mich ins Bett gelegt, mir eine Beruhigungsspritze geben lassen und nicht verstanden, was passiert war. Unser Kind in meinem Bauch trat den Rest der Nacht wild um sich, um dann eine Woche lang in Bewegungslosigkeit zu verfallen. Mein Arzt versicherte mir am nächsten Tag, dass es lebt, schwieg dann und umarmte mich.“

All diese Frauen haben die Erfahrung gemacht, dass das Leben nach dem Tod des Partners erst einmal wie hinter einer Glasscheibe weitergeht. Als wären sie an einem Zwischenort. Man wäscht die Haut, aber man spürt sie nicht mehr. Man sieht durch das Glas die anderen Menschen in ihrem Alltag und fürchtet, da nie mehr dazuzugehören. Beatrix Gerstberger sagt, sie habe ein paar Monate nach seinem Tod ein altes Foto von ihnen beiden gesehen, Gabriel sah aus wie immer, „aber ich war jemand anderes. Ich sah mich im Spiegel an und sah jemand anderen.“

Ausnahme Grönemeyer

Sie hat mit keinen Männern gesprochen, die ihre Frau verloren haben. Nein, sagt sie, das wollte sie nicht, „weil Männer nach meiner Erfahrung anders trauern“. Statistiken belegen, Männer suchen und finden danach viel schneller wieder einen neuen Partner. Viele Männer fliehen aus der Situation, stellen sich nicht, sagt sie. Herbert Grönemeyer scheint ihr eine Ausnahme zu sein. Seine Lieder, die Texte: Mit dem würde sie sich gerne mal über dieses Thema unterhalten.

Unser Interview in Hamburg. Man fragt, wie sie aus ihrer heutigen Sicht auf ihr früheres Leben blicke, vor dem Todesfall. Zum Beispiel in Sachen Emanzipation: Merkt man, wenn man solch einen Verlust erlebt, dass möglicherweise der Kampf um die eigene Unabhängigkeit an den seelischen, emotionalen Realitäten des Lebens vorbeigeht? Sie verstehe die Frage nicht, antwortet sie. Emanzipation sei natürlich etwas Wichtiges, „aber was hat das mit meiner Geschichte zu tun?“. Na ja, die Frage ziele dahin, ob man im Angesicht des Todes die wirklichen Prioritäten erkennt. Ja, sagt sie, sie sei schon ziemlich unduldsam geworden, angesichts der alltäglichen Probleme von Freunden, „oder was sie für Probleme halten“. Das hätten ihr auch die anderen Frauen in diesem Buch bestätigt: Man werde ärgerlich, wie viele Menschen an ihrem Leben vorbeileben, was sie oft für Scheinveranstaltungen inszenieren, „anstatt einfach nur möglichst intensiv zu leben“.

Als Beatrix Gerstberger das erste gedruckte Exemplar ihres Buches in der Hand hielt, begann der Irak-Krieg. Von da an lief auch bei ihr täglich der Fernseher mit den vielen nichts sagenden und manchen schrecklichen Bildern, die einen so hilflos zurücklassen. Kollegen und Freunde von Gabriel und ihr sind wieder für den „Stern“ im Einsatz, an den Kriegsorten – und ihre Partner warten auf sie zu Hause. Als sie ihren ersten Fernsehauftritt mit ihrem Buch in der Kerner-Show hatte, war kurz zuvor der „Focus“-Journalist im Irak ums Leben gekommen. „Irgendwie ist es auch zynisch, dass mein Buch gerade in diesen Tagen erscheint“, sagt sie. Zynisch? Man kann es vielleicht auch so sagen: Die Leidensgeschichte der Beatrix Gerstberger ist eine von diesen Geschichten, die derzeit grauenhafterweise im Irak tausendfach aufs Neue produziert werden.

Gabriel Grüner war viele Jahre Kriegsreporter, im ehemaligen Jugoslawien, in Afghanistan, Algerien, in Somalia. Er dokumentierte das Kriegstagebuch der 13-jährigen Zlata Filipovici, das Buch „Ich bin ein Mädchen aus Sarajewo“ wurde ein Bestseller. Grüner hatte angekündigt, dass die Reise in den Kosovo im Juni 1999 seine letzte Krisenreportage werden sollte, auch wegen der bevorstehenden Geburt seines Sohnes, aber auch, wie Beatrix Gerstberger sagt, „weil er genug von dem Wahnsinn hatte“. Ob er allerdings wirklich nicht mehr losgezogen wäre, beim nächsten Krieg, das weiß sie nicht. „Ich hätte ihn auch nie davon abgehalten, das kann man nicht. Ich halte diese Arbeit, das Berichten direkt an den Schauplätzen ja auch für wichtig, nach wie vor.“ Sie selbst war auch mal unterwegs in einem ganz besonders gefährlichen Kriegsgebiet, in Sierra Leone in Afrika. Ihre „Brigitte“-Reportage hat eine große Spendenwelle ausgelöst. Ob sie so etwas nochmal machen würde? Ja, sagt sie, „aber nicht jetzt, wegen Jakob. Ich habe ein Kind.“

Jakob, drei Jahre ist er alt. Er hat jetzt schon gefragt, wo eigentlich sein Vater ist, wer der Mann auf den Fotos ist, die in ihrer Wohnung hängen. „Ich habe geantwortet, er ist im Himmel. Was anderes ist mir nicht eingefallen.“ Sie sagt, sicher mache sie sich manchmal Sorgen, „besonders, wenn man mal wieder einen Artikel in ,Psychologie Heute’ liest“, ob sich das, was geschehen ist, irgendwie auf sein Gemüt auswirke. „Bislang kann ich nur sagen: Es ist ein ausgesprochen fröhlicher Junge. Ich bin gespannt, was er später über seinen Vater wissen will.“

Die schlimmsten Sätze

Sie erzählt, viele der Frauen aus dem Buch haben ihr nach den Interviews gesagt, es sei das erste Mal gewesen, dass sie richtig über den Tod des Mannes gesprochen hätten. Dieses Schweigen sei ganz schrecklich, „wenn ich eine Botschaft habe, dann ist es diese: Redet mit den Menschen, denen so etwas passiert. Fragt sie, wie es ihnen geht und hört ihnen zu.“ Eine der Witwen des 11.September hat überlegt, ein T-Shirt zu drucken, mit den schlimmsten und häufigsten Sätzen, die man einer Zurückgebliebenen sagen kann. So was wie: Die Zeit heilt alle Wunden. Und: Du findest schon wieder einen.

Wie es ihr geht? Die schlimmen Nächte werden weniger, sagt sie, die besseren Tage mehr. Was ihr gut getan hat? Die vielen, vielen Gespräche mit Freunden („mit denen habe ich großes Glück gehabt“), bestimmte Rituale, zum Beispiel, dass sie Gabriels Geburtstag immer an seinem Grab in seinem Südtiroler Heimatort feiern. Wichtig sei auch gewesen, dass sie seine Leiche in der Gerichtsmedizin gesehen habe, „da habe ich gewusst, dass er weg ist, das war nicht mehr er“.

Es ist eine Liebesgeschichte. Zwei Journalisten lernen sich kennen. Sie waren erst 18 Monate ein Paar. Sie machten einen stürmischen Weihnachtsurlaub in Irland, einen sonnigen in Thailand. Er nannte sie Hase. „Wir hatten noch keine größere Krise hinter uns“, sagt sie, „wir waren noch in der Phase der ersten großen Euphorie.“

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