Zeitung Heute : Leben im Inferno

Gewalt, Rache, neue Gewalt – nirgendwo ist ein Ausweg in Sicht: Was Iraker über den täglichen Horror in Bagdad erzählen

Ruth Ciesinger Jens Mühling

Gestern am Telefon ist es wieder passiert. Mutter erzählte gerade, wie es Vater geht (schlecht), als Abbas plötzlich kein Wort mehr verstand, weil ein wütendes Fauchen Mutters Stimme übertönte. „Was war das, Mama?“, fragte Abbas. „Nichts, gar nichts“, antwortete sie. „Eine Bombe, eine Rakete. Was weiß ich.“

Seit drei Jahren geht das jetzt so. Seit drei Jahren sitzt Abbas Khider Abend für Abend in seiner Münchner Wohnung und tippt endlose Zahlenketten ins Telefon, manchmal will der Apparat die Nummer zehn oder zwölf Mal wissen, bis er endlich die Stimme der Mutter ausspuckt oder die von Abbas’ Vater oder die seiner Schwestern und Brüder, die alle noch in Bagdad leben. Und immer, wenn es dann plötzlich faucht in der Leitung, betet Abbas, dass das jetzt nicht das Ende war.

Drei Jahre ist es her, dass Abbas zum zweiten Mal aus Bagdad geflohen ist. Seitdem lebt er in München, ein großer, schmaler Mann Anfang 30. Abbas ist Schriftsteller und holt gerade das Literaturstudium nach, das ihm im Irak unter Saddam Hussein verweigert wurde. Als regierungskritischer Schiite saß er damals im Gefängnis, bevor er Ende der 90er Jahre zum ersten Mal nach Deutschland floh. Kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner ging er zurück, wie viele geflohene Intellektuelle, denen Bagdad nach dem Sturz Saddams plötzlich wieder Hoffnung zu bieten schien.

An jenem Tag vor drei Jahren, als Abbas zum zweiten Mal die Hoffnung verlor, saß er gerade in einem Bus, der sich durchs Stadtzentrum schlängelte. In der Ferne hörte er gedämpfte Explosionen, in der Nähe laute Musik, der Fahrer hatte das Radio aufgedreht und sang aus voller Kehle mit. „Diese Iraker“, dachte Abbas. „Inmitten all dieser Zerstörung können sie noch singen.“ Plötzlich riss ein scharfer Ruck seinen Körper nach vorne, ein Taxi war dem Bus in die Quere gekommen, krachend traf Metall auf Metall. Ein unbedeutender Auffahrunfall eigentlich, aber von einer Sekunde auf die andere verwandelte sich der singende Busfahrer in einen fluchenden Berserker. Er zog eine Pistole unter dem Fahrersitz hervor und feuerte zweimal blind in die verkeilten Blechmassen unter der Frontscheibe. Dann stieg er aus, riss die Tür des zerbeulten Taxis auf und prügelte gnadenlos auf den Fahrer ein. Als der Mann blutüberströmt am Boden liegen blieb, kletterte der Busfahrer seelenruhig zurück hinters Lenkrad, schaltete das Radio wieder ein, manövrierte den Bus zurück auf die Fahrbahn und fuhr weiter. Singend.

Am selben Tag verabschiedete sich Abbas von seiner Familie und verließ das Land.

Es sei kein Ausweg zu erkennen aus dem Sog der Gewalt, sagt Abbas heute. Weil 35 Jahre Diktatur die irakische Seele vergewaltigt hätten. Weil der Irak umzingelt sei von anderen diktatorischen Regimen, die kein Interesse an einer Stabilisierung haben. Und weil inzwischen jede Familie Opfer zu beklagen habe, Opfer der Bombenanschläge, mit denen Schiiten und Sunniten sich gegenseitig vernichten. „Selbst gebildeten Menschen fällt es schwer, mit solchen Verlusten umzugehen“, sagt Abbas. „Für die einfachen Menschen ist es unmöglich. Die wollen einfach nur Rache nehmen. Es gibt zu viele Opfer im Irak, und alle wollen Rache.“

Es sind nicht die Opferzahlen, die Riverbend so wütend machen. Es sind die Kontraste.

Wie neulich, als sie in ihrer Wohnung in Bagdad vor dem Fernseher saß und von einem Sender zum anderen zappte. Auf einem US-Kanal erklärte die Moderatorin Oprah Winfrey einem Studio voller übergewichtiger Amerikanerinnen, wie man es vermeidet, beim Einkaufen die Kreditkarte zu überziehen. Als Riverbend genervt den Sender wechselte, sah sie auf Al-Dschasira einem irakischen Mädchen in die Augen. Es trug einen Gesichtsschleier, und die Kamera konzentrierte sich auf den schmalen Schlitz, hinter dem die Augen des Mädchens sich immer deutlicher mit Tränen füllten, während es stockend von seiner Vergewaltigung durch irakische Sicherheitskräfte erzählte. Als das Mädchen schließlich weinend zusammenbrach, hielt auch Riverbend es nicht mehr aus. Sie schaltete den Fernseher ab und den Computer ein. Und wie immer in solchen Momenten hinterließ sie eine zornige Botschaft im Internet.

„Während die Situation immer mehr eskaliert, sowohl für die Iraker im Irak als auch für die Amerikaner im Irak“, schreibt Riverbend, „debattieren die Amerikaner in Amerika immer noch über den Stand des Krieges und der Besatzung. Gewinnen wir oder verlieren wir? Ist es jetzt besser oder schlechter? Lasst es mich für jeden, der noch Zweifel hat, klarstellen: Es ist schlechter. Es ist vorbei. Ihr habt verloren. Ihr habt verloren, weil ihr Mörder, Plünderer, Gangster und Waffennarren an die Macht gebracht und sie als Iraks erste demokratische Regierung verkauft habt. Ihr habt den Respekt und den Ruf verloren, den ihr einmal hattet. Ihr habt mehr als 3000 Soldaten verloren. Amerika, all das hast du verloren. Ich hoffe, das Öl war es wert.“

Man weiß nicht viel über dieses Mädchen, das sich im Internet den Namen Riverbend gibt. Letztlich weiß man nur, was sie auf ihrer Webseite riverbendblog.blogspot.com über sich selbst verrät: dass sie 27 ist und Irakerin, und dass sie in Bagdad lebt. Man weiß, dass sie sehr gut Englisch spricht und ein Talent dafür hat, ihren Lesern Bilder des Krieges zu vermitteln, die länger haften bleiben als die Meldungen der Nachrichtensprecher. Wie jenes, das Riverbend an einer Straßenecke im Stadtzentrum beobachtete, wo eine Gruppe von Männern reglos zusammenstand: „Auf ihren Gesichtern lag ein ganz bestimmter Ausdruck, ein Gemisch aus Verzweiflung und Hoffnung. Es ist ein sehr spezifischer Blick, den man in Bagdad nur in der Nähe der Leichenhallen findet. Die Augen sind groß und rot geädert, als ob sie nach etwas suchen. Die Brauen sind zusammengekniffen, die Kiefer angespannt, der Mund ein dünner Strich. Es ist ein Gesichtsausdruck, der dem Beobachter verrät, dass die Männer auf dem Weg in die Leichenhalle sind, wo die Toten in Reihen liegen, und dass sie innerlich darum beten, nicht finden zu müssen, wonach sie suchen.“

Man weiß über Riverbend, dass sie ihre erste Botschaft kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner vor vier Jahren ins Netz gestellt hat. Und dass die Nachricht über das vergewaltigte Mädchen bislang die letzte war. Zwei Monate ist das jetzt her, so lange hat Riverbend noch nie geschwiegen. Auch auf E-Mails antwortet sie in letzter Zeit nicht.

Letztlich weiß man nicht einmal, ob es sie noch gibt.

Der Mann am anderen Ende der knackenden Leitung ist Professor. Der Schiit unterrichtet an der Technischen Universität von Bagdad Ingenieurswissenschaften, und weil niemand weiß, was dort von einem Tag auf den anderen zur tödlichen Gefahr werden kann, soll sein richtiger Name nicht in der Zeitung stehen. Aber Ali N. will unbedingt erzählen, wie es so ist an einem Tag, der in der Hauptstadt des Irak als ganz normal gilt.

Ganz oft bedeutet so ein normaler Tag, dass er es gar nicht bis zur Universität schafft. Nicht, weil wieder eine Explosion einen riesigen Krater in die Straße gerissen hat. Oder weil die schiitischen Milizen so viele Straßensperren errichtet haben, dass an ein Durchkommen nicht zu denken ist. Sondern weil er kein Geld für Benzin hat, um zur Uni zu fahren. In einem der ölreichsten Länder überhaupt ist der Benzinpreis in den vergangenen Jahren von 50 Dinar auf 450 Dinar gestiegen. „Ich kann es mir nicht leisten zu unterrichten, das ist absurd“, sagt der Professor. Das Leben ist teuer geworden, die Lebensqualität dafür umso schlechter. Der Strom fällt dauernd aus, erzählt er, und die Kanalisation läuft über. Auf der Straße waten die Menschen gerade durch knöchelhohen stinkenden Schlamm. Viel funktioniert nicht, nur die Kriminellen sind bestens organisiert. Ali N. will von einer Massenentführung erzählen, es geht um ein Lokal und viele wohlhabende Gäste, da bricht das Gespräch ab. Ein neuer Versuch, ein nächster, und wieder einer. Die Leitung bleibt tot.

Der Fernseher bringt die Toten direkt nach Hoyerswerda. Die Moderatorin von Al Arabiya fasst die vergangenen 24 Stunden im Irak zusammen, Bomben sind explodiert, Menschen gestorben. Aber die Nachricht des Tages ist die Mauer, die die Amerikaner um das Viertel Asamija herum hochziehen. Weil hier viele Sunniten leben und drumherum noch viel mehr Schiiten. Meterhoher Beton soll die Menschen in Asamija jetzt schützen vor Anschlägen. Das ist der Plan. Die Menschen selbst wären lieber vorher gefragt worden. „Niemand kann sich in Bagdad mehr bewegen“, sagt Saad Latif Abdul Sattar. Es ist seine Heimatstadt, dort hat er gelebt, studiert, gearbeitet, bis vor fünf Jahren. Aber dorthin, wo Gewalt und Elend herrschen, wo er für seine Kinder keine Zukunft sieht, nein, dorthin will, dorthin kann er nicht mehr zurück.

Es klingt wie ein böser Witz. Saddam Hussein hatte nicht mehr lange zu regieren, als Familie Sattar 2002 geflohen ist. Kurz bevor die Amerikaner im März 2003 in den Irak einmarschierten, kamen Vater, Mutter und die drei Kinder dann nach Hoyerswerda. Leben seitdem in zwei Zimmern in einem Wohnheim.

Die 14-jährige Tochter war am Gymnasium schon vor zwei Jahren die Zweitbeste der Klasse, das hat die Lehrerin ihr schriftlich gegeben. Wenn Suzan spricht, die sich jetzt neben den Vater auf das abgewetzte Sofa gesetzt hat, legt sich ein Hauch von Sächsisch über jeden Satz. Sie hat Angst, wenn sie die Horrorbilder aus dem Irak sieht oder wenn sie die Telefonate des Vaters mit einem seiner besten Freunde in Bagdad hört. Wenn der von Entführung, Mord und Raub erzählt. „Es kann doch jeder sehen, was da passiert“, sagt Suzan. Und versteht nicht, wie jemand auf die Idee kommen kann, ihre Familie zurückzuschicken.

Denn die Sattars sind nur geduldet. Weil die Bedrohung durch Saddam Husein nicht mehr da ist und es deshalb keinen Grund für Asyl gibt – finden die Innenminister. Die Familie könnte jederzeit abgeschoben werden. Die Sattars hoffen jetzt, wegen der „allgemeinen schlechten Sicherheitslage“ im Irak, so heißt das auf Juristendeutsch, einen Aufenthaltsstatus zu bekommen. Am Donnerstag wird das Verwaltungsgericht Dresden über die Klage verhandeln.

Es ist still geworden im Raum, nur das Klicken der Gebetsketten ist jetzt noch zu hören, fast jeder hier lässt sich geistesabwesend Glasperlen durch die Finger gleiten. Ali Gowdet, der Vorsitzende des irakischen Kulturvereins in Berlin, hat seine Trauerrede beendet. Ein alter Weggefährte ist gestorben, die Freunde sind zum Abschiednehmen in das kleine Vereinslokal in der Neuköllner Sanderstraße gekommen, knapp 40 Iraker, die meisten um die 50. Still sitzen sie jetzt unter den gerahmten Fotos, die einer von ihnen bei seiner letzten Reise in den Irak aufgenommen hat, ein paar Monate ist das her.

Leider hat er Bilder mitgebracht, die vielen hier wehtun. Auf einigen der Fotos sind marschierende Anhänger des Schiitenführers Muqtada al-Sadr zu sehen, den in Neukölln alle so hassen. Nicht, weil er Schiite ist – Religionszugehörigkeit ist den Leuten hier egal, die meisten sind ehemalige KP-Mitglieder, die schon in den 80er Jahren geflohen sind. Nein, sie hassen al-Sadr, weil sie Predigern wie ihm die Schuld für den eskalierenden Hass zwischen den religiösen Gruppen geben.

Hazim Koeiy, ein kleiner Mann mit grau melierten Schläfen und Brille, lebt seit 21 Jahren in Berlin. Wie fast alle hier hat der 54-Jährige Verwandte im Irak, seine Geschwister leben in Bagdad. Vor kurzem hat er sich mit ihnen im kurdischen Norden des Landes getroffen, wo die Lage bislang noch einigermaßen sicher ist. Trotzdem, erzählt Koeiy, sei den Gesichtern seiner Brüder immer ein Rest von Panik anzusehen gewesen, auch seine Nichte und ihr Bruder, beide Teenager, wirkten völlig verängstigt. „Sie sprechen kaum, sie vertrauen sich niemandem an. Sie leben in ständiger Angst, wie alle in Bagdad.“ Die Deutschen, sagt Koeiy, seien entsetzt, weil im Fernsehen jeden Tag über Anschläge berichtet wird. „Dabei ist das, was dort gezeigt wird, nur die Spitze des Eisbergs. Sie denken, das ist viel Gewalt? Es ist noch viel mehr.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar