Zeitung Heute : Leben im Land des Lächelns

Von Martin Kilian

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Eigentlich wollte ich mich heute mit dem Asteroidengürtel befassen. Nun wird es doch eher eine Beschäftigung mit minderen Phänomenen, nämlich der Frage, ob Amerika besser ohne oder mit aufgesetztem Kopfhörer zu begegnen sei. Der Unterschied ist frappierend, trennt er doch das Freundliche vom Wüsten und somit den Alltag von der Politik.

Neulich im Supermarkt spazierte ich durch die Regale und gab mich unterm MP3-Kopfhörer den „Dandy Warhols“ hin, wobei mir zugleich Allen Ginsbergs wunderbares Gedicht über seine Vision Walt Whitmans in der Gemüseabteilung eines kalifornischen Supermarkts in den Sinn kam. An der Kasse nahm ich den Kopfhörer ab, da es ungehörig wäre, amerikanischer Freundlichkeit mit künstlich induzierter Taubheit zu begegnen. Wie es mir heute gehe, wollte die Frau an der Kasse wissen. Furchtbar, sagte ich. Das sei ja prima, kam prompt die Antwort. Ob ich auch alles gefunden hätte, fragte die Kassiererin weiter. Als ich sagte, manches bleibe beim besten Willen unauffindbar, erwiderte sie: „Das freut mich aber.“

Zwischenzeitlich packte ein Helfer das Eingekaufte in eine Tüte und erbot sich, diese bis ans Auto zu tragen – Service, von dem die Europäer nur träumen können, Alltag indes im Land des Lächelns. Derartige Versprühung von Zuneigung kontrastiert freilich aufs unangenehmste mit dem Vernichtungswillen amerikanischer Politicos. In keinem westlichen Land wird vergleichbar mit der Handkante gearbeitet, wenn es um Macht und Mandate geht. Da Wahlen anstehen, ist der Ton besonders schrill geworden, ja bei den rechten Radiotalkern wird händeringend der Untergang des Abendlandes beschworen, falls die Demokraten im November den Sieg davontrügen.

Ob ich wisse, dass meine Steuern in diesem Fall um 200 Prozent anstiegen? Dass Schwule Legionen amerikanischer Kinder dann ins Verderben rissen? Dass ein demokratischer Sieg unweigerlich ein Verbot von großkalibrigen Schusswaffen und Hetero-Ehen bedeute? Und so weiter.

Erschrocken setzte ich den Kopfhörer auf, drückte die Spieltaste meines persönlichen Digitalorchesters und schlenderte zum Weißen Haus. Der arme Präsident! Geht es nach seinen schlimmsten Feinden, soll G. W. Bush im Fall einer demokratischen Machtübernahme im Kongress angeklagt werden. Sie behaupten, man könne nicht den einen Präsidenten wegen einer sexuellen Bagatelle belangen und den anderen laufen lassen, obschon er einfach so einen Krieg angezettelt habe. Solch loses Gerede aber ist eine bodenlose Unverschämtheit, da es glatt unterschlägt, dass jeder Präsident Anspruch auf mindestens einen fundamentalen Irrtum hat.

Mürbe vom ekligen Gedröhn der durchgeknallten Bush-Hasser suchte ich „Ragazzi’s“ auf, ein italienisches Restaurant, um dortselbst und ohne Kopfhörer in amerikanischer Liebenswürdigkeit zu baden und umsonst zu speisen. Jawohl, umsonst! Denn kaum waren die Rigatoni auf dem Tisch, kam der Ober vorbei und fragte, im Gesicht das allerliebste Lächeln, ob die Pasta munde. Sie sei nur 99 Prozent nach meinem Geschmack, antwortete ich, worauf das Gericht sofort abgetragen und durch ein Hundertprozentiges ersetzt wurde. Wofür selbstverständlich nicht gezahlt werden müsse, denn schließlich wolle man zufriedene Kunden, erläuterte der Ober.

Danach setzte ich neuerlich den Kopfhörer auf und entfloh prima abgeschirmt der Wahlschlacht. Bis zum Wahltag werde ich mir zudem die Freuden des Fernsehens versagen, da dort mittels brutaler TV-Spots der jeweilige politische Gegner schlimm verunglimpft wird. „Wussten Sie, dass Kongressmann X auf dem Rücksitz seines Cadillac mit seiner Schwägerin kopulierte?“ Oder: „Kongressmann Y stahl einem Achtjährigen das Pausenbrot!“

Ist es nicht verwunderlich, dass diese so überaus freundliche Nation, die umsonst bewirtet, wenn ein Prozent fehlt, von derart rabiaten Politikern regiert wird? Nein?

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