Zeitung Heute : Leben in der dritten Mitte

Die Letzte, die wegzog, als der Neubau begann – und die Erste, die zum Potsdamer Platz zurückkam

Sven Goldmann

Siegrid Klinke hat schon schönere Stunden erlebt. Vor ein paar Tagen hat sie sich eine Rippe gebrochen, die Beine wollen auch nicht mehr so recht, „wissen Sie, ich bin ja schon 76“, und dann diese Nachricht: Der Potsdamer Platz soll verkauft werden, „woher wissense denn das, also da muss ich erst dreimal schlucken. Was wird denn jetzt aus meiner Miete?“

Siegrid Klinke hat ihr halbes Leben am Potsdamer Platz verbracht. Am 30. August 1968 ist sie eingezogen in das Weinhaus Huth, das damals noch an der östlichen Peripherie des alten West-Berlin lag. Das Huth war das letzte Gebäude aus der Zeit, da der Potsdamer Platz der verkehrsreichste in ganz Berlin war, mit täglich 100 000 Menschen und 2000 Autos und 30 Straßenbahnlinien, die im Minutentakt verkehrten.

Der Krieg und die deutsche Teilung machten aus dem Potsdamer Platz eine Wüstenlandschaft mit zwei markanten Bauwerken, dem Weinhaus Huth und der Berliner Mauer. Im Frühjahr 1989, noch vor dem Fall der Mauer, plante Edzard Reuter, der Vorstandschef von Daimler- Benz, am Potsdamer Platz die Zentrale des konzerneigenen Finanzdienstleisters Debis anzusiedeln. Nach dem Fall der Mauer erweiterte er seinen Plan: Nicht nur eine Firmenzentrale sollte es sein, sondern ein ganzes Stadtquartier am Schnittpunkt von Ost und West. Noch vor der Wiedervereinigung kaufte Reuter dem Senat das 62 000 Quadratmeter große Gelände für nicht einmal 100 Millionen Mark ab. Eine breite Front von Kritikern aus Politik, Kultur und Architektur monierte nicht nur den geringen Kaufpreis von gerade einem Siebtel des Verkehrswertes und die Festlegung auf einen einzigen Investor. Was würde wohl werden, wenn der Konzern einmal die Lust verlöre am Prestigeobjekt Potsdamer Platz?

Frau Klinke hat sich das nie vorstellen wollen. Sie ist von Daimler immer gut behandelt worden. Weil sie 1995 beim Auszug aus dem Weinhaus Huth keine Scherereien gemacht hat („Die haben immer gesagt, ich bin ihre Lieblingsmieterin“), hat der Konzern ihr erst ein Zwischendomizil in Zehlendorf angeboten und dann eine Wohnung im Neubau Voxstraße 1. Mit einem Mietvertrag auf Lebenszeit bei gleich bleibender Kaltmiete.

Doch ihr Vermieter im Jahr 2006 ist nicht mehr der von 1998. Heute heißt der Konzern Daimler-Chrysler und will von den Visionen seines einstigen Lenkers nichts mehr wissen. Als der neue Stadtteil eingeweiht wurde, stand Edzard Reuter nicht mal auf der Gästeliste.

Im Konzern ist Reuter oft vorgeworfen worden, er sehe sich zuerst als Berliner, als Sohn des legendären Nachkriegsbürgermeisters Ernst Reuter, und dann erst Daimler. Da ist was dran. Reuter hat oft darauf verwiesen, die Investition am Potsdamer Platz sei auch eine politische. Rund zwei Milliarden Euro hat der Konzern in die 19 Gebäude gesteckt. Das – und vielleicht mehr – könnte er sich jetzt zurückholen.

Der Betriebswirt Edzard Reuter mag am Potsdamer Platz gescheitert sein. Als Visionär hat er gesiegt. Der neue Stadtteil funktioniert. Reuter hat Berlin eine dritte Mitte gegeben. Eine, die nicht wie am Alexanderplatz dem Osten oder wie am Kurfürstendamm dem Westen gehört, sondern beiden zusammen. 70 000 Besucher zählt der Platz täglich, Tendenz steigend. Wenn im Mai der Regionalbahnhof öffnet, wird noch mehr Laufkundschaft aus dem Umland kommen. Und dann steht im Sommer die Fußball-Weltmeisterschaft an, „na das kann was werden, da wird man auf den Straßen kaum noch treten können“, sagt Siegrid Klinke. „Also, von mir aus sollen die alle jubeln, wenn ein Tor fällt. Aber muss es denn immer so laut sein?“

Der neue Potsdamer Platz macht es der alten Generation nicht unbedingt einfach. Unter Frau Klinkes Wohnung ist ein Sushi-Restaurant, aber roher Fisch trifft nicht ganz ihren Geschmack. Gegenüber ist ein Kinocenter, „die zeigen doch nur Räuberpistolen“. Letzte Woche hat sie im Fernsehen die Vorschau zu „Knallhart“ gesehen, „also, so etwas tue ich mir nicht mehr an“. Auch von amerikanischen Schnellimbissen und japanischer Unterhaltungselektronik hält Frau Klinke nicht viel.

War früher alles besser? In den Vorkriegstagen ist Frau Klinke mit ihren Eltern die Leipziger Straße hinunterflaniert bis zum Kaufhaus Wertheim, „die hatten immer so eine schöne Weihnachtsausstellung“. Frau Klinke lacht. Nein, sie lebe nicht im Gestern. „Heute und früher, das können Sie nicht miteinander vergleichen. Aber das liegt nicht am Potsdamer Platz. Heute ist doch überall alles viel anonymer, man kennt ja gar keinen mehr.“ Die Mieter würden häufig wechseln, von der ersten Generation nach dem Einzug 1998 sei fast keiner mehr da. Damals hatte sie sich mit einer Diplomatin angefreundet, „so ’ne kleene Niedliche aus Singapur. Nach zwei Jahren wurde sie irgendwo anders hin versetzt“, wie auch das nette Ehepaar aus Slowenien, das immer mit Frau Klinkes Pudel Vicky Gassi ging. Heute muss ihn Frau Klinke selbst ausführen. Die Rippe schmerzt, die Beine wollen nicht mehr so recht, und was wird wohl aus dem Mietvertrag werden?

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