Zeitung Heute : Leben in der Ungleichheits-Pyramide

Gefragt nach ihrem Platz in der Gesellschaft, ordnen sich selbst Hartz-IV-Empfänger nicht ganz unten ein

Jutta Allmendinger
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Protest hält sich in Grenzen. Rund 100 Personen hatten am 16. Juni 2008 vor dem Brandenburger Tor für höhere Hartz-IV-Regelsätze...

Die soziale Ungleichheit in Deutschland wächst. Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, die Veröffentlichungen der OECD, alle Indikatoren weisen in die gleiche Richtung: Der Abstand zwischen oben und unten ist größer geworden, der Armutssockel wird breiter. Und das obgleich sich die gegenwärtige Krise in diesen Daten noch nicht niedergeschlagen hat. Obwohl die soziale Schere sich öffnet, lässt sich Deutschland aber insgesamt noch als eine „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ beschreiben, wie dies der Soziologe Helmut Schelsky in den 1950er Jahren tat. Sein Kollege Karl-Martin Bolte fasste dies in den 1970er Jahren in das Bild einer Zwiebel: ganz unten und ganz oben wenige und in der Mitte sehr viele.

Diese Zwiebel ist vor allem das Ergebnis von Einkommensdaten der amtlichen Statistik. Um den Zustand einer Gesellschaft besser zu beschreiben, bedarf es weiterer Anhaltspunkte: Wie die Bürger ihre Gesellschaft wahrnehmen, ob sie sich ausgeschlossen fühlen, ob und inwieweit sie Protestpotenzial entwickeln oder sich resigniert zurückziehen. Ein wichtiges Element dieses größeren Panoramas ist der individuelle Blick auf die Gesellschaft: Wie stellen sich die Deutschen die Verteilung von Arm und Reich vor? Welches Bild haben sie von der Gesellschaft?

Die meisten haben ein völlig anderes Gesellschaftsbild als das, was die Zwiebelform symbolisiert. Dies zeigt eine Befragung von 1200 Paaren. Die Mehrheit sieht die Gesellschaft als Pyramide, Sinnbild für die schärfste Form sozialer Ungleichheit: Die breite Masse ist arm, und nur Wenige haben es an die Spitze geschafft. Die Gesellschaft wird somit als ungleicher erlebt, als sie ist. Diese Einschätzung teilen übrigens die Paare ganz unabhängig davon, wie es ihnen persönlich geht, ob sie in Lohn und Brot stehen, Arbeitslosengeld I oder Hartz-IV beziehen.

Dieser Befund könnte beunruhigen, lässt er doch ein enormes Konflikt- und Protestpotenzial vermuten. Trotz mancher Wahlerfolge der Partei „Die Linke“ aber hat sich bisher kein großer Protest entwickelt. Warum das so ist, darüber können weitere Betrachtungen des Gesellschafts- und Selbstbildes Auskunft geben. Wo sehen die Befragten ihren Platz in der Gesellschaft – ganz unten, in der Mitte, am Rand? Fragt man, wo sich die Befragten selbst innerhalb der wahrgenommenen Pyramide einordnen, verflüchtigt sich das Bild des schroffen Gegensatzes zwischen den ganz wenigen oben und den vielen unten.

Die Mehrheit positioniert sich nämlich selber im mittleren Feld: Auffällig ist, dass selbst Hartz-IV-Empfänger einen Abstand zum unteren Ende der Armutsskala wählen – sie bezeichnen sich also selbst nicht als sehr arm. So taucht insgesamt wieder das Bild der Mittelstands-Zwiebel auf – inmitten der Pyramide. Wie aber ist der Unterschied zwischen der Sicht auf die Gesellschaft und der Einordnung der eigenen Person zu erklären?

Diese individuelle Verortung folgt offenbar überlebensnotwendigen Ratschlägen, wie sie etwa erst kürzlich in der „Zeit“ zum Thema „Glücklich werden“ zu lesen waren. Passen Sie auf, mit wem sie sich vergleichen, hieß es dort: „Wer ständig auf Leute schaut, denen es viel besser geht, bekommt nur schlechte Laune. Suchen Sie immer nach Leuten, mit denen sie nicht tauschen wollen.“ Dieser Ratschlag entbehrt nicht der soliden wissenschaftlichen Grundlage. Schon 1954 hatten Leon Festinger und 1979 Henri Tajfel und John C.Turner, alle Sozialpsychologen, darauf hingewiesen, dass Menschen bei allen sozialen Vergleichen immer versuchten, positive Identitäten oder eine „positive Distinktheit“ herauszustellen: Es geht mir schlecht, aber vielen anderen geht es noch schlechter, so das Überlebensmotto. Für die Gesellschaft bedeutet dies Ruhe an der Unzufriedenheitsfront. Selbst Hartz-IV-Bezieher, könnte man folgern, verorten sich aus bloßem Selbstschutz nicht ganz am Rand der Gesellschaft, nicht ausgesetzt und ausgeschlossen – obgleich sie es so oft doch sind.

Der Schutzmechanismus könnte ein Faktor sein, der die Unzufriedenheit dämpft. Ein anderer deutet sich an, wenn man prüft, wo die Befragten eine Linie ziehen, unterhalb derer aus ihrer Sicht Armut beginnt. Hartz-IV-Bezieher legen die Latte besonders hoch; für sie fängt Armut auf einem höheren Niveau an. 70 Prozent von ihnen zeichnen ihre subjektive Armutslinie oberhalb der eigenen Position. Sie sehen also wesentlich mehr Menschen als arm als Erwerbstätige und diejenigen, die noch nicht lange arbeitslos sind. Diese beiden Gruppen ziehen die Linie tiefer; für sie gibt es in der Gesellschaft weniger Arme. Entscheidend ist hier, dass es offenbar gruppenspezifische Armutslinien gibt und die Wahrnehmungen der sozialen Realität an den statistisch begründeten Armutsdefinitionen vorbeigehen. Sie lassen auch ahnen, wie wenig einheitlich die soziale Wirklichkeit gesehen wird. Die „tiefgreifenden soziologischen Differenzen“, die der Berliner Georg Simmel in seiner Soziologie der Armut von 1908 entdeckte, können auch als ein Schutzmechanismus gesehen werden: Jeder bastelt sein eigenes Bild von Gesellschaft, und daraus entsteht kein klares Gesamtbild von oben und unten, keine einheitliche Diagnose, kein gemeinsames Ziel, kein Gegner, von denen sich die große Mehrheit absetzen möchte. Eine revolutionäre Masse, die aus persönlicher und gesellschaftlicher Unzufriedenheit protestiert, ist nicht in Sicht. Karl Marx dürfte sich nicht bestätigt sehen, Simmel dagegen sehr wohl.

Auch staatliche Sozialleistungen machen dies möglich. Der Staat schützt vor absoluter Armut, er befriedet. Doch zugleich wird hier deutlich, dass finanzielle Hilfen eben nicht aus einer subjektiv empfundenen Armut herausführen. Irgendwie kann man in Armut überleben.

Umso wichtiger wird es, Menschen zu befähigen, ihre Armut zu überwinden, ihre Fähigkeiten zu stärken und ihnen die Entfaltung ihrer capabilities zu übertragen, wie es die Philosophin Martha Nussbaum und der Ökonom Amartya Sen ausdrücken. Hier ist insbesondere an Bildung, Ausbildung und Weiterbildung zu denken, den klassischen Antriebskräften sozialer Mobilität. Investitionen in Bildung können das Protestpotenzial in Entwicklungs- und Lernpotenzial umformen, helfen den Einzelnen wie der gesamten Gesellschaft, denn sie tragen entscheidend dazu bei, aus einer eher starren und ruhigen Ordnung eine beweglichere, für die Zukunft offenere – und besser gewappnete zu machen. Das müssen wir uns einfach leisten.

Die Autorin ist Bildungssoziologin und seit April 2007 Präsidentin des WZB. An dem erwähnten Projekt arbeitet sie zusammen mit Dörthe Gatermann, Kathrin Leuze und Christiane Scholz.

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