Zeitung Heute : Leben in New York

Matthias B. Krause[New York]

New York ist kurz davor, einen neuen Rekord aufzustellen: Die Stadt könnte die niedrigste Mordrate seit 1961 erreichen. Wer hat das wie erreicht?

Als Michael Bloomberg den Job des New Yorker Bürgermeisters 2002 von Rudolph Giuliani übernahm, befürchteten nicht wenige einen Rückfall in alte – schlechte – Zeiten. Besonders konservative Medien wie die „New York Post“ verfolgten den Neuen mit Argusaugen. Und als es einem Fotografen gelang, ein Bild von einem Squeegee aufzunehmen, wertete sie das als Beweis für die Rückkehr der Kriminalität in die 8,5-Millionen-Metropole. Squeegees, das sind jene, die an Straßenkreuzungen ungefragt die Autoscheiben waschen und hoffen, so ein paar Dollar zu verdienen. Giuliani hatte sie damals unter seiner Null-Toleranz-Politik gnadenlos aus der Stadt verjagt – ebenso wie die Obdachlosen, Huren, Drogenhändler und Schwerverbrecher. Die Statistik allerdings zeigt das genaue Gegenteil. Die Stadt ist auf gutem Wege, die jährliche Mordrate erstmals seit 1961 wieder unter 500 zu drücken.

215 Menschen wurden 2005 in der Stadt bisher Opfer eines Gewaltverbrechens, 17 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres. Hält der Trend an, wären es am Ende des Jahres 472. Noch vor 15 Jahren war New York eine der gefährlichsten Städte der USA, 1990 wurden hier 2245 Menschen umgebracht. Dann kam Giuliani. Er ging gezielt gegen Banden und Crack-Dealer vor, räumte Obdachlosen-Refugien wie den Tompkins Square Park im East Village mit Bulldozern und verstärkte massiv die Polizeipräsenz an den Verbrechensschwerpunkten. Selbst kleine Vergehen wie Schwarzfahren in der U-Bahn wurden mit 24 Stunden Gefängnis bestraft – Zeit genug, um die Fahndungslisten zu durchforsten und so viele kleinere und größere Kriminelle zu schnappen.

Ganz schwere Jungs verschiffte Giuliani in Gefängnisse weit weg von der Metropole in der Hoffnung, dass ihnen ihre Familien und Freunde folgen würden. Eine Rechnung, die aufging. Zudem entdeckten die New Yorker ihre Stadt wieder für sich. Fortan verhinderten Initiativen von Nachbarn und Geschäftsleuten, dass ehemals dunkle, drogenverseuchte Parks wieder von den Dealern und ihren Kunden in Beschlag genommen wurden. Bloomberg führte die Politik der harten Hand erfolgreich fort und richtete zudem Spezialgerichte für Verbrechen mit Schusswaffen ein, um die Täter schneller abzuurteilen. Die Mordrate pro Einwohner ist in New York mittlerweile halb so hoch wie in Los Angeles oder in Chicago und sieben Mal niedriger als in Detroit, eine der gefährlichsten Städte der USA. Und natürlich macht Bloomberg mit diesen Zahlen kräftig Werbung – schließlich will er Ende des Jahres wiedergewählt werden.

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