Zeitung Heute : „Leben ist ein Rechenprozess“

Der Tagesspiegel

Während beim Deutschen Krebskongress genetische Ursachen der Krebsentstehung ein wichtiges Thema bilden, trifft sich ein kleinerer Kreis im Rathaus Schöneberg, um über „Das genetische Wissen und die Zukunft des Menschen“ zu diskutieren. Auf Initiative von Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn hat das Deutsche Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften Naturwissenschaftler, Mediziner, Philosophen und Juristen aus aller Welt dafür zusammengeführt.

Die Ministerin würdigte nicht nur die „neue Qualität menschlichen Wissens“, die das Humangenomprojekt gebracht habe, sondern auch die finanziellen und organisatorischen Anstrengungen, die im Anschluss an die Sequenzierung speziell in Deutschland gemacht wurden, um in der Folgeforschung nun nach den USA den zweiten Platz einzunehmen. Der Leiter des Referenzzentrums, der Bonner Philosoph Ludger Honnefelder, legte Wert auf die Feststellung, man wolle mit der Konferenz „der Befürchtung entgegentreten, dass Ethik immer nur nachträglich und zu spät kommen kann“.

Worin liegt nun die „neue Qualität“ des genetischen Wissens – und welche Gefahren und Chancen könnten damit verbunden sein? Hans Lehrach, Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik, scheute nicht vor einer klaren Aussage zurück: „Leben ist in gewissem Sinn ein Rechenprozess – der Organismus errechnet sich aus den im Genom gegebenen Informationen.“ Wenn man dazu noch die Umweltbedingungen kenne, könne man vielleicht eines Tages wirklich „im Computer für jeden Menschen den Verlauf seiner Erkrankung berechnen“. Der Münsteraner Philosophieprofessor Ludwig Siep sah die Gefahr, dass der Einzelne sich eines Tages mit dem eigenen Gen-Chip in der Hand „wie ein Ingenieur von außen“ sehen könnte.

Was Genforschung für die Medizin konkret bedeutet, machte der Kieler Magen-Darm-Spezialist Stefan Schreiber anhand der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Crohn deutlich. Etwa ein Prozent der Bevölkerung hat die Erkrankung, die wie Bluthochdruck, Diabetes, Asthma und andere „Volkskrankheiten“ vielerlei Ursachen hat. Da sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutlich zunahm, müssen Umweltfaktoren im Spiel sein. Doch ein Gesunder, dessen Bruder oder Schwester erkrankt, trägt ein zehn- bis fünfzigfach erhöhtes Risiko. Nun sind die ersten Erfolge bei der Suche nach Veränderungen in bestimmten Chromosomen-Abschnitten zu verzeichnen. Das eröffnet auch Perspektiven für die Behandlung.

Wie wichtig die Umwelt bleibt, das machte die finnische Humangenetikerin Leena Peltonen an einem erfreulicheren Beispiel deutlich: Das „absolute Gehör“ ist eine genetisch fixierte Fähigkeit. „Doch wenn das Kind in seinen ersten Lebensjahren keine Musik hört, kommt sie nicht zur Entfaltung.“

Auch genetische Besonderheiten, die störend wirken oder Krankheitswert haben, können unter anderen Lebensumständen sinnvoll sein: Dass viele Erwachsene keine Milch vertragen, wurde erst zum Problem, als der Mensch begann, sich Kühe zu halten.

Die erbliche Eisenspeicherkrankheit Hämochromatose kann sich theoretisch in einen Schutz verwandeln, wenn die Nahrungsgrundlage des Menschen sich verändert. Schreiber fragte provozierend: „Können wir uns erfrechen, Krankheit zu definieren und damit unseren Nachkommen, deren Lebensweise wir nicht kennen, eine Bürde aufzuerlegen?“ Wohl nicht die letzte provozierende Frage in die Runde, die heute über Gentests und Therapien sprechen will.

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