Zeitung Heute : Leben ist eine prima Alternative

Kein Zuhause und keine Ahnung, wie sie ihr Kind heil zur Welt bringen sollte. Vor einem Jahr war Jennifer Ado mit ihrer Verzweiflung allein. Wie in einer finsteren Kiste fühlte sie sich, bis sie Zuflucht im Haus Sonnenblume fand. Dort werden Frauen Mütter, die ohne Hilfe verzweifelt wären.

Constanze Bullion

Es gab Momente in ihrem Leben, da war sie eingesperrt in diesen Ängsten wie in einer finsteren Kiste. Da gab es kein Weiter und kein Zurück, keinen Platz zum Leben und keinen Weg, es zu beenden. Verzweiflung, sagt Jennifer Ado, ist irgendwie nicht das richtige Wort für diesen Zustand. Sie überlegt einen Moment und drückt dann ihren Rücken durch, als wollte sie auftauchen aus ihren düsteren Erinnerungen. „Ich habe keine Angst mehr“, sagt sie und lacht. Es liegen Welten zwischen damals und heute.

Montagmittag im Kinderhaus Sonnenblume, vier Frauen und ein kleines Mädchen sitzen über Nudeln und einem rosa Fruchtzwerg und besprechen letzte Schritte in die Selbständigkeit. Jennifer Ados neue Wohnung muss geputzt werden, morgen wird sie ein paar Möbel besorgen. Sie braucht noch etwas Hilfe beim Umzug, aber dann. „Du kommst uns doch mal wieder besuchen?“ „Ja, sicher.“ „Wir feiern noch Abschied, oder?“ „Klar.“ Sie steht auf, nimmt ihre Tochter auf den Arm und geht zur Tür, eine große Frau mit sehr aufrechter Haltung. Ein Blick noch, alle winken. Dann ist sie weg.

So also können Abschiede aussehen im Kinderhaus Sonnenblume, die gutartigen zumindest. Jennifer Ado, eine 32 Jahre alte Frau aus Togo, die im echten Leben anders heißt, verlässt das zweistöckige Haus in Berlin-Schönow, in dem sie für zehn Monate Zuflucht gefunden hat. Als sie hier ankam, hatte sie keine Papiere, kein Bett und keine Ahnung, wie sie ihr Kind heil zur Welt bringen sollte. Jetzt zieht sie in ihre erste eigene Wohnung – mit ihrer Tochter. Das ist keineswegs selbstverständlich.

Plötzlich geht die Welt unter

Kinderhaus Sonnenblume, das ist ein Ort, an dem Frauen, die ihre Babys nicht behalten wollen oder nicht behalten sollen, anonym betreut werden. Manche lassen hier einen Säugling zurück, andere probieren das Muttersein eine Weile aus. Niemand aber, und das ist entscheidend, will hier noch sein Kind töten. Das passiert anderswo, draußen in Brandenburger Wäldern und Berliner Badezimmern. Meist unbemerkt und immer öfter.

Im April 2002 warf eine 15-Jährige aus Berlin-Lichtenberg ihr neugeborenes Baby in einen Müllschlucker. Im Juli lag ein mit 15 Messerstichen getöteter Säugling in der Babyklappe des Krankenhauses Waldfrieden. Im August ließ eine Frau ihr Neugeborenes im Klohäuschen eines Brandenburger Techno-Festivals ertrinken. Im November versteckte eine Abiturientin ihr totes Baby in einem Teltower Garten. Im März 2003 tauchte eine Babyleiche in der Recyclinganlage Großräschen auf. Am 1. Mai fiel ein toter Säugling aus einem Fürstenwalder Container. Am 14. Mai entdeckte ein Ehepaar ein erdrosseltes Baby unter der Badewanne ihrer Datsche. Die Freundin ihres Sohnes hatte es dort versteckt. Sie war 23 Jahre alt, und es war ihr fünftes Kind. Am vergangenen Sonntag starb ein sieben Wochen altes Mädchen in Köpenick. Gegen die Eltern wird ermittelt.

Es sind Geschichten von höchster Not und Einsamkeit, die sich hinter solchen Katastrophen verbergen, Geschichten von Panik, kaputten Beziehungen und wüsten Seelenlandschaften. Frauen, die ihr Baby töten oder verlassen, sind keineswegs immer arm oder minderjährig, und etliche, die sich im Sonnenblumenhaus melden, leben in wohlanständigen Mittelklasse-Ehen oder haben schon Kinder. Und dann? Geht mit einem Mal die Welt unter.

Schwester Monika Hesse ist eine Frau mit tatkräftigen Händen – und eine, die zu schweigen weiß. Fest verpackt in ihrer blau-weißen Ordenstracht schenkt sie Kaffee aus nach dem Mittagessen und beantwortet mit freundlicher Bestimmtheit nur die Fragen, die sie beantworten will. Konkrete Biografien, in denen sich Schützlinge ihres Hauses wiedererkennen könnten, wird hier keiner erfahren. Neben Spenden ist Vertrauen das Lebenselixier dieses Projekts, das sich neben fünf Berliner Babyklappen behauptet.

Schwester Monika wollte einen Ort schaffen, an dem nach Auswegen gesucht werden kann. Die Ordensfrau versucht Frauen in lebensbedrohlichen Krisen zu helfen – und leugnet nicht, dass sie das Wegwerfen von Kindern für den „Gipfel der Wegwerfgesellschaft“ hält. „Zu den Menschen am Rande sehen“, das gehört zur franziskanischen Berufung der 44-Jährigen, die einst die Pankower Suppenküche für Obdachlose gegründet hat und 1999 das Kinderhaus. Manche fanden damals, man sollte eine Frau nicht dazu ermutigen, ihr Baby wegzugeben.

Mit der Wirklichkeit hat das wenig zu tun. Sabine Frings holt ein Fotoalbum aus dem Wohnzimmerschrank, sie ist 35 Jahre alt und eine angenehm undogmatische Psychologin. Bilder von strahlenden Müttern zeigt sie dann, von properen Säuglingen und Schwester Monika. Wie in einer fröhlichen WG geht es auf diesen Fotos zu, die unsichtbar lassen, was sich im Hintergrund abspielt.

Oft fängt es mit einem verstörten Anruf oder einer kryptischen E-Mail an. Manchmal tauchen Frauen hier auf, denen nicht anzusehen ist, dass sie hochschwanger sind, so als spielte der Körper das verzweifelte Versteckspiel mit, das daheim aufgeführt wird. Da gibt es welche, die ihre Schwangerschaft bis zur Geburt vor dem Partner verbergen. Andere verdrängen selbst, was los ist, glauben im Extremfall nicht mal, was sie im Ultraschall sehen. Manche kriegen ihr Baby im Badezimmer, während die Familie ahnungslos vor dem Fernseher sitzt. Nicht selten aber ist es der Partner, der offen mit Gewalt oder Mord droht, falls ein Kind kommt, und die Frau womöglich selbst hier abliefert, damit sie unbemerkt von Dorf und Verwandten das Baby austrägt, zur Adoption freigibt und heimkehrt, als wäre nichts gewesen.

Happy End, vorläufig

Jennifer Ado hätte diesen Weg nie einschlagen können. „Mein Kind jemand anderem zu geben, das kann ich nicht verstehen“, sagt sie. Jennifer Ado lebt im Erdgeschoss des Sonnenblumenhauses, in einem atemberaubend ordentlichen Zimmer, das sie mit ihrer Tochter und einem großen Fernseher teilt. Sie stammt aus einer katholischen Familie in Togo, erzählt sie, „da tun wir so was nicht“. So was ist eine Abtreibung.

Als es losging damals, verbrachte Jennifer Ado die Nächte bei ihrem deutschen Freund und aß tags bei ihrem Onkel aus Togo. Als sie schwanger wurde, freute ihr Partner sich erst – und war wenig später mit einer anderen zusammen. „Mach’s weg“, sagte er, bot ihr erst Geld und drohte dann mit Rausschmiss. Als sie sich weigerte, setzte er sie an die Luft. Jennifer Ado war obdachlos, illegal in Deutschland und total am Ende.

„Es gab niemanden, der für mich gekämpft hat“, sagt sie und unterbricht sich so unvermittelt, dass man sich ein wenig wundert. Bis klar wird, dass sie über die Dramen der letzten Zeit kaum reden kann, ohne befürchten zu müssen, dass der Vater ihres Kindes das in der Zeitung liest und das Wenige zerbricht, das sie hat aufbauen können. Jennifer Ado soll bald Papiere kriegen, sie hat ihren Ex-Freund mit Hilfe eines Anwalts und etwas Glück dazu bewegt, Alimente zu zahlen. Ein vorläufiges Happy End also, das sie nicht aufs Spiel setzen will.

Die Existenzen sind zerbrechlich in diesem Kosmos, und manchmal scheint hier nur eine Tür das Leben vom Sterben zu trennen. In einer Schublade im Wohnzimmer liegt ein Brief ohne Unterschrift. „Meine Verzweiflung stieg ins Unermessliche und meine Einsamkeit“, steht da. Es ist der Brief einer Mutter von zwei Kindern, deren Mann sie verstoßen will, wenn sie ein drittes Kind kriegt. Er weiß nicht, dass sie schwanger ist und fast zugrunde geht an der Aussicht, ihre beiden Kinder zu verlieren oder das Baby. „Auf einer öffentlichen Toilette brachte ich mein Kind zur Welt – ich gab ihm aber keine Chance zum Leben – sondern spülte es weg“, schreibt sie. „Es vergeht seitdem kein Tag, an dem ich nicht an mein Baby und an meine Schuld denke.“

Kathrin Kliem ist Kinderschwester und Mutter von vier Kindern, sie arbeitet seit zwei Jahren im Sonnenblumenhaus. Fragt man sie, wie die Arbeit sie verändert, spricht sie von hohen gesellschaftlichen Ansprüchen an Mütter, die sich hier etwas relativieren. „Man sagt immer, eine Mutter muss lange stillen, muss immer lieb sein“, sagt sie, „aber man kann eben nur so viel weitergeben, wie man empfängt.“

Spurlos verschwunden

Regelmäßig passiert es hier, dass Kathrin Kliem von einer Frau gerufen wird, die in den Wehen liegen. Oft ärgert sie sich dann über das Klinikpersonal, das Schwangere unfreundlich behandelt, die ihr Kind nicht behalten wollen. Jede Abtreibung sei offenbar akzeptabler als eine Adoption. Manchmal trifft die Kinderschwester auch Frauen, die es nach der Geburt kaum noch fertig bringen, ihr Baby wegzugeben. „Einmal haben wir den Ehemann geholt, der hat am Bett gestanden und geheult und hat sich trotzdem entschieden, das Kind wegzugeben“, erzählt sie. Er habe schon zwei Kinder und Angst vor immer weniger Geld.

Nicht immer ist es die beste Lösung, wenn eine Frau ihr Kind behält. Da gab es eine Mutter, die nach der Geburt spurlos verschwand, um Wochen später ihr Baby abzuholen. „Da wäre es uns lieber gewesen, das Kind zu einer Pflegefamilie zu geben“, sagt Schwester Monika. Eine andere lebte hier, die ihr Kind sorgsam pflegte, sich dann plötzlich selbst verletzte und Selbstmordversuche beging, bis sie in der Psychiatrie landete. Im Idealfall schaffen solche Frauen es dennoch, mit etwas Hilfe eine tragfähige Beziehung zum Kind zu entwickeln. Entschließen sie sich zu einer Adoption, versuchen die Betreuerinnen sie dazu zu bewegen, wenigstens einen Brief zu hinterlassen.

Eine anonyme Adoption, sagt Psychologin Sabine Frings, „das ist wie eine alte Narbe, die immer wieder aufplatzt“. Fast alle Kinder suchten irgendwann nach ihren Wurzeln, und nicht wenige Mütter kämen ein Leben lang nicht über ihre Entscheidung gegen das Kind hinweg. Ein Abschiedsbrief mit einem Bild oder einem Namen aber, das sei wie ein Pfad von einer Welt in die andere.

Doch, werden die Frauen sagen, als Jennifer Ado sich aufgemacht hat in ihr neues Leben und wieder ein Zimmer frei geworden ist im Haus, manchmal fallen ihnen all die Abschiede schwer. Manchmal sei es auch schwer zu ertragen, all die Wege zu ebnen, die zur Trennung einer Mutter von ihrem Kind führen können. Aber alles, alles sei doch besser, als die Frauen allein zu lassen. Irgendwo da draußen vor der Tür.

Kinderhaus Sonnenblume e.V.

Lessingstraße 21 in Schönow bei Bernau

Telefon: 03338/759402

E-Mail: kontakt@kinderhaus-sonnenblume.de

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