Zeitung Heute : Leben mit dem Lärm

„Klimahüllen“, die sich über Gebäude und ganze Areale stülpen, sollen auch den Flugschall abwehren.

Andrea Puppe
Klanglandschaften. Um die Einwohner wenigstens etwas vor dem Krach der Flieger zu schützen, entwickelten TU-Studenten „Klang-Wohn-Raumskulpturen“. Sie sollen Fluglärm in angenehme Klänge umwandeln und ihn durch optische Effekte weniger belastend erscheinen lassen. Abbildung: TU Berlin, Tsinghua Universität Peking
Klanglandschaften. Um die Einwohner wenigstens etwas vor dem Krach der Flieger zu schützen, entwickelten TU-Studenten...

Das Thema Lärmbelastung durch Flughäfen ist zuletzt im April dieses Jahres einmal mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt: Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte das Nachtflugverbot für den Flughafen in Frankfurt/Main zwischen 23 Uhr und 5 Uhr. Für den neuen Flughafen Berlin-Brandenburg (BER) gilt lediglich ein striktes Nachtflugverbot von 0 bis 5 Uhr. Dass Tausende Anwohner nach jahrelangen gerichtlichen Auseinandersetzungen deutlich mehr Fluglärm hinnehmen müssen, ist inzwischen eine Tatsache. Jetzt stellt sich die Frage, wie man den Betroffenen das Leben mit dem Fluglärm ein wenig erträglicher macht.

Wissenschaftler der TU Berlin sind an dem komplexen Verbund-Forschungsprojekt „fAIRleben“ beteiligt, das die „nachhaltige, lärmverträgliche, umweltschonende und ,grüne’“ Entwicklung der Gemeinde Blankenfelde-Mahlow in Kooperation mit dem Großflughafen BER zum Ziel hat. „Wir wollen die Schallbelästigung gemeinsam mit den Betroffenen vor Ort in den Griff bekommen“, sagt Professorin Brigitte Schulte-Fortkamp vom Fachgebiet Psychoakustik und Lärmwirkungen. Das Projekt wird zu je einem Drittel von der Gemeinde, dem Land Brandenburg und der Flughafengesellschaft FBS getragen und ist zunächst auf vier Jahre angelegt. Zusätzlich wurden innerhalb des EU-Verbundprojektes Climate KIC „Neighbourhood Demonstrators“ bereits weitere Drittmittel eingeworben.

Im Einzugsgebiet von 55 Quadratkilometern leben rund 25 000 Menschen. Es gibt 15 Kitas, fünf Grundschulen, eine Oberschule, ein Gymnasium und weitere besonders lärmsensible Einrichtungen wie das Seniorenbetreuungszentrum Prießnitzhaus. „Herkömmliche Lärmschutzfenster reichen hier nicht mehr aus. Wir denken über Wintergärten und komplette Klimahüllen nach“, sagt Professor Klaus Zillich, der sich auf grüne Architektur und nachhaltige Stadtentwicklung spezialisiert hat. Vorteil der transparenten Gebilde, die ähnlich einem riesigen Gewächshaus über komplette Gebäude gestülpt werden könnten: Sie regulieren nicht nur den Schall, sondern verbessern die Isolation der überbauten Häuser und erweitern ganzjährig den nutzbaren Raum.

Zu bedenken sei, da sind sich beide Forscher einig, dass Lärm nicht gleich Lärm ist. „Auch leise Geräusche können extrem nerven und zwar durch ihre impliziten Informationen“, sagt Brigitte Schulte-Fortkamp. Ferne Flugzeuggeräusche, selbst wenn sie noch sehr leise sind, tragen die Botschaft in sich: Es wird bald lauter werden. Ein weiteres Problem der Gemeinde sei, dass der Großflughafen nicht der einzige Schallverursacher ist. Blankenfelde-Mahlow liegt am Knotenpunkt von vier bedeutenden Mobilitätskorridoren: die ICE-Strecke Rostock/Stettin – Leipzig/Dresden, der südliche Teil des Berliner Autobahn-Rings (A10), der südliche Teil des Berliner Eisenbahnrings mit S-Bahn, Regionalexpress und Güterverkehr sowie die Einflugschneise des Großflughafens BER „Willy Brandt“. Dort können sich verschiedene Verkehrslärmquellen addieren. Sie wirken dann, als würden viele Musiker gleichzeitig verschiedene Musikstücke spielen.

Beispiele dafür, wie man unangenehme Schallquellen verändern oder mit baulichen Maßnahmen minimieren kann, gibt es bereits. So hat Brigitte Schulte-Fortkamp am verkehrsumtosten Nauener Platz in Berlin-Wedding gemeinsam mit Betroffenen und einer Berliner Landschaftsarchitektin im Rahmen des „Soundscape“-Projektes spezielle Hörinseln entwickelt, die in Form von Ohrensesseln und Parkbänken errichtet wurden. Dort können diejenigen, die nach einer Parkatmosphäre suchen, den Verkehrslärm mit künstlichem Vogelgezwitscher aus integrierten Boxen „maskieren“.

Klaus Zillich hat bereits in den 1990er-Jahren beim Neubau einer Kita an der Berliner Lützowstraße transparente Klimahüllen eingesetzt, um die Energiebilanz des Gebäudes zu verbessern und – in diesem Falle auch einmal umgekehrt – um die angrenzenden Wohnungen vor dem Lärm der spielenden Kinder abzuschirmen. „Man kann auch mit gläsernen Pergolas Ruheinseln schaffen oder Gebäude wie Parkhäuser als Schallschutzwände nutzen“, nennt er weitere Beispiele für baulichen Lärmschutz.

Welche Maßnahmen konkret in Blankenfelde-Mahlow umgesetzt werden, ist noch offen. „Uns ist es wichtig, sie gemeinsam mit den Anwohnern zu entwickeln. Nur dann werden sie auch angenommen“, sagt Brigitte Schulte-Fortkamp. Bereits während der ersten Gespräche vor Ort habe sich abgezeichnet, dass die Betroffenen sich nicht in der Rolle des Versuchskaninchens der Wissenschaftler wieder finden wollen. Sie müssen mit dem Krach leben. Seine Wirkung zu steuern, könnte dazu beitragen.

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