Zeitung Heute : Leben mit lebenslänglich

Es gibt kein Datum, das er in die Wand ritzen kann. Es gibt keinen Kalender, auf dem er die Tage bis zur Entlassung zählt. Nach seiner letzten Haftstrafe ist Jürgen Muth in Sicherungsverwahrung genommen worden. Und doch denkt er dauernd: Wann kann ich hier raus?

Jörg Schallenberg[Celle]

An einem sonnigen Julitag des Jahres 1973 nimmt sich der 22-jährige Jürgen Muth eine Pistole und geht zum Kiosk um die Ecke. Er ist restlos betrunken. Im Kiosk hält er der Frau hinter der Verkaufstheke die Waffe an den Kopf und verlangt das Geld aus der Kasse. Eine Maske trägt er nicht. Als die Frau zu schreien beginnt, läuft Muth weg. Die Polizei nimmt ihn wenige Minuten später fest. Die Frau im Kiosk hat ihn erkannt, schließlich kommt Jürgen Muth seit Jahren fast jeden Tag zu ihr. Er kauft dort im Hannoveraner Stadtteil Hainholz immer seine Zeitung und seine Zigaretten. Ein paar Häuser weiter ist er aufgewachsen.

Mehr als 30 Jahre später schüttelt Jürgen Muth, 52, die ganze Zeit den Kopf, als er diese Geschichte erzählt: „Blöder hätte ich mich nun wirklich nicht anstellen können. Aber das war aus dem Suff heraus, ich hab’ da überhaupt nicht nachgedacht.“ Das ist ihm später ständig passiert. Wenn er Probleme auf sich zukommen sah, dann soff er sie aus seinem Kopf raus. Den Rest des Denkens gleich mit. Jeden Morgen, wenn Muth aufwacht und die Gitterstäbe vor dem Fenster sieht, wird ihm das aufs Neue bewusst. Von den letzten 30 Jahren, rechnet er nach, hat er ungefähr 20 Monate in Freiheit verbracht. Im Moment sitzt Jürgen Muth auf sieben Quadratmetern in Zelle 41, Station I, Erdgeschoss der Justizvollzugsanstalt Salinenmoor bei Celle, Abteilung für Sicherungsverwahrte.

Eigentlich wäre Muth im Oktober wieder frei, denn als er 1994 in die Sicherungsverwahrung kam, war die auf zehn Jahre begrenzt. Doch 1998 wurde das Gesetz geändert, seitdem kann die Verwahrung auf unbegrenzte Zeit verlängert werden. Das Bundesverfassungsgericht hat das im Februar gerade wieder bestätigt und dabei noch einmal festgelegt, dass die unbefristete Verwahrung auch für Fälle vor 1998 gilt – mit der Begründung, sie sei keine Strafe, sondern ein Schutz der Gesellschaft vor möglichen weiteren Verbrechen. Das Bundeskabinett beschloss vor zweieinhalb Wochen einen Gesetzentwurf, der besagt, dass Sicherungsverwahrung künftig auch noch nach einer Verurteilung angeordnet werden kann, am Freitag wird es im Bundesrat um das Thema gehen.

Raus, Raubüberfall, wieder rein

Wer einmal in die „SV“ gekommen ist, weiß nicht, ob er jemals wieder rauskommt. Im Gegensatz zu allen anderen Strafgefangenen gibt es für die Sicherungsverwahrten kein Datum, dass sie sich an die Wand schreiben können, keinen Kalender, auf dem sie die Tage bis zur Entlassung zählen. „Die Ungewissheit macht einen mürbe“, sagt Muth, schaut in seiner Zelle von einer Wand zur anderen und sieht plötzlich uralt aus, „das ist das Schlimmste von allem. Du hast keine Zukunft mehr, nichts, wofür du planen kannst.“

Drei Jahre hat er für den Kiosk-Überfall bekommen, zwei abgesessen, dann wurde er auf Bewährung entlassen. Und war wenige Monate später wieder drin. Gefährliche Körperverletzung. So ging es immer weiter. Raus, ein Raubüberfall, wieder rein. Eine Körperverletzung mit Todesfolge findet sich in Muths Akten, zuletzt wurde er wegen schweren Raubes verurteilt. Da, sagt er, „hatte ich 3,65 Promille. Ich weiß bis heute nicht mal, ob ich was gemacht habe.“ Die Richter am Landgericht Hannover hatten jedenfalls genug und verurteilten ihn 1985 zu neun Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung.

Das Gesetz sieht dieses Wegschließen nach der Strafe nicht nur für Mörder oder Sexualtäter vor – die entscheidenden Voraussetzungen sind mehrere Verurteilungen zu Haftstrafen und große Wiederholungsgefahr. Ein paar Zellen neben Muth sitzt ein notorischer Betrüger, der noch nie einem Menschen etwas zuleide getan hat. Zumindest nicht mit körperlicher Gewalt. Noch aus der Haft heraus hat er in Hamburg 100 Zigarren allerfeinster Qualität geordert, zahlen konnte er natürlich nicht. Darüber schmunzelt selbst der Direktor, aber es gibt hier eben auch genug Mörder und, wie Muth mit aller Verachtung sagt, „Heckenschützen – na, Kinderficker eben“. In Salinenmoor sind alle Sicherungsverwahrten aus Niedersachsen und Bremen untergebracht, 23 Männer sitzen auf Station I. 300 Häftlinge sind es in ganz Deutschland.

Jürgen Muth wirkt so, wie man sich einen Knacki vorstellt. Tätowierungen, das meiste davon wird vom Hemd verdeckt, aber eine grüne Teufelsfratze, umrahmt von roten Flammen, ziert den einen Handrücken, zwei geschwungene Herzen, bei denen das Feld für den Namenszug bis heute leer geblieben ist, den anderen. Die halblangen, dunklen Haare und der Oberlippenbart könnten 1973 in Hannover modern gewesen sein, das karierte Flanellhemd und die schwarze Hose haben schon die eine oder andere Altkleidersammlung erlebt.

Ein wenig scheint es, als sei die Zeit im Gefängnis stehen geblieben. Dabei sieht Muth keinen Tag jünger aus als 52, bei Tageslicht im Gefängnishof wirkt er locker zehn Jahre älter. Das Eingesperrtsein, die Enge, Drogen und vor allen Dingen Unmengen von Kaffee und Zigaretten, die hier den einzigen legalen Luxus darstellen – kaum ein Häftling mit langen Strafen bleibt gesund. Früher hat Muth als Maler gearbeitet, jetzt leidet er neben allerlei anderem an Osteoporose, Knochenschwund. Würde er entlassen, dann ginge er sofort als Frührentner in Pension. So wie er mit gebeugtem Rücken über den Gang der Station schlurft, hält ihn niemand für bedrohlich. Und doch bleibt die Frage: Darf man Jürgen Muth überhaupt entlassen?

Er selbst findet natürlich: Ja! „Sehen Sie mich an, ich mach doch nix mehr.“ Dann dreht Muth eine Zigarette und brüht noch einen Instant-Kaffee auf. Die Teufelsfratze und die Herzen zittern. „Ich will hier nur raus, wissen Sie? Ich kenne kaum was anderes als das Leben hier drin, aber jetzt bin ich müde. In den letzten Jahren bin ich wirklich knastmüde geworden. Ich kann das nicht mehr.“ Man blickt sich in der tristen Zelle um, die neben dem schmalen Bett, dem Minibad und ein paar Schränken gerade noch Platz für zwei Stühle und einen Tisch bietet. Beinahe 30Jahre braucht es also, bis ein Mensch das nicht mehr ertragen kann.

Die Gardinen vor dem Gitterfenster sind zugezogen, die Neonröhre an der Decke ist an. An der Wand hängen Bilder von seiner Tochter Andrea. Sie kam drei Monate bevor Muth das erste Mal ins Gefängnis musste auf die Welt. Sie besucht ihn regelmäßig. Sonst sitzt er den ganzen Tag in der Zelle, schaut Fernsehen, liest, spielt Playstation, schläft – oder grübelt. Er denkt und denkt. Selbst im Gespräch denkt er eigentlich nur laut weiter. Er spielt seine Situation vorwärts und rückwärts durch. Was bringen die vielen Gutachten über ihn? Was denkt der Gefängnisdirektor? Was sagt der Psychologe? Im Kern drehen sich seine Gedanken nur um eine Frage: Wann kann ich hier raus?

Muth hat bereits seit drei Jahren Lockerung. Zunächst durfte er in Begleitung eine Therapiegruppe der Anonymen Alkoholiker in Celle besuchen, später einen Psychotherapeuten in Hannover, dann auch seine Tochter. Seit Januar 2004 ist es Muth erlaubt, alleine das Gefängnis zu verlassen. Es sah gut aus mit seiner Entlassung im Oktober. Und eigentlich war geplant, für diesen Artikel einen Tag mit Jürgen Muth draußen zu verbringen. Doch am Abend davor kam er mit einer Fahne zurück vom Ausgang. Ein Alkoholtest ergab 0,75 Promille. Alle Ausgänge sind vorläufig gestrichen.

Nun sitzt Muth in seiner Zelle und sagt: „Meine Güte, ich habe einen Grog getrunken! Ja, und? Es war arschkalt und ich musste in Celle auf den Bus warten. Ich war auch noch völlig erkältet. Was sollte ich da machen? Mir den Tod holen?“ Es ist Blödsinn, was Muth erzählt, und er weiß das ganz genau. Noch einen Tag später, die Stahltür öffnet sich wieder, kauert Muth auf seinem Bett und sagt: „Man denkt nicht nach in solch einem Moment. Man sollte es tun.“

Vor allem dann, wenn man sämtliche Taten unter Alkoholeinfluss begangen hat. In einem aktuellen Gutachten erklärt Muths Psychotherapeut, „dass ich Flucht und Missbrauchsgefahr für nicht sehr hoch halte, wenn der Patient auf seinen Ausgängen abstinent bleibt“. Jürgen Muth kennt das Gutachten. Er kennt seine Situation. Er weiß, dass es Alkoholkontrollen gibt. Es ist für einen Außenstehenden unfassbar, warum er seinen größten Wunsch, endlich das Gefängnis zu verlassen, wegen eines Grogs oder zweien aufs Spiel setzt.

„Herr Muth hat versagt“

Claudia Benter, Leiterin von Station I in Salinenmoor, wundert sich weniger: „Viele Gefangene hier denken, sie haben es schon geschafft, wenn sie Lockerung bekommen und regelmäßig zum Therapeuten oder zur Suchtgruppe gehen. Aber die wenigsten begreifen, dass es damit nicht getan ist. Sondern dass ihr Denken die Richtung ändern muss.“ Hin zur Einsicht, nach einer Entlassung draußen ein anderes Leben zu führen.

Was mit Jürgen Muth geschieht, darüber entscheidet jetzt die Leitung des Gefängnisses zusammen mit Psychologen, Gutachtern, Richtern und einem Anwalt. Es sieht nicht mehr so gut aus mit der Entlassung. Hartmut Huisgen, der Direktor der JVA Salinenmoor, bringt es auf den Punkt: „Herr Muth hat versagt. Er muss lernen, dass er keinen Schluck Alkohol mehr anrühren darf.“

Muths Bruder Erich saß auch im Gefängnis. Dreimal lebenslänglich wegen dreifachen Mordes. „Der hat ’ne Skatrunde aufgelöst“, sagt Muth, „und sich dann im Knast weggemacht. Der hat sich ’ne Plastiktüte über den Kopf gezogen. Ist doch klar, der wär ja nie mehr rausgekommen“.

Aber so etwas wird Jürgen Muth nicht tun. Schon wegen seiner Tochter, die auf ihn wartet. Vielleicht endet die Geschichte eines Schwerverbrechers, der über 30 Jahre im Gefängnis saß, einmal bei ihr. Da, wo alles anfing. Andrea wohnt in Hannover-Hainholz. Wenn sie ein paar Meter die Straße runterläuft, dann steht sie vor dem Kiosk, zu dem sich ihr Vater an einem sonnigen Julitag des Jahres 1973 aufmachte. Mit einer Pistole in der Hand.

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