Zeitung Heute : Leben nach dem Mord

400 Bewohner, zwei Tote und immer noch keine Erklärung: Tessin in Mecklenburg, ein Dorf voller Fragen

Verena Mayer[Tessin]

Der Ort, an dem sich Felix und Torben trafen, bevor sie zwei Menschen mit Dutzenden Messerstichen töteten, sieht aus wie ein riesiges Vogelhaus. Die Bushaltestelle in Tessin ist aus Baumstämmen gezimmert, mit einem Holzdach. Sie steht in einer Welt der Erwachsenen, einem schmucken Dorf mit freiwilliger Feuerwehr, Ententeich und einem Wirtshaus. Und den Träumen, die sich Erwachsene erfüllen: Einfamilienhäuser, Vorgärten, sauber gezogene Hecken.

Die paar Quadratmeter Bushaltestelle gehören dagegen den Jungen. Überall Flecken von ausgedrückten Zigaretten, auf dem Boden liegen Scherben von Bierflaschen, die Reste eines Samstagabends auf dem Dorf. Hier landen die Jugendlichen, wenn sie sonst nicht wissen, was sie machen sollen. Auch vorvergangenes Wochenende haben sie an der Bushaltestelle herumgestanden, Felix, Torben, Kevin, Alex, Sebastian, Jana, Eyleen. Sie haben geredet, gelacht, geraucht. Sebastian, Kevin und die anderen sind irgendwann nach Hause gegangen. Felix und Torben sind mit Eyleen die holprige Dorfstraße hinunter, vorbei am Wirtshaus und dem Bauernhof, aus dem es nach Rindern riecht und nach Mist. Beim letzten Haus auf der linken Seite haben die beiden 17-Jährigen geklingelt. Dann fielen sie Antje und Peter E. an.

Viele Schlagzeilen und Fernsehauftritte später weiß man noch immer nicht, warum. Jeden Tag kommen neue Details ans Licht, über den Charakter der Jungen, über ihren gutbürgerlichen Hintergrund. Dass es möglicherweise Streit zwischen Felix und dem Sohn der Opfer gegeben haben könnte. Ein Bild ergeben die Puzzlestücke nicht. Und das, was Felix und Torben sagen, sei ungereimt, heißt es bei der Staatsanwaltschaft.

Das Dorf hat sich indes gegen die Öffentlichkeit verrammelt wie gegen die Winterstürme, die derzeit über das Land fegen. Die Pastorin knallt die Türe zu, nicht einmal die Bürgermeisterin will sich mehr äußern. Von der Bluttat haben viele mitten in der Nacht erfahren. Reporter haben geläutet und 100 Euro für Fotos der Betroffenen geboten. „Geier“ nennen sie die Medien hier. Es tut gut, einen äußeren Feind zu haben. Gerade jetzt, wenn man nicht weiß, wie es im Inneren weitergehen wird.

Tessin in Mecklenburg-Vorpommern, 400 Einwohner, seit kurzem Synonym für ein bestialisches Verbrechen aus heiterem Himmel. Wie verstreute Bauklötze liegen die Dörfer in der Landschaft, geklinkerte Häuser, eine romanische Kirche, Bauernhöfe, Weiden mit gescheckten Kühen. Schleswig-Holstein ist nicht weit. Die meisten fahren zur Arbeit nach „drüben“, wie die Leute auch heute noch sagen, und viele von „drüben“ lassen sich hier nieder. Der Baugrund ist günstig.

Das propere weiße Fertigteilhaus, das sich Torbens Familie gebaut hat, liegt im Nachbarort Neu-Gülze. Torbens Eltern sind vor einigen Jahren aus dem Westen gekommen. Der Vater ist Beamter in einer Justizvollzugsanstalt, die Mutter arbeitet für einen mobilen Pflegedienst. Sie hat es doppelt schwer. Schlimm genug, dass ihr Sohn unter Mordverdacht steht. Doch seitdem er in Untersuchungshaft sitzt, fragen sich die Leute in der Nachbarschaft auch, ob sie sich „von so einer“ spritzen lassen sollen.

In dieser Gegend Deutschlands haftet das Etikett „zugezogen“ besonders gut. Erst recht, wenn etwas passiert. Auch Felix’ Familie stammt von außerhalb. Der Vater ist Betriebsratsvorsitzender in Hamburg, in der Freizeit macht er Folkmusik. Seine Frau ist Puppenspielerin, beide sind schon in Tessin aufgetreten.

Wenn man erwachsen ist, muss es schön sein, in Tessin zu leben, selbst für Zugezogene. Die Elbe ist nicht weit, es gibt Erntedankfeste, goldene Hochzeiten, eine Kirchengemeinde. Die Nachbarn sind hilfsbereit, auf der Straße fragen die Leute, ob sie einen mit dem Auto ein Stück mitnehmen sollen.

Das Leben von Jugendlichen ist weniger präsent. Ein wackeliger Basketball-Korb, ein Schuppen, auf den jemand „Tessiner Club“ gepinselt hat, dessen Türen aber verschlossen sind. Die Jugendlichen stehen in Grüppchen auf der Straße oder eben an der Bushaltestelle. Die Wände der Haltestelle sind vollgeschmiert mit krakeligen Kinderschriften. „Mir geht’s Scheiße“, steht da. Oder: „Julia, werd endlich mal erwachsen.“ Die Jungs tragen weite Jeans, die Mädchen kurze Jacken. Was man hier unternehmen könne? „Nichts“, sagt einer. Der letzte Bus in die Nachbardörfer fährt um 16 Uhr.

Manchmal treffen sie sich auch zu Hause, zum Quatschen, oder sie veranstalten WLAN-Partys zum Computerspielen. Wer alt genug ist, fährt ins nahe Boizenburg, kauft Wodka und braust davon, zum Feiern, nach Hamburg oder Rostock. Die Gymnasiasten Felix und Torben haben ihre Freizeit vor dem Computer verbracht, mit Spielen und Filmen. Beide hatten sie keine Freundin. Mitschüler beschreiben Torben als jemanden, der sich aufregen konnte, wenn ihm was nicht passte. Felix soll den anderen gerne gesagt haben, wo es langgeht. „Sie waren keine extremen Außenseiter, aber schon anders“, sagt ein Mädchen. Auf dem Gymnasium haben die Schüler nach der Tat bunte Zettel an die Wände gepinnt. „Warum?“ steht da. Oder: „Was seid ihr für Menschen?“

Fotos von Felix und Torben zeigen zwei kindliche Gesichter. An dem Abend der Bluttat haben sie zusammen „Final Fantasy VII – Advent Children“ geguckt, einen japanischen Animationsfilm, der aus dem gleichnamigen Computerspiel entwickelt wurde. Der Film ist für Zwölfjährige zugelassen. Es geht um einen Planeten, der durch den Kampf von Gut gegen Böse verwüstet wurde. Die Mächte des Bösen wollen wieder auferstehen, die Guten versuchen, das zu verhindern. Der Held ist ein strahlender junger Kämpfer mit blondem Haar. Er hat überdimensionale Schwerter, mit denen er am Ende alle anderen besiegt.

Angeblich haben sich Felix und Torben manchmal mit Namen aus „Final Fantasy“ angeredet. Bevor sie in jener Nacht loszogen, haben sie jedenfalls den Film geguckt, Eyleen war dabei. Felix und Torben fesselten sie und sperrten sie in einen Schuppen, dann zeigten sie ihr ein Messer. Im Fernsehen sagte Eyleen später, sie habe das für ein Spiel gehalten.

Immer wieder sollen Felix und Torben Dinge nachgespielt haben, Filme, Fernsehcomics. Jugendliche wollen gesehen haben, wie die beiden auf einer Wiese mit Stöcken Kampfszenen nachstellten. Auch Florian, der Sohn der Opfer, soll dabei gewesen sein. Felix und Florian kannten einander vom Fußball und von Geburtstagen. Florian ist 16, er geht auf die Förderschule. Felix soll derjenige gewesen sein, der bei ihnen den Ton angab. Florians Mutter hat sich vor einiger Zeit bei einer Freundin beklagt, dass ihr Sohn Probleme mache, bockig sei. Auch soll Florian eine Art Fallgrube ausgehoben und Stolperschnüre gespannt haben. Die Leute vermuten: für Abenteuerspiele mit Felix und Torben. Für eine jugendliche Parallelwelt. In der Schule sollen Felix und Torben gesagt haben, dass „in Tessin richtig was abgeht“.

Spekuliert wird viel. „Ich warte auf den Tag, wo mir einer sagt: Das ist der Grund“, sagt Norbert Stern, ein Mann mit silbergrauem Bart, kariertem Hemd und der Gelassenheit des langjährigen Pädagogen. Stern ist Direktor am Elbe-Gymnasium Boizenburg, der Schule von Felix und Torben. Geduldig beantwortet er Fragen. Wenn Journalisten jedoch versuchen, im Gymnasium Schüler anzusprechen, holt er die Polizei.

Im vergangenen Schuljahr haben Felix und Torben für zehn Schüler einen Computerkurs gegeben, freiwillig. Es ging darum, die Programmiersprache „Blitz Basic“ anzuwenden. Ansonsten erinnert sich Direktor Stern „an keine Besonderheiten“. Felix war gut in der Schule, Torben brauchte Nachhilfe in Englisch.

Im Nebenzimmer versucht Informatiklehrer Wolfgang Albrecht, sich einen Reim auf das Geschehen zu machen. Er fährt den Computer hoch, auf dem Bildschirm erscheinen die Spiele, die Felix und Torben mit den Schülern programmiert haben. Eines heißt „The Secret Gates of Aventerra“. Ein Männchen muss darin durch einen Zauberwald finden. Bei einem anderen ertönt Flötenmusik, ein Floß muss an Stromschnellen vorbeigesteuert werden. Eines Tages hätten Torben und Felix ihn gefragt, ob sie Ballerspiele programmieren dürften, erzählt der Informatiklehrer. Er ließ sich zeigen, was sie vorhatten. Es handelte sich um ein Spiel, bei dem Raketen auf Ufos zielen. „Kindlich“ nennt es Albrecht.

Manche behaupten, dass Felix und Torben am 13. Januar vorgehabt hätten, sich bei Florians Eltern ein Auto zu besorgen. Um nach Österreich zu fahren und dann nach Japan, dorthin, wo „Final Fantasy“ herkommt. Eine letzte Phantasie? Peter E. wurde mindestens 66 Mal in Arme, Rumpf und Kopf getroffen. Antje E. wurde so zugerichtet, dass ihr Gesicht nicht mehr zu erkennen war. Ihr Sohn Florian konnte sich verschanzen und rief dann die Polizei. Er ist jetzt bei seiner Großmutter in Niedersachsen.

„Kann mir jemand helfen“, heißt es in einem Internet-Forum, in dem sich Spieler über das Computerspiel „Final Fantasy“ austauschen. „Wie komme ich aus dem Wald bei ‚Final Fantasy X‘ raus? Irgendwie führen alle Wege wieder zusammen, wie ein Netz, und ich komme nicht raus.“ Es scheint, als hätten sich Felix und Torben auch in einem solchen Netz verheddert.

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