Zeitung Heute : Lebensader Elbe: Von Cuxhaven bis zum Riesengebirge - Porträt eines Flusses

Franz Lerchenmüller

1165 Kilometer lang, auf ihrem letzten Abschnitt die wohl meistbefahrene Schifffahrtsstraße der Welt, ein Mündungstrichter von 15 Kilometer Breite - das sind die Fakten: Die Elbe.

Aber ein Fluss ist immer mehr als eine Menge sich träg dahinwälzenden Wassers. Er schluckt Dreck und lockt Touristen, überschwemmt Land und erzeugt Fernweh, trennt die einen und verbindet andere - nicht ohne Grund spricht man von der "Lebensader" einer Region.

Die Elbe ist eine solche Lebensader - für die gebürtige Hamburgerin Karen Nölle-Fischer die interessanteste überhaupt. Gegen den Strom reist sie sie ab und berichtet, was sie sieht und was sich dahinter an Geschichte verbirgt: Vom Badebetrieb in Cuxhaven erzählt sie, von der Landgewinnung in Dithmarschen und den Fischern von Finkenwerder. In Wittenberg versucht sie, jene Stimmung aus "Strenge, Fleiß und Saturiertheit" zu fassen, in der Luthers Aufbruch möglich wurde, in Wörlitz durchstreift sie die Parks, und in Dresden schwärmt sie von der "einzigartigen Synthese von Stromlandschaft und urbanem Raum".

Kilometer um Kilometer erfährt sie Fluss und Ufer: Weltvergessene Auen, zerklüftete Sandsteinfelsen, weite Marsch; Eisgang und Fluten; Brückenschlag und Dammbau - ihre Begeisterung ist groß, aber nicht kritiklos und blitzt immer mal wieder wohl dosiert auf.

Den Menschen am Fluss nähert sie sich über die Werke der Schriftsteller; die Wanderung am Wasser wird auch zu einer Entdeckungsreise zu vergessenen Büchern. Hans Leip und Gustav Frenssen kommen zu Wort, Hans Henny Jahnn und Johann Heinrich Voß. Aber auch Nicolas Born, Siegfried Lenz und Helga Schütz schrieben davon, wie die Menschen am Wasser den Fluss prägten und vom Fluss geprägt wurden. Eine Reise in die Vergangenheit: Das Gespräch mit den Lebenden dagegen ist Nölle-Fischers Sache nicht. Hat sie sie nicht getroffen oder ihnen nur keine Beachtung geschenkt?

"Die Elbe" ist ein materialreiches, ausgezeichnet geschriebenes Buch, das sich soviel Zeit nimmt wie sein Gegenstand. Es reißt seine Leserinnen und Leser nicht mit sich fort, sondern trägt sie wie ein Schiff ruhig davon, lange, sehr lange, den Ursprüngen entgegen, bis zur Grenze nach Tschechien etwa. Ab dort, scheint es, ist die Autorin nicht mehr mit dem Herzen dabei. Gehetzt, fast atemlos geht es jetzt dahin, einer Pflichtübung nicht unähnlich - und erst an der Quelle des Flusses, im Riesengebirge, bei Rübezahl findet sie wieder zu sich. Doch das ist entschuldbar. Sie war lange unterwegs. Wir sind gern mitgereist.

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