Zeitung Heute : Lebensmittel frisch aus dem Abfalleimer

UDO POLLMER

Zukunft ist etwas, das meistens schon da ist, bevor wir damit rechnen.Sagt der Volksmund.Für unsere Ernährung trifft das zu: Zwar graust es dem deutschen Michel vor manipulierten Lebensmitteln aus anderen EU-Ländern.Aber kaum jemand in Europa schluckt mehr Imitate, nachgemacht nach allen Regeln der Kunst und des Lebensmittelrechts.Wir merken es nur nicht.Die Food-Designer haben ganze Arbeit geleistet.Ihre Kreationen sind nur noch an der Perfektion von ihren natürlichen Vorbildern zu unterscheiden.

Unlängst erregten sich deutsche Verbraucherschützer über die kulinarische Überfremdung unserer Küche durch Sojawurst.Ziemlich peinlich, daß die Sojawurst, gefärbt mit Blut, zuerst in Köln das Licht der Welt erblickte.Ihr Erfinder, ein gewisser Dr.Konrad Adenauer, bekam dafür in den zwanziger Jahren diverse Patente zugesprochen.Ihm ging es nicht um arglistige Täuschung, er wollte in den mageren Zeiten eines Weltkriegs eine Wurst mit "Friedensgeschmack".Damals konnten es Food-Designer noch bis zum Kanzler bringen.

In seiner Studie "Mensch und Ernährung 2000" sah das Unternehmen Nestlé bereits 1986 das Zeitalter der künstlichen Natürlichkeit" anbrechen.Es behielt recht.Kunststück mag mancher sagen.Schließlich bestimmt Nestlé maßgeblich, was auf den Tisch kommt."Künstliche Natürlichkeit" - das ist Natur aus zweiter Hand, Produkte speziell geschaffen für unsere verquere Vorstellung von "Natur".Angefangen hatte es in den Siebzigern mit den Käfig-Eiern.Ihr blasses Dotter wurde von Verbraucher- und Tierschützern zum "Beweis" für eine unnatürliche Haltung hochstilisiert.Also erforschte man, welche Dotterfarbe den Konsumenten als besonders "natürlich" erschien.Alsbald gab es je nach Käuferschicht eine breite Palette an Gelb-, Orange- und Rottönen, die man den Hühnern ins Futter mischte.

Die Produkte sollen aussehen "als ob", perfekte Illusionen von Lebensmitteln - nur bequemer, schneller, aromatischer.Die Fertigsuppe hat uns allen was vorgemacht.Mit ihr schaffen wir es sogar, Trockenerbsen in fünf Minuten "gar" zu kriegen.Und wie durch ein Wunder werden auch die Karottenkrümel und Nudeln zeitgleich weich.Für eine moderne Instant-Nudel braucht es schon einige Kunstgriffe: Mit Triebmitteln wird der Nudelteig aufgeschäumt, damit er bereitwillig das Wasser aufsaugt.Gleichzeitig bedarf es eines ausgeklügelten Vorkoch- und Trocknungsprozesses, damit die Stärke genau jene schnellquellenden Eigenschaften erhält, die einer echten Nudel völlig fremd sind.Versuchen Sie einmal angetrocknete Nudeln in warmes Wasser zu legen: Die Schweinerei wird wohl niemand mit Appetit verzehren.Der Inhalt eines Schnellkochnapfes hat mit einer richtigen Suppe ungefähr soviel gemeinsam wie ein Porsche mit einer Schubkarre.

Die technische Entwicklung zeigt uns, wohin die Reise geht.Aus der Kochkunst am heimischen Herd entstand das Kunstkochen im Labor: Hauptsache, es schmeckt - und ist billig.Das Meer gilt als Fundgrube preiswerter Rohstoffe.Fischarten, die sich so nicht verkaufen lassen, werden in einem Spezialverfahren zu Mus vermatscht, Surimi genannt, schließlich mit Zusatzstoffen versetzt, gefärbt und aromatisiert.Ausgeformt als Shrimps, Langusten oder Krebsfleisch landen sie im Meeresfrüchte-Cocktail.Solange Geschmack und Preis stimmen, mampft die Nation und macht zufrieden ihr Bäuerchen.

Momentan verdrängen künstliche Früchte die Originale - zunächst nur in Müsliriegeln, Gebäcken, Fruchtjoghurts und Eiscreme.Hergestellt aus Invertzuckersirup, Natriumalginat, Wasser und einem Konservierungsmittel mutieren sie durch Zugabe von Farbstoffen und Aromen zur gewünschten Frucht.Das Produkt hält der maschinellen Belastung während der Verarbeitung viel besser stand als seine empfindlichen Vorbilder.Die beliebige Austauschbarkeit der Rohstoffe ist längst Realität.Beispiel Molke: Einst billiges Schweinefutter, dann wertloser Abfall; heute gewinnt man daraus Ei-Ersatzstoffe, ja sogar Frischkäse-Imitate.Aus Wein läßt sich wieder "Traubensaft" erzeugen.Eine interessante Option für den nächsten Panschskandal, wenn der Handel auf seinen edlen Tropfen sitzenbleibt.

Der Appetit kommt beim Essen.Damit das auch in Zukunft so bleibt, gibt es Aromen.Die "natürlichen" werden zunehmend aus Schimmelpilzkulturen gewonnen.Schon bisher war die Branche wenig zimperlich in der Auswahl ihrer Rohstoffe: angefangen von den Sulfitablaugen der Papierfabriken zur Gewinnung von Vanillin, über die Überreste der Rauchgasreinigung zur Entwicklung von Flüssigrauch für "geräucherte" Wurst, bis hin zu chinesischen Menschenhaaren, aus denen der Cystein-Zusatz fürs Frühstücks-Brötchen gewonnen wird.Cystein sorgt für den frischen Brötchenduft, der unseren Bäckereien entströmt.Die Idee hat Zukunft: Cystein ist besser als natürlich - es ist nicht mal körperfremd.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier - er gewöhnt sich an alles.Die britische Brotfabrik Rank Hovis McDougall zähmte einen ehedem unerwünschten Schimmel, züchtet ihn in Gärkesseln und verwurstet den Inhalt nun zu Bouletten oder vegetarischem Brotaufstrich.Verkauft wird es nicht in der afrikanischen Sahelzone, sondern in den kulinarischen Wüsten Europas: Z.B.in England, wo es sich bereits als Schulspeisung etabliert hat.In den Startlöchern steht die Hoechst AG.Sie würde gerne Bakterien zu Kaffeesahne, Schmelzkäse, Backerbsen und Saucen verarbeiten, ja sogar zu Snacks "mit einer leichten bisquitartigen bis knusprigen Konsistenz".Die fleißigen Bazillen produzieren aus Methanol schneller Biomasse, als der hungrige Homo sapiens schlucken kann.

Eine optimale Technologie für Zeiten des Mangels - und das in Europa, wo jeden Tag Unmengen an Lebensmitteln weggeworfen werden, nur weil das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten wurde, obwohl sie noch völlig in Ordnung sind.Je größer der Überfluß, desto größer die Angst, zu kurz zu kommen.Blättert man im Internet oder den Katalogen für Nahrungsergänzungsmittel, fehlt den Deutschen so ziemlich alles, was im Fast Food sowieso drin ist.Auch hier soll der Natur auf die Sprünge geholfen werden, um den vermeintlichen Mangel, der durch allzu künstliche Nahrung entsteht, auszugleichen.

Viele Vitamine sind spottbillig und werden mit enormen Gewinnspannen verkauft.Bisher dienten sie vor allem dazu, Lebensmittel haltbar zu machen, die Maschinenfreundlichkeit zu erhöhen oder ein appetitliches Aussehen zu schaffen.Wer Fertigprodukte ißt, hat davon mehr als genug.Nun diagnostizieren Frauenzeitschriften und Bodybuilder-Postillen ihrer Gemeinde einen "subklinischen Mangel" und empfehlen die sündteuren Präparate gegen Unsportlichkeit, Haarspitzenkatarrh und Cellulitis.

Unübersehbar wird in der Zukunft das Angebot an Krankheits- und Fitneßkost für Stuhlverstopfte und Postinfarktler, für allergische Katzen, lernunwillige Vorschüler, ausgemästete Schleifbauch-Dackel und Senioren, die sich im Reformhaus das ewige Leben erkaufen wollen.Selbst der genießerisch veranlagte Hochdruckpatient darf hoffen.Wer trotz seiner Krankheit Salziges ißt, auf den warten deftige Fertiggerichte mit imprägnierten Algenextrakten.Sie fangen nach dem Gaumenkitzel das Kochsalz im Darm ab.Die Konkurrenz wirbt für "natürliche Butyrate".Sie sollen, so die Patentinhaber, die allergene Wirkung der Zutatenliste im Darm unterdrücken.E-Nummern-Genuß ohne Reue.

Mit Nahrungsergänzungsmitteln werden heute Milliarden umgesetzt, mit steigender Tendenz.Es ist alles dabei was nutzlos und billig ist: Angefangen von Abfällen der Lebensmittelwirtschaft, über Zwischenprodukte der Chemieindustrie bis hin zu Vormischungen aus der Schweinemast ist darin einiges vertreten, was ehrbare Kaufleute guten Gewissens eher der Kloschüssel überantworten würden.Darin sind andere schon fündig geworden: Denn gewisse Bakterien, die probiotischen Joghurts zugesetzt werden, sind Fäkalkeime.Den Kunden stört es wenig, er glaubt den gesundheitlichen Wert am Geschmack zu erkennen.

Die Wissenschaft steckt ihre Nase immer tiefer in den Abfalleimer.Motor dieser Entwicklung sind die steigenden Deponiegebühren.Da man die Schalen der Shrimps aus Gründen des Umweltschutzes nicht einfach wegkippen kann, entstand daraus der vermeintliche "Fettbinder" Chitosan - zum Preis von Kaviar."Ein Meilenstein in der Verdummung der Übergewichtigen", schrieb das Berliner Arzneitelegramm.Wer will, kann die Apfelbutzen, die bei der Produktion von Convenience-Apfelstückchen anfallen, zu Trübungsmitteln verarbeiten,eine entscheidende Zutat "naturtrüber" Apfelsäfte! Obst-und Gemüsetrester verwandeln sich in "Vitalstoff"-Pillen voller "wertvoller Sekundärstoffen aus Wein, Tomaten und Soja".Die Rohstoffe der Extrakte sind die Abfälle aus Weinkellern, Ketchupfabriken und Margarinewerken.So nähert sich unsere Ernährung in gewisser Hinsicht den Gepflogenheiten in den Favelas am Rande von Mexico Stadt an, deren Bewohner auf den Müllkippen nach Eßbarem suchen.

Auch wenn wir seit Jahrzehnten wie die Made in Speck leben, sollten wir uns bewußt sein, wie labil unser Wohlstand ist.Schon jetzt reichen die globalen Getreidevorräte keine zwei Monate.In den nächsten 20 Jahren werden soviele Nahrungsmittel benötigt, wie in den letzten 10 000 Jahren zusammen.Die höchste Pro-Kopf-Getreide-Ernte war 1984 erreicht.Derzeit wächst die Population jährlich um 1,5 Prozent, die Getreideproduktion nur um 0,5 Prozent.Um wenigstens das jetzige katastrophale Niveau - es hungern derzeit 900 Millionen Menschen - zu halten, muß die Weltgetreideproduktion von zwei auf drei Milliarden Tonnen wachsen.

Zwar steht dem Weltbürger rein rechnerisch pro Tag immer noch fast ein Kilo Getreide zur Verfügung, es wird ihm künftig jedoch nicht reichen.Er verlangt genau wie der Deutsche weniger nach Müsli, sondern vor allem nach Fleisch und Tiefkühlkost, nach Snacks, Babynahrung, Hamburgern und Cola.1995 hat die Fleischproduktion in den Entwicklungsländern erstmalig die Produktion in den Industrienationen überflügelt.Vor allem Asien ist Motor dieser Entwicklung.Die vielzitierte Schale Reis genügt schon lange nicht mehr.

Hier könnten sich die geschmähten Imitate eines Tages als Joker entpuppen.Egal ob Surimi, Soja oder Schimmel: Sie erlauben uns Rohstoffe beliebig auszutauschen - und sie ermöglichen der Menschheit, neue Nahrungsquellen auszuschöpfen.Die Gentechnik ist die logische Fortsetzung.Sie realisiert das Konzept der "künstlichen Natürlichkeit" auf ihre Weise.Die Natur wird nicht mehr nachgeahmt, sondern als Produktionssystem genutzt.Die Folgen kennt niemand.Aber was folgt, wenn wir die technischen Möglichkeiten nicht nutzen, läßt sich mit den gleichen Schreckensszenarien ausmalen, wie es derzeit ihre Gegner tun.

Natürlich ist die Gentechnik nicht angetreten, um Hunger und Elend vom Antlitz dieser Erde zu tilgen.Zu essen bekommen nur die, die es auch bezahlen können.Aber aus reinem Gewinntrieb werden die Unternehmen den Ertrag ihrer Sorten steigern, ihnen Eigenschaften verleihen, die einen Anbau auch unter ungünstigen Bedingungen lukrativ machen.Die Nutznießer leben nicht nur in den reichen Ländern.Solange Überschüsse produziert werden, bleiben die Nahrungsmittelpreise auf dem Weltmarkt niedrig - die beste Versicherung gegen den Hunger.Wird Weizen oder Soja knapp, beginnt die Spekulation.Längst vergessen geglaubte Teuerungen vergangener Jahrhunderte stehen dann wieder ins Haus.Der Kampf gegen den Welthunger ist sicher nicht das Ziel der Gentechnik.Es ist ein Nebeneffekt, der in Kauf genommen wird.

Solange wir es uns leisten können, wird im Europa der Trend zu mehr Convenience und damit auch zu mehr "Kunstprodukten" anhalten.Zur Beruhigung unseres schlechten Gewissens winken Nahrungsergänzungsmittel.Ihre Wirkung erzielen sie ausschließlich über einen ausgeprägten Wunderglauben, geradeso wie der mittelalterliche Ablaßhandel: Wer sich Angst einjagen läßt durch die Androhung von Höllenqualen, darf sich von seinen vermeintlichen Eßsünden freikaufen.Wir kaufen nicht Nahrung für den Körper, sondern für unsere Illusionen, Marotten und Leidenschaften.Wenn sie eines Tages knapp wird, dann werden wir gerne auch wissentlich die geschmähten Surimi, Schimmelburger und Sojawürste essen, nur um satt zu werden.Und es könnte sein, daß wir auf die "künstliche Natürlichkeit" noch einmal mächtig stolz sind.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar