Lebensmittelpatente : Verrückt nach Linda

Festkochend und buttrig im Geschmack – viele halten sie für Deutschlands Kartoffelkönigin. Jetzt soll sie verschwinden. Ein Streit

Ariane Bemmer[Lüneburg]

Es geht um zwei Männer. Sie streiten um Linda. Der Ton ist rau. Der eine will Linda vernichten, der andere will sie retten.

Jörg Renatus gießt sich blassroten Tee aus der Thermoskanne in die Tasse, die Kanne hat er aus seinem Büro mitgebracht, das Gespräch findet im Konferenzzimmer statt. Renatus, 43, groß und schlank, schmale Brille und norddeutscher Akzent, ist Kartoffelkaufmann. Seit drei Jahren leitet er als Geschäftsführer die Firma Europlant in Lüneburg, Marktführer in der Kartoffelzüchterbranche, Europlant ist ein Zusammenschluss von elf Unternehmern. Er ist der, der Linda vernichten will. Er setzt sich und sagt, ihm höre ja sowieso keiner zu.

Keine 50 Kilometer weiter südlich, nahe Uelzen, erhebt sich grau und mächtig ein altes Gehöft im Nieselregen. Hier wohnt der Gegner. Vor dem Wohnhaus liegt Spielzeug im zertretenen Grün. Auf dem Kopfsteinpflaster steht ein Lieferwagen, die Hecktür ist geöffnet. Karsten Ellenberg und ein Kunde hieven Säcke ins Innere. Ellenberg ist Bio-Kartoffelbauer, er züchtet auch selbst und lebt vom Versandhandel. In den Säcken sind Kartoffeln, Sorte: Linda. Zum Essen oder zum Pflanzen? Der Kunde guckt zu Ellenberg. Ellenberg schweigt. Eine delikate Frage.

Linda soll verschwinden. Dabei ist Linda eine gute Kartoffelsorte – eine Premiumkartoffel. Kartoffeln sind paradoxe Wesen: nach oben schön, mit zierlicher Pflanze und trichterförmigen Blüten, nach unten hässlich, eine staubige unförmige Knolle. Die Pflanze selbst ist giftig, sie enthält Solanin, ein Stoff, der zur selben Gruppe gehört wie Heroin. Die Knolle aber ist essbar, in ihr stecken auch Vitamine und Mineralstoffe, und dann ist die Knolle auch Saatgut.

Linda ist im Kartoffelvokabular festkochend, gelbfleischig und buttrig im Geschmack. Darüber zumindest sind die Kontrahenten sich einig. Über alles andere streiten sie, das fängt schon bei Lindas Marktwert an. Bauer Ellenberg sagt, jeder zweite Biobauer in Norddeutschland pflanze Linda. Renatus sagt, Lindas Marktanteil liege bei 1,4 Prozent. Seine Firma Europlant besitzt die Rechte an Linda. Bisher hatten Ellenberg und alle anderen Kartoffelzüchter ihre Linda-Saatkartoffeln bei Europlant kaufen müssen. Aber nun hat Europlant die Marktzulassung der Kartoffel abgemeldet – und ohne so eine Zulassung darf niemand die Knolle „vermehren und in den Verkehr bringen“. Das heißt, dass auch Ellenberg seine Lieblingskartoffel jetzt nicht mehr pflanzen und verkaufen darf. So steht es im Saatgutverkehrsgesetz.

Ellenberg findet das skandalös. Er nennt Linda „die Königin der deutschen Kartoffel“ und will für sie kämpfen. Deshalb hat er „Rettet Linda“ gegründet, eine Protestbewegung. Er sagt, die Kunden seien verrückt nach Linda. Außerdem ist sie für ihn die Haupteinnahmequelle. Und er steht nicht allein. Die Verbraucherzentrale Hamburg unterstützt ihn in seinem Kampf. Es gab schon eine gemeinsame Aktion in einer Fußgängerzone, und im Radio und in den Zeitungen wird berichtet, sogar aus Ungarn hätten Leute angerufen, um ihn zu unterstützen. Auch die Schauspielerin Veronika Ferres wolle sich für Linda einsetzen, sagt Ellenberg.

Was den Bauern besonders ärgert, ist der Zeitpunkt der Abmeldung. Das hängt mit der komplizierten Kartoffelbürokratie zusammen: Hat ein Züchter eine neue Sorte entwickelt, meldet er die beim Bundessortenamt in Hannover an. Ist die Knolle besser als die Kartoffeln, die es schon gibt, erhält sie eine Marktzulassung, die alle zehn Jahre erneuert werden muss. Es gibt in Deutschland 209 Kartoffelsorten. Sie sind alle registriert in der aktuellen Liste des Bundessortenamts, die jedes Jahr ein bisschen länger ist, als die davor, weil pro Jahr mehr Sorten an- als abgemeldet werden. Der Züchter kann bei der Zulassung auch den so genannten Sortenschutz beantragen, der ihm 30 Jahre lang garantiert, dass nur er das Saatgut für diese Sorte verkaufen darf. Danach erlischt der Schutz – und dann kann jeder die Sorte züchten. Für Linda wäre der Sortenschutz im Dezember 2004 abgelaufen. Aber: Noch bevor es dazu gekommen ist, hat Europlant die Zulassung der Knolle zurückgezogen. Schon drei Wochen vorher, am 12. November. Ellenberg findet das berechnend und selbstsüchtig: Der Grund für Europlants Aktion, sagt er, sei, dass Europlant in diesem Jahr eine andere Kartoffel, Belana, groß herausbringen wolle. Da wäre Linda nur Konkurrenz. Also hat der Biobauer gehandelt. Am 10. Januar hat er die Marktzulassung für Linda neu beantragt. So was gab es noch nie.

Ellenberg, 42, ist ein bulliger Typ, wikingerhaft mit rotblondem Haar und rissigen Händen, „ich bin mit Kartoffeln groß geworden“, sagt er. Das Gehöft, auf dem er mit Frau und zwei Kindern lebt, ist seit 200 Jahren im Besitz seiner Familie. Am Gewächshaus steht draußen „Kulturwerkstatt“ dran, drinnen baumelt eine rosarot gestreifte Hängematte zwischen zwei Pfeilern. Da liegt der Bauer manchmal und guckt den Kartoffeln beim Wachsen zu. Ellenberg hätte die Welt gerne etwas heiler. 1990 hat er auf Bio umgestellt, und das war auch politisch gemeint. Er ist gegen Großbauerntum und Monokultur und für Vielfalt im Kleinen. Und nun soll er Belana pflanzen? „Das lasse ich mir doch nicht diktieren von irgendwelchen Mächtigen“, sagt er. Ellenberg, der romantische Rebell.

Zwischen den Gegnern liegt weites Kartoffelland. Von Uelzen bis nach Lüneburg kann man über schmale Straßen fahren, die von Birken gesäumt sind und Kreuzen, die an Unfalltote erinnern. Vor den Höfen hängen Schilder: „Kartoffeln vom Erzeuger“. Und „Hela“ oder „Cilena“. Die wachsen gut im Heideboden. Das sind frühe Sorten. Linda wird ab Ende Juli geerntet.

Der blassrote Tee ruht still in der Tasse. Draußen fegt der Wind über Lüneburg und rüttelt an den Autos, die auf der zweispurigen Straße an der Europlant-Niederlassung vorbeifahren. „Königin der Kartoffel!“, Jörg Renatus kann das gar nicht hören. „Das ist doch Schnickschnack hoch drei.“ Da, der Firmenchef springt auf, um den Beweis zu holen, den Bericht vom jährlichen Kartoffeltestessen der Landwirtschaftskammer Kiel. Da hatte Linda von zwölf verkosteten Sorten als Zweitschlechteste abgeschnitten, vorne lag die Octavia, im Mittelfeld die Belana. Die Kieler haben Linda immerhin mit anderen Premium-Kartoffeln verglichen, sagt Renatus, nicht mit ordinären Discountknollen. Und außerdem: der Wurmbefall, Linda kränkelt da leicht. Linda war verbesserungsfähig, sie wurde verbessert, die verbesserte Linda heißt Belana. Wo ist das Problem? Was Ellenberg da mache, sei doch Ideologie. Renatus vergleicht Kartoffeln mit Autos, bei ihm geht es um Leistungsfähigkeit und Strategien. Renatus, der Sachliche.

Er bestreite ja gar nicht, dass Europlant Geld verdienen will, sagt er. Aber in erster Linie wollten sie den Markt schützen. Deshalb hätten sie Linda abgemeldet. Sie hätten nämlich gemerkt – „das ist ja eine kleine Branche“ –, dass es viele Kartoffelbauern gibt, die Linda nach dem Ablauf des Sortenschutzes gerne nachzüchten würden. Aber das hätte Überproduktion und Preisverfall zur Folge, sagt Renatus, zum Schaden für alle seriösen Züchter. Legt Ellenberg seinen Kunden nicht Zettel in ihre Kartoffelpakete, auf denen steht, wie man Linda anbauen kann? Ein Europlant-Mitarbeiter hat sich mal so ein Paket an die Privatadresse bestellt. Renatus sagt: „Wir sind ja nicht doof.“

Kartoffeln sind kein einfaches Geschäft. Renatus erzählt von der langwierigen Arbeit des Züchtens: Gut zehn Jahre dauert es, bis eine Sorte reif ist, um beim Bundessortenamt angemeldet zu werden, rund 1,5 Millionen Euro hat das den Züchter bis dahin gekostet. Und dann sei die Zulassung ja nicht mal garantiert. Denn das Amt prüft ziemlich genau, mehr als 30 Eigenschaften, darunter Knollenzahl und Reifezeit, Neigung zu Hohlherzigkeit, Zwiewuchs oder Rohverfärbung, Resistenzen gegen Krebs und Würmer, Anfälligkeiten für Schwarzbeinigkeit, Krautfäule oder Schorf, Übergrößen, Untergrößen, Formschönheit, Augentiefe, Kochdunkelung, Fleischfarbe und Mängel im Geschmack.

Auch innerhalb von Europlant war die Entscheidung, Linda vom Markt zu nehmen, umstritten. Die Firma des Linda-Erfinders Friedrich Böhm gehört zu Europlant. Böhm ist zwar lange tot, aber alte Mitarbeiter von damals wollten ihre Knolle nicht sterben sehen. Das hat was mit Gefühl zu tun. Das versteht Renatus schon: „Das ist ja wie ein Kind, das man großgezogen hat.“ Aber man habe sich am Ende den „Marktargumenten“ gebeugt, sagt er. Man kann sich vorstellen, dass Druck gemacht wurde. 40 Millionen Euro Umsatz macht Europlant pro Jahr – Gewinn minimal, laut Renatus. Und der Kartoffelmarkt schrumpft.

Und so wird der Kampf immer härter. Ellenberg wirft Europlant vor, die Bauern abzuzocken, Europlant kontert, er sei ein Trittbrettfahrer, der mit Linda ein schnelles Geschäft machen will.

Die Bürokraten vom Bundessortenamt hängen zwischen den Streitenden und ringen mit ihren Vorschriften. Obwohl die Deutschen Linda schon seit 30 Jahren essen, muss Bauer Ellenberg mit seiner Neuzulassung den gesamten Parcours absolvieren. Er setzt darauf, dass man nicht allzu pingelig sein wird – aber nicht nur. Zur Not könne er Linda ja auch in Finnland anmelden, sagt er, und dann als EU-Sorte in Deutschland verbreiten.

Der Kartoffelstreit ist noch lange nicht zu Ende. Ab August kommt die Belana-Ernte auf den Markt. Renatus hofft auf den aufgeklärten Kunden, der sich seinen Argumenten nicht verschließt. Linda wird es noch zwei, drei Jahre geben, bevor die gerade noch verkauften Saatknollen verbraucht sind. So lange hofft Ellenberg wiederum auf den treuen Kunden, der zur Königin der deutschen Kartoffel hält.

Die Fachpresse steht derweil ratlos vor der Sache mit Linda. Europlant habe für die Kartoffel im Allgemeinen „das beste Marketing der letzten Jahre“ gemacht, mehr fällt dem Marktkommentator im „Hansa-Terminhandel“ nicht ein.

Es ist der einzige Satz im ganzen Streit, dem beide Kontrahenten zustimmen.

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