Lebensräume : Amüsement im Stadtschloss

Der Tiergarten wird 2050 zugebaut sein. In einer Welt mit zehn Milliarden Einwohnern muss man zusammenrücken. Statt weitläufigen Grünflächen gibt es winzige Gärtchen, wo man zur besseren Durchblutung barfuß über spitze Steine läuft. Statt raumverschwendenden Sportarten wie Joggen oder Fußball übt man Tai Chi. Bei wachsender Bevölkerung werden historische Stadtviertel knapp. Man muss das Geschichtserleben daher effizienter gestalten. Shanghais Xintiandi-Bezirk weist hier auf die Potenziale für das Nikolaiviertel hin. Dort errichtete man auf einer zuvor nahezu abgeräumten Fläche einen Vergnügungsbezirk mit historischem Flair. Die Shanghaier Version ist jedoch deutlich glamouröser und ein Magnet auch für Einheimische. Kein Wunder: Wo Berlin mit Nebenwohnsitzen längst verstorbener Dichter zu punkten sucht (Lessinghaus, Fontane-Apotheke), zeigt Xintiandi einen epochalen Ort: das Gebäude, in dem sich die Kommunistische Partei Chinas zu ihrer ersten landesweiten Versammlung traf. So viel Geschichtlichkeit kann man in Berlin nur mit einem nachgebauten Stadtschloss toppen. Wenn man das nur in fünfzig Jahren nicht wieder abgerissen hat ...

Florian Urban (37)

ist Gastprofessor für Neueste Geschichte mit Schwerpunkt auf der Geschichte von Architektur und Städtebau. Er forscht am „Center of Metropolitan Studies“ der TU

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