Zeitung Heute : Leerer Bauch, langes Leben

Dr. Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Radikale zähmen

Hartmut Wewetzer

Es war eine Entdeckung, die in die Geschichte der Alternsforschung eingehen sollte. 1934 machten die Wissenschaftler Clive McCay und Mary Crowell von der New Yorker Cornell-Universität eine denkwürdige Beobachtung. Laborratten, die sie kalorienarm ernährten, lebten bis zu doppelt so lange wie Tiere, die ausreichend gefüttert wurden. Voraussetzung war, dass die Nager ausreichend lebenswichtige Spurenelemente und Vitamine bekamen.

Bei anderen Tieren bestätigte sich das. Schlussfolgerung? Willst du lange leben, verzichte auf einen satten Bauch. Es ist wie im Grimm’schen Märchen vom „Gevatter Tod“, der von einem findigen Arzt um „sein Eigentum“, die Toten, betrogen wird. In einer unterirdischen Höhle zeigt der Gevatter Tod dem Arzt die Lebenslichter der Menschen. Einige sind noch lang, andere schon kurz vor dem Verlöschen. Magere Zeiten lassen den Stoffwechsel auf Sparflamme brennen – die Lebenskerze geht später aus.

Ganz unmärchenhaft gesprochen sind es biochemisch aggressive Stoffwechselprodukte, die „freien Radikale“, die den Zellen zusetzen und die Erbsubstanz anknabbern. Sie sind es, die die Kerze schneller brennen lassen. Je weniger Kalorien man auf der anderen Seite zu sich nimmt, umso weniger „freie Radikale“ werden gebildet. Und umso geringer sind die Zellschäden.

Zumindest in der Theorie. Denn die Ursache des Alterns ist noch immer Gegenstand heftiger Diskussionen. Ungeklärt ist auch, ob sich die Ergebnisse der Tierversuche einfach so auf den Menschen übertragen lassen. Es existiert bislang kein eindeutiger Beweis dafür, dass das Prinzip „Iss die Hälfte, leb doppelt so lange“ auch für uns Menschen zutrifft.

Aber es gibt immerhin Hinweise. Vor kurzem veröffentlichten amerikanische Wissenschaftler um Eric Ravussin von der Louisiana State University in Baton Rouge eine Studie im Fachblatt „Jama“, in der sie untersuchten, wie sich eine sechsmonatige „Hungerkur“ auf Übergewichtige auswirkte. Die Versuchspersonen nahmen ein Viertel weniger Kalorien zu sich oder gingen noch mehr auf Diät.

Wer Diät hielt, dessen Körpertemperatur sank ab, genauso wie der Spiegel des Hormons Insulin. Beides gilt als Hinweis auf Langlebigkeit. Auch kreiste weniger Schilddrüsenhormon im Blut, und Schäden an der Erbsubstanz wurden seltener beobachtet. Diese Ergebnisse sind erfreulich, aber kein endgültiger Beweis, wie auch die Forscher selbst zugeben. Sie wollen ihre Arbeit nun ausweiten und eine Untersuchung über zwei Jahre beginnen.

„Natürlich hat es Vorteile, wenn man sein Übergewicht abbaut“, sagt Joachim Spranger, Hormonexperte an der Berliner Charité. „Aber es gibt Grenzen.“ So kann es für die Gesundheit problematisch sein, wenn man zu viel abnimmt. Plötzlich kehrt sich der erwünschte Effekt in sein Gegenteil um, und man bringt sich durch Hungern in Gefahr. Ganz abgesehen davon, dass ein ständiger Verzicht auf Kalorien den meisten Menschen ohnehin mehr als schwer fallen dürfte. Womit wir bei einer Grundregel für unsere Gesundheit sind: alles in Maßen.

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