Zeitung Heute : Lehmbauten und Müllmonster

Umwelterziehung ist eine unverzichtbare Aufgabe, wissen Pädagogen – und lassen sich einiges einfallen

Alva Gehrmann

Borstel steht direkt vor dem Tor und grunzt. Er wird von vier Mädchen beobachtet. Die überlegen, ob sie das Tor öffnen sollen. „Kommt rein, das Schwein tut euch nichts“, sagt Ulrike Homuth, sie ist pädagogische Mitarbeiterin des Moritzhofes. Die Mädchen öffnen langsam das Tor, gehen zögerlich rein. Borstel grunzt noch zwei Mal, dreht sich um und trottet gemächlich über den Hof.

Die Jugendfarm Moritzhof im Mauerpark ist ein Treffpunkt für die sechs bis 16-Jährigen. Hier können sie spielen, sich austoben und Tiere kennen lernen. Jedes Tier hat einen eigenen Namen: Da gibt es das Kaninchen Frau Krüger, die Ziege Flöckchen, das Schaf Dörte und eben Borstel.

Die zehnjährige Anne hat hier keine Berührungsängste, sie ist Stammgast auf dem Hof. Gerade widmet sie sich den Meerschweinchen. „Bei all dem Spaß mit den Tieren, sollen die Kinder hier auch lernen, dass man sich um ein Tier kümmern muss“, sagt Ulrike Homuth. Sei es den Stall zu reinigen oder die Tiere zu füttern. Die Fütterung ist täglich um 17 Uhr. „Dann kommt immer noch mal ein ganzer Schub von Kindern und Jugendlichen.“

Auf dem Moritzhof lernen die Kinder, Verantwortung zu übernehmen – für die Tiere ebenso wie für den eigenen ökologischen Garten. Dort haben sie Tomaten, Zucchini und Kräuter gepflanzt. Außerdem steht jeden Tag noch ein weiteres Angebot auf dem Wochenplan: Töpfern, Filzen, Brot backen oder wie an diesem Tag Lehmbau.

Seit einiger Zeit bauen die Pädagogen gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen ein Lehmhaus – es wird der neue Kaninchenstall. Wie macht man Lehm? Und woraus besteht er? Die Kinder lieben es im Lehm herumzumantschen. „Im Prinzip bringen wir ihnen die alten Handwerke und Gewerke nahe“, sagt die 31-jährige Pädagogin.

Nebenbei lernen die Kinder noch Naturkreisläufe kennen. Zum Beispiel, wenn der Kleingärtner auf den Moritzhof kommt und sich Pferdemist mitnimmt. „Den Mist finden die Kids am Anfang immer eklig, wir erklären ihnen dann aber, dass dadurch die Blumen und Pflanzen besser wachsen.“ Auf dem Land weiß das jedes Kind, in der Stadt lernen sie es zum Beispiel auf dem Moritzhof, einem Projekt der Kinder- und Jugendfreizeitarbeit.

Selbstständiges Beobachten, Entdecken und Experimentieren soll an Orten wie diesem gefördert werden, denn dadurch wird auch der persönliche Bezug der Kinder und Jugendlichen zur Umwelt gestärkt. Das ist die Idee der so genannten „Grünen Lernorte“ – der außerschulischen Bildungseinrichtungen im Bereich Umwelt und Natur.

Die Jugendfarmen und Kinderbauernhöfe gehören ebenso dazu, wie Freilandlabore, Naturschutzzentren oder Lehrpfade und Wanderwege. Zum Beispiel am Tegeler Fließ. Der ermöglicht spielerisches und studierendes Umweltlernen für Schüler aber auch schon Kinder im Kindergartenalter. Was zum Beispiel im und am Wasser lebt, lässt sich vor Ort – in der Natur – besser erkunden als im Klassenzimmer oder in der Kita.

Umwelterziehung findet aber auch zunehmend in der Schule statt. Im Schulgesetz für das Land Berlin steht, dass „ökologische Bildung und Umwelterziehung“ Aufgabengebiete sind, die fachübergreifend unterrichtet werden. Sei es in Biologie, Erdkunde, Sachkunde oder in Chemie – in allen Fächern kann zum Beispiel über Recycling gesprochen werden.

Auch im Französisch-Unterricht, sagt Johann-Wolfgang Landsberg-Becher, von der Beratungsstelle für Umweltbildung des Berliner Landesinstituts für Schule und Medien (LISUM). „Etwa wenn ein Text übersetzt werden soll, in dem sich die Franzosen über das Recycling-System der Deutschen mokieren. So lernen Schüler nebenbei wie unterschiedlich innerhalb Europas das Thema diskutiert wird.“

Ein anderer Aspekt ist, wie das Schulleben gestaltet wird. Landsberg-Becher ist auch Lehrer, er unterrichtet am Dathe Gymnasium in Friedrichshain unter anderem Biologie und Chemie. Gerade erst haben einige seiner Schüler eine „Schulfirma“ gegründet, die auf dem Hof umweltfreundliches Papier verkauft – „und zwar günstiger als in vielen Schreibwarenläden", sagt Landsberg-Becher.

Die Idee Mitschülern Alternativen anzubieten, fördert auch Greenpeace Kids. Auf einer eigenen Kinder-Website werden die Umweltaktivisten von morgen ausgebildet. Hier gibt Greenpeace Tipps, wie man am „Tatort Schule“ Energie sparen oder Müll vermeiden kann. „Verpasst eurer Schule eine Müll-Diät“, schreiben sie auf der Website und geben Aktionsvorschläge.

So könne man die Mitschüler in den Pausen mit Flugblättern informieren, einen Infostand in der Pausenhalle aufbauen oder durch kleine Aktionen – wie einem gebastelten Müllmonster oder einem bunten Vorhang aus Dosen – die Mitschüler neugierig machen. Johann-Wolfgang Landsberg-Becher findet bei allen Projekten der Umwelterziehung wichtig, dass in den Aktionen und außerschulischen Einrichtungen nicht gegen etwas, sondern für etwas gekämpft wird.

Zur Jugendfarm Moritzhof kommen auch regelmäßig Schulklassen. „Es gibt wirklich einige Kinder, die noch nie eine Ziege gesehen haben“, sagt Pädagogin Homuth. Für die Schulgruppen wird häufig ein Quiz veranstaltet. Eine Frage ist zum Beispiel: Welches Tier frisst was? Wenn die Schüler es nicht wussten, dann lernen sie dort, dass Schweine Allesfresser sind und Pferde sich vor allem von Gras ernähren.

Die an den Hof angrenzende Wiese ist die Weide für einige der Tiere, hier finden sie ihr Gras. Damit das nicht zu sehr platt gedrückt wird, dürfen die Kinder und Jugendlichen dort nur selten spielen. Anne, einer der Stammgäste auf der Jugendfarm versteht das, sie weiß ohnehin Bescheid. „Pferde, Ziegen und Schafe sind wie Rasenmäher.“

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