Zeitung Heute : Lehmofen

Gewürzte Weizengrütze

Elisabeth Binder

VON TISCH ZU TISCH

LEHMOFEN, Freiheit 12, Köpenick, Tel. 6557044, geöffnet tägl. 12 bis 24, Fr.und Sa. bis 1 Uhr. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

In Wilmersdorf gibt es immer noch Ecken, in denen die Ankündigung, das Wochenende in Rom oder New York zu verbringen, normaler klingt als der Plan, für einen Abend nach Köpenick zu fahren. Die letzten Inseln der heillos Wessiverknöcherten. Dabei kann es doch gerade in Köpenick durchaus abenteuerlich sein. Anders als in den benachbarten Restaurants an der Spree, war es im „Lehmofen“ ziemlich voll. Die Terrasse zum Wasser war ausgebucht, glücklicherweise hatten wir reserviert. Selbst innen, in dem mit Teppichen, gewebten Taschen und dem namensstiftenden Ofen geschmackssouverän folkloristisch ausgestatteten Lokal war es noch ziemlich voll. Während wir draußen, direkt am Geländer, auf einer frisch aufgelegten, weißen Stofftischdecke unsere Aperitifs, Sherry (3,50 Euro) und Rotkäppchen-Sekt (4,50 Euro), serviert bekamen, entdeckten wir auf dem Rasenstück, das sich unterhalb der Terrasse bis zur Spree hinzog, eine Ratte. „Wir haben zwei“, verkündete der Kellner fröhlich. „Mike und Juliette. Juliette wie der Superstar.“ Juliette blieb taktvollerweise wo immer sie war, jedenfalls in Deckung.

So wandten wir uns also dem Essen zu. Die gemischte Vorspeisenplatte war nicht so überreichlich groß wie in manchen anderen Lokalen dieser Art. Aber dafür waren die Zutaten erstaunlich gut. „Baba Kanus“ vereinigte erfolgreich Auberginen, Knoblauch, Joghurt, Zitrone und Sesamöl zu einem frischen Salat, fast besser noch war das scharfe Dip aus im Lehmofen gegarter Paprika, Ölen und Joghurt; außerdem gab es Kräuterkäse von angenehmer Schärfe, ein Weinblatt gefüllt mit Pinienkernen, Reis und Trockentrauben, sowie Salat von dicken weißen Bohnen und roten Zwiebeln, Möhren, Gurken. Dazu frisch geröstetes, aber schon wieder erkaltetes Fladenbrot (10 Euro für zwei Personen). Von mild bis scharf waren die Vorspeisen auf dem Hauptgangteller jedenfalls gut komponiert und in ihrer eher mageren Fülle bis zum letzten Krümel zum Naschen verführend.

Zeit, mit dem türkischen Rotwein anzustoßen, ja, es ist immer noch Villa Doluca; als Tafelwein geht er immer anstandsloser durch (14 Euro).

Auf der anderen Seite des Ufers hoben sich die Bäume schwarz wie Schatten in den Nachthimmel. Die größere Gesellschaft, die an drei zusammengerückten Tischen nebenan saß, stimmte plötzlich einen alten Kirchenkanon an. Nach einigen Probe-Anläufen klang der sehr schön weich und irgendwie beruhigend in einem deutlich sächsisch gefärbten Latein durch die samtige Luft. „Oh Gott, wie schrecklich, wie provinziell“, rief eine in der Nähe sitzende mittelalterliche Frau und wollte sich gar nicht wieder einkriegen. Ernennen wir sie mal zur Wessiverknöcherten ehrenhalber. Juliette blieb freundlicherweise weiter in Deckung.

Auch die Hauptgerichte trugen dazu bei, uns den großen Andrang zu erkären. „Tandir Kebap“ ist der Klassiker des Hauses, zartes Lammfleisch nach anatolischer Art im Tontopf auf geröstetem Fladenbrot geschmort, dazu passen eine milde Joghurt-Knoblauch-Sauce, die ruhig ein bisschen schärfer hätte sein dürfen, gut gewürzte Weizengrütze und eine kleine Schüssel mit frischem Salat unter einem der anderen Sauce fast peinlich ähnlichem Dressing. (14,60 Euro).

Dem Lachs war es in dem zugegeben pittoresken Lehmofen vielleicht ein bisschen zu gemütlich gewesen; hätte er sich eher dort losreißen können, wäre er weniger trocken gewesen. Aber es ging noch. Dazu viele, viele geschmorte Zwiebeln, Tomaten, Paprika und dicke, geschälte Zitronenscheiben, die sehr gut passten. Die Zitronen-Knoblauchsauce war mächtig, auch scharf, gab aber dem Lachs etwas Geschmeidigkeit zurück. Auch hierzu wurde Weizengrütze und Salat serviert. Frisches Fladenbrot versuchte wiederum vergeblich so warm rüberzukommen wie die Nacht (13,30 Euro).

Dafür flogen nun Ballons über uns hinweg, an denen brennende Papierschwalben hingen, Monsterglühwürmchen gleich oder etwas zu klein geratenen Ufos. Eine verführerisch surreale Beleuchtung für Juliette. Aber sie blieb auch weiterhin schamhaft in Deckung.

Die Dessertkarte enthält neben Grießbrei und Eis vorbildlicherweise auch verschiedene Obstsalat-Varianten. Ein runder, logischer Abschluss ist aber auch der sehr sahnige Joghurt mit Rapshonig und Walnüssen, eine reichliche Portion mit vielen Früchten garniert. Schneeweiß am Rand, zur Mitte hin klebriger werdend (4,50 Euro). Der nette Kellner offerierte noch seine vielen Kinder zum Türkischunterricht, aber dazu waren wir zu satt und zu faul. Also noch rasch den hier offenbar obligatorischen Schnaps aufs Haus getrunken und dann aufgebrochen zu einem mitternächtlichen Spaziergang vorbei an der machtvollen Arbeiterfaust, die von alten Zeiten erzählt, rauf auf die Brücke. Es sieht ein bisschen fremd aus hier um diese Zeit; weit hinten, am Fluss leuchten mehr bunte Glühlampen, die rufen: „Seid neugierig. Es lohnt sich.“

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