Zeitung Heute : „Lehnen Sie sich zurück“ Öfter in die Ferne gucken

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Der Möbelhersteller Sedus Stoll hat vor zwei Jahren ein zweiteiliges Bürostuhlsystem auf den Markt gebracht. Der „Open - Up" sollte das Arbeitsleben revolutionieren: Dank eines großzügigen Neigemechanismus und einer Fußstütze war es jetzt möglich, im Liegen zu arbeiten. Ist das gut für den Büroalltag? Paul-Franz Scheerer, Ergonomie-Beauftragter bei Sedus, verteidigt den Stuhl. Er sagt: Gesünder geht es nicht.

Herr Scheerer, warum sollte es gesünder sein, im Liegen zu arbeiten?

Seit Jahren beobachten wir eine Leistungsverdichtung im Büro: unser Arbeitsplatz wird immer mehr zu einer Denkwerkstatt, in der wir unsere Leistungsmöglichkeiten konkret abrufbar halten müssen. Unsere innere Uhr aber hält dagegen – mittags haben wir ein Konzentrationstief, wir werden müde. Dabei reicht ein Kurzschlaf von nur zehn Minuten, das so genannte „Power Napping“, vollkommen aus, um danach wieder geistig fit zu sein. Unser Stuhl ermöglicht die notwendigen Schlafpausen, ohne dass wir uns gleich müde in ein Bett schleppen müssen.

Dann kann man ja gleich seine gesamte Arbeitszeit im Liegen verbringen.

Diese Gefahr besteht nicht, denn unser Körper braucht bei der Arbeit ständige Bewegung, um unsere Muskulatur zu durchbluten. Die zunehmende Kabellosigkeit unseres Arbeitsplatzes, wie zum Beispiel bei den kabellosen Computertastaturen der Fall, ist da schon ein Schritt in die richtige Richtung, um mehr Bewegungsfreiheit am Schreibtisch zu gewährleisten. Der große Öffnungswinkel der „Open-Up“-Rückenlehne bietet uns einen Vorteil, denn beim Zurücklehnen wird die Bandscheibe, unsere Brust- und unsere Rückenmuskulatur entlastet. Noch wichtiger: Verhaltensforscher haben bewiesen, dass wir uns auch beim Nachdenken zurücklehnen. Keiner beugt sich über seinen Schreibtisch, wenn er nachdenken will. Unsere Kreativität hängt also auch mit unserer Körperhaltung zusammen. Der Stuhl gewährleistet Bewegung, die dem Denken angepasst ist.

Es ist schwer vorstellbar, dass der Mensch in Rückenlage wirklich fleißiger ist.

In den 20 Jahren meiner Berufserfahrung hat sich einiges verändert: Die Gesundheitsplanung am Arbeitsplatz hat sich entfernt von der so genannten „Greifraum-Ergonomie“, dem Gedanken, dass alles um uns herum nur dann gesund für den Körper ist, wenn wir es nur mit einem Griff erreichen – vom Kopierer bis zur Kaffeekanne. Heute arbeiten wir anders: wir kommunizieren mehr, arbeiten mit Telekommunikation – warum sollte das nicht auch in entspannter Tieflage gehen? Viele Bürochefs, vor allem in Deutschland, aber stehen dem noch mit Vorurteilen gegenüber. Es soll ja nicht so aussehen, als seien wir ein Volk der Faulenzer.

Die Fragen stellte Sassan Niasseri

INTERVIEW

Lockern Sie Ihren Nacken: Legen Sie die Hände auf die Oberschenkel. Drehen Sie den Kopf nach rechts und atmen Sie gleichzeitig ein. Kopf nach vorn bewegen und das Kinn leicht vorbeugen. Ausatmen. Wiederholen Sie die Bewegung auch nach links, insgesamt fünf mal.

Quelle: Verwaltungsberufsgenossenschaft (VBG)

Kräftigen Sie Ihre Schultern: Lassen Sie Ihre Arme entspannt hängen. Nehmen Sie die Schultern nach vorn und drehen Sie die Daumen nach innen. Ausatmen. Ziehen Sie die Schultern nach hinten, drehen Sie die Daumen nach außen und atmen Sie ein. Dreimal wiederholen.

Quelle: VBG

Strecken Sie Ihren Rücken: Legen Sie im Sitzen Ihre Hände auf den unteren Rücken. Spannen Sie Bauch- und Gesäßmuskeln an, so dass Ihre Hände an die Stuhllehne gedrückt werden. Einatmen. Dann den Druck lösen. Zehnmal wiederholen.

Quelle: VBG

Bewegen Sie Ihre Beine: Setzen Sie sich aufrecht, die Hände locker an die Sitzfläche. Dann beide Unterschenkel gleichzeitig in die Waagerechte heben und diese Position fünf Sekunden halten. Wiederholen Sie diese Bewegung fünfmal.

Quelle: „Die Knieschule“ von Dr. med. Grifka, Rowohlt Verlag

Gönnen Sie Ihren Augen Entspannung: Blicken Sie vom Computer-Bildschirm auf. Gucken Sie in die Ferne. Was tut sich auf der anderen Straßenseite? Wie wird das Wetter?

Quelle: Prof. Dr. med. Klaus Scheuch, Institut der Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin der Technischen Universität Dresden

Versuchen Sie eine innere Einkehr: Legen Sie eine tägliche Konferenz fest, die Sie nur mit sich selbst abhalten. Der Tagesordnungspunkt: die Gedanken zur Ruhe zu bringen. Machen Sie es sich bequem und lassen Sie Ihre Gedanken dahinplätschern.

Quelle: „Schluss mit der Anstrengung!" von Barbara Berckhan, Kösel Verlag

Atmen Sie durch: Unter steigender Anspannung wird unser Atem flacher. Gerade dann braucht das Gehirn, um denken zu können, ausreichend Sauerstoff. Holen Sie tief Luft.

Quelle: „Schluss mit der Anstrengung!“

Drehen Sie Däumchen: Tragen Sie in Ihren Terminkalender häufiger mal ein „Däumchen drehen" ein. Zehn Minuten zwischen zwei wichtigen Terminen reichen. So bekommen Sie den nötigen Abstand zur nächsten Arbeit.

Quelle: „Schluss mit der Anstrengung!“

Zusammengestellt von Marion Kerstholt

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