Zeitung Heute : Lehre mit Lücken

Carsten Brönstrup

Kanzlerin Merkel hat gestern angekündigt, den Ausbildungspakt mit der Wirtschaft zu reformieren. Der DGB fordert stattdessen die Schaffung von 50 000 öffentlich geförderten Ausbildungsplätzen. Wie viele Lehrstellen fehlen in Deutschland?


Wie ist die derzeitige Situation auf dem Ausbildungsmarkt?

Trotz der besseren Wirtschaftslage wird es in diesem Jahr für Jugendliche noch schwieriger, eine Lehrstelle zu finden. Ende Juni meldete die Bundesagentur für Arbeit (BA) noch 194 600 Bewerber ohne Ausbildungsplatz – ein Jahr zuvor waren es mit 183 500 deutlich weniger. Zwar werden bis Ende September noch einige zehntausend Verträge geschlossen – doch die Behörde befürchtet, dass es für eine Trendwende nicht mehr reichen könnte. Rechnerisch könnten nach einer BA-Prognose 31 000 Ausbildungsplätze fehlen, im vergangenen Jahr waren es 28 300 Lehrstellen.

Die tatsächliche Lage scheint aber noch viel schlimmer zu sein. Nur noch knapp jeder dritte Betrieb bildet überhaupt aus. Viele Jugendliche finden keine reguläre Stelle in einem Handwerksbetrieb, einer Bank oder in einer Fabrik – für sie muss der Staat einspringen. Er bietet öffentlich finanzierte Ausbildungen und Berufsvorbereitungsjahre an. Die Gewerkschaften schätzen, dass tatsächlich mehr als 279 000 Lehrstellen fehlen. Und jedes Jahr werden es mehr, weil die erfolglosen Bewerber aus dem Vorjahr erneut auf den Markt drängen. Frühestens ab 2007, so schätzen Experten, wird sich die demografische Entwicklung in einigen Regionen bemerkbar machen – und damit auch die Lehrstellenlücke wieder kleiner werden.

Der DGB fordert, dass 50 000 neue Ausbildungsplätze geschaffen werden. Das Geld dafür soll die Bundesagentur für Arbeit aufbringen. Ist dieser Vorschlag umsetzbar?

Der DGB-Plan ist teuer – er soll 650 Millionen Euro pro Jahr kosten. Das ließe sich aus dem Haushalt der BA, die in diesem Jahr einen Überschuss in Milliardenhöhe erwirtschaften wird, und aus Steuermitteln finanzieren, schlagen die Gewerkschaften vor. Skeptiker wenden ein, dass sich der Staat mit einem solchen Programm noch stärker in den Ausbildungsmarkt einmischen würde. Außerdem bestehe die Gefahr, am Markt vorbei auszubilden.

Vor zwei Jahren haben Wirtschaft und Regierung einen Ausbildungspakt geschlossen. Was hat dieser Pakt bewirkt?

Er hat zunächst einmal die Firmen, die nicht oder zu wenig ausbilden, vor einer Strafabgabe bewahrt. Als Gegenleistung verpflichtete sich die Wirtschaft, pro Jahr 30 000 neue Lehrstellen anzubieten. Unter dem Strich hat sie zwar doppelt so viele angeboten – trotzdem sind an anderer Stelle Plätze weggefallen oder Unternehmen mussten ganz aufgeben. Die Drohung der alten Bundesregierung, bei einem Scheitern des Pakts doch noch eine Strafabgabe einzuführen, hat die Koalition bislang nicht erneuert. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kündigte am Dienstag aber eine Reform des Pakts an. Details, wie sie ihn weiterentwickeln will, nannte sie nicht. Merkel lud die Gewerkschaften zur Mitarbeit am Pakt ein. Der DGB lehnt dies weiterhin ab.

Die Arbeitgeber schlagen vor, die Lehrlingsgehälter zu senken. Würden dadurch tatsächlich neue Lehrstellen entstehen?

Darüber ist die Wirtschaft uneins. Nur jedes achte Unternehmen beklagte jüngst in einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) die hohen Kosten einer Ausbildung. Das Handwerk ist sogar gegen eine Absenkung der Lehrlingsbezüge. Der Grund: Die Betriebe der Branche haben ohnehin schon Probleme, Bewerber zu finden – weil einige Berufe eher unattraktiv sind. Die Bildung steht denn auch bei den meisten Firmen ganz oben auf der Wunschliste: Jedes zweite Unternehmen bemängelt, Lehrstellen-Bewerber seien schlicht nicht reif für eine Ausbildung. Sogar jedes zweite erklärte, dass deshalb nicht alle Stellen hätten besetzt werden können. Und ein Drittel der Firmen gibt die unsichere wirtschaftliche Zukunft als Ausbildungshemmnis an.

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