Zeitung Heute : Lehren lernen

An deutschen Hochschulen wird die Wissensvermittlung vernachlässigt. Wie kann die Motivation von Professoren und Studenten erhöht werden?

Amory Burchard

Wie steht es um die Lehre an

den deutschen Hochschulen?



Es ist längst die Regel: Einführungsvorlesungen werden für mehrere Hundert Erstsemester gehalten, Seminare sind chronisch überfüllt. Es gibt viel zu wenige Professoren – in der Germanistik betreut ein Hochschullehrer zum Beispiel rechnerisch 119 Studierende. Zwischen Universitäten und Fachhochschulen, aber auch von Uni zu Uni und von Fach zu Fach sind die Unterschiede groß. Vor allem die neuen Bachelorstudiengänge sind oft nicht reibungslos studierbar, weil die Lehrinhalte nicht aufeinander abgestimmt sind. Viele Studierende sind mit der Organisation ihres Studiums überfordert. Das führt zu einer hohen Zahl von Studienabbrechern. In den „Empfehlungen zur Qualitätsverbesserung von Lehre und Studium“, die der Wissenschaftsrat am Montag in Berlin vorgestellt hat, heißt es dazu: Das Verhältnis von Studierenden und Professoren zu ihrer Hochschule sei durch „Anonymität und Unverbindlichkeit gekennzeichnet“.

Die Hochschulen berufen sich stets auf die

Einheit von Forschung und Lehre. Warum

aber wurde die Lehre so vernachlässigt?

Für das Ansehen einer Universität oder eines Professors hat die Qualität der Lehre bisher kaum eine Rolle gespielt. Zusätzliches Geld zur staatlichen Finanzierung gibt es nur für Forschungsprojekte und für Veröffentlichungen. Danach richtet sich auch der Erfolg auf Ranglisten, bei Wettbewerben und bei Bewerbungen um Stellen. Auch die Exzellenzinitiative war ein Wettbewerb für die Forschung an den Universitäten. Wenn Professoren über ihren Beruf sprechen, ist oft von „Lehrbelastung“ die Rede. Diese müsse verringert und im Gegenzug die „Forschungsfreiheit“ verteidigt werden. Gleichzeitig sind besonders die Unis seit 30 Jahren unterfinanziert. Gespart haben sie vor allem bei der Lehre. Das soll sich jetzt radikal ändern, fordert der Wissenschaftsrat – und mit ihm die Wissenschaftsminister, die in dem Gremium vertreten sind.

Der Wissenschaftsrat fordert zusätzlich

1,104 Milliarden Euro im Jahr für die Lehre.

Was soll mit diesem Geld gemacht werden?

Vor allem sollen etwa 4000 zusätzliche Professoren eingestellt werden. In den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, wo die Betreuungsverhältnisse besonders schlecht sind, soll die Zahl der hauptberuflichen Professoren um 33 Prozent steigen. In Fächern wie Medizin, Mathematik und Naturwissenschaften sowie Ingenieurwissenschaften sollen zehn Prozent dazukommen. Dafür veranschlagt der Wissenschaftsrat jährlich 357,1 Millionen Euro.

Die neuen Professuren sollen zur Hälfte solche „mit Schwerpunkt Lehre“ sein. Lehrprofessoren widmen zwei Drittel ihrer Arbeitszeit der Lehre und ein Drittel der Forschung. Sie unterrichten zwölf Semesterwochenstunden statt der acht bis neun Stunden, die ein normaler Universitätsprofessor lehrt.

Aufgestockt werden soll auch das Personal unterhalb der Professur: Für 480,6 Millionen Euro sollen tausende Tutoren beschäftigt werden, die Seminare begleiten, sowie „Hilfspersonal“, das bei der Organisation der Lehre und bei Prüfungen mitwirkt. In verschiedenen Disziplinen sei es auch möglich, „vermehrt Personal zu beschäftigen, das nicht forschend tätig ist“, heißt es. Es könne „weitgehend standardisierte Lehrinhalte“ oder Fremdsprachen vermitteln sowie Laborpraktika anleiten. Während Peter Strohschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrats, von „Lektoren“ spricht, nennt Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin und Mitglied im Wissenschaftsrat, diese Personalkategorie nach englischem Vorbild „Lecturer“. Aber ein solches Modell hatte der Rat früher ablehnt – und von „Lehrknechten“ gesprochen.

Finanziert werden sollen auch ein Beratungssystem zur individuellen Betreuung von Studierenden besonders in den ersten beiden Semestern und Fortbildungsangebote für alle Lehrenden. Für computergestützte Systeme zum Campusmanagement, einer Software, mit der das Studium organisiert wird, und für eine bessere IT- und Medienausstattung sowie für den Ausbau der Bibliotheken fordert der Wissenschaftsrat 251,3 Millionen Euro jährlich. Für weitere 15 Millionen sollen überregionale Fachzentren für Hochschullehre entstehen, in denen Lehr- und Lernexperten Modelllehrpläne für einzelne Fächergruppen oder Fortbildungsangebote entwerfen.



Was könnte getan werden, um die Professoren zu mehr Engagement zu bringen?

Der Wissenschaftsrat will an den Hochschulen einen Mentalitätswandel anstoßen, „eine positive Lehrkultur“. Leistung in der Lehre soll sich lohnen. So ermöglicht es die neue W-Besoldung, den Professoren bei besonderem Engagement für die Studierenden einen Leistungszuschlag zu gewähren. Zusätzlich sollen sie mit mehr Personal oder durch Freisemester belohnt werden. Entlastend könnte es wirken, wenn der tatsächliche Aufwand für Lehrveranstaltungen, die Korrektur von Hausarbeiten, Klausuren und für Prüfungen neu berechnet wird. Schon bei der Berufung soll die Lehre eine größere Rolle spielen als bisher: So könnten Bewerber mit erfolgreich absolvierten Fortbildungen punkten. Zwingen wolle man die Professoren aber zu nichts, sagt Strohschneider. Ein bisschen Druck soll es trotzdem geben: Professoren sollen sich gegenseitig in Lehrveranstaltungen besuchen und über die Qualität der Lehre austauschen. Außerdem wird ein umfangreiches Qualitätsmanagement empfohlen, bei dem die Güte von Vorlesungen und Seminaren bewertet wird. Zusätzliche Motivation soll auch von einem hoch dotierten Nationalen Lehrpreis ausgehen.

Auch die Studenten sollen in die Pflicht

genommen werden. Wie soll das passieren?

Ein Teil der Studierenden zeige „zu wenig Engagement und Verantwortung für das Studium“, wird kritisiert. Der Wissenschaftsrat erwartet, „dass sie sich mit Konzentration und Einsatz ihrem Studium widmen“. Sanktionen sind aber nicht geplant, vielmehr sollen die Studierenden durch Lehrevaluationen in die Qualitätssicherung einbezogen und so besser motiviert werden.

Wie realistisch ist es, dass die Pläne des

Wissenschaftsrats umgesetzt werden?

Die Wissenschaftsminister der Länder haben einen Vorbehalt in die Empfehlungen geschrieben: Die 1,104 Milliarden Euro könnten nur fließen, wenn die wirtschaftliche Entwicklung es zulässt. Jedenfalls gibt es noch eine Menge auszuhandeln, bevor die ersten Lehrprofessoren eingestellt werden: Welchen Anteil zahlt der Bund, welchen die 16 Länder? Dabei wird auch eine Rolle spielen, wie viele Studierende tatsächlich an die Hochschulen drängen, wenn die doppelten Abiturientenjahrgänge und die geburtenstarken Jahrgänge die Schulen verlassen. Denn der erwartete „Studentenberg“ ist in der „moderaten“ Rechnung des Wissenschaftsrats nicht enthalten.

Hoffnung weckt zumindest der Bildungsgipfel, zu dem Bundeskanzlerin Merkel im Oktober eingeladen hat. Dort könnten sich Bund und Länder auf ein finanzielles Paket für den gesamten Bildungsbereich einigen. Dass der Mentalitätswechsel ohne erhebliche finanzielle Zuwendungen an die Hochschulen gelingt, ist zweifelhaft.

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