Zeitung Heute : Lehren lernen

Pakistanische Politiker besuchen einen Schulverlag. Sie wollen Bücher, aber keine westlichen Werte

Deike Diening

Als er das Lesen lernte, saß auch der Bildungsminister der islamischen Republik Pakistan wie die meisten Schüler seines Landes in der Schule auf dem Boden. Doch dann machte Javed Ashraf Karriere. Er ging zur Armee, wurde parkettsicher, die Sprachen flogen ihm zu.

Jetzt sitzen er und seine Kultusminister in Freischwingern beim Cornelsen Schulbuchverlag in Berlin Schmargendorf. Sie vertreten Kaschmir, die Provinzen Punjab, Sindh, und sogar die Nordwest-Grenzprovinz. Dort, an der Grenze zu Afghanistan, sitzt die politische Opposition, religiös geprägt, misstrauisch gegenüber Einfluss aus dem Westen. Ihre Anwesenheit hier in Gestalt des bärtigen Maulana Fazli Ali, der zwischendurch zum Beten verschwindet, ist ein diplomatischer Sieg der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ). Sie hat die Minister auf Klassenreise eingeladen. Pisa hin, Rütli her, Deutschland gilt, was Lehrbücher angeht, international als bestes Vorbild. Jetzt wollen die Minister lernen, wie solche Bücher entstehen.

Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung in Pakistan können nicht lesen. 25 Jahre lang hatte niemand die Lehrpläne überarbeitet. Es gibt zu wenig staatliche Schulen, und die machen Frontalunterricht, und zwar so schlecht, dass die Betuchten zu Privatschulen wechseln. Oder die Religionsschulen übernehmen den Unterricht. Allerdings sehen die als ihre Hauptaufgabe die Vermittlung des Koran. Und genau darin liegt aus westlicher Sicht das Problem. – Aber ist eine Bildungsrevolution per Schulbuch möglich?

Ein Mitarbeiter von Cornelsen erklärt nun den erstaunten Ministern das schier unfassbare System der 16 Bundesländer, die die Hoheit über die Lerninhalte haben. Die Firma erklärt, dass einige nach 12 Jahren Abitur machen, andere nach 13. Und einen richtigen Boss haben die Kultusminister auch nicht. Javed Ashraf kann es nicht fassen, dass es da niemand auf seiner Hierarchieebene gibt, dem er die Hand schütteln kann. Der Vorsitz der Kultusministerkonferenz rotiert. Ashraf ist auch in der Politik ein Mann aus der Armee geblieben, er weiß, was er tut, und erwartet, dass passiert, was er will.

„Wir sind jetzt aufgewacht“, sagt Ashraf. Im Januar wurde die Schulreform verabschiedet. Die Regierung will, dass nun private Verleger neue Schulbücher drucken. Die Schulen sollen grundsätzlich zweisprachig werden und neben der Landessprache Urdu in der ersten Klasse mit Englisch beginnen, Unterricht am Computer gibt es dann von der sechsten Klasse an. Die Vorreiterregion Punjab hat als Erste eingeführt, was bald im ganzen Land gelten soll: Jedes Mädchen, das zur Schule geht, bekommt als Anreiz 200 Rupien im Monat. In den höheren Klassen gibt es eine Kanne Speiseöl.

Die GTZ ist als Partner bei den Bildungspolitikern paradoxerweise deshalb so beliebt, weil sie im Land so wenig sichtbar ist und an den Schulen nicht einmal Plakate aufhängt, die sagen, wer hier das Geld gibt. Das ist wichtig, denn die pakistanischen Politiker sind skeptisch. Sie haben Sorge, dass neue Schulbücher als trojanische Pferde für Kapitalismus und westliche Werte dienen könnten.

In Schmargendorf läuft jetzt ein Film, in dem ein Modellbaukasten im Unterricht benutzt wird: zu sehen ist, wie der Mond um die Erde und die Erde um die Sonne kreist. Das ist inzwischen überall anerkannt und politisch ungefährlich. Den Kasten wollen sie haben.

„Wie lange können Schulen diesen Kit nutzen?“ – „25 Jahre.“

„Können Sie es billiger machen?“

„Aber Sie haben doch den Preis noch gar nicht gehört…“

Die Verlage sind ebenfalls skeptisch. Nach China gilt Pakistan als Land mit den effizientesten Produktpiraten, so dass Cornelsen und Klett bald weiter verbreitet sein könnten, als ihnen lieb ist.

Die Mittel, so die GTZ, müssen der Lebenswirklichkeit im Land angepasst werden. „Es muss schwierig sein, bei Ihnen zu leben. So ohne Familie. Ich habe gehört, sie leben hier alle allein“, sagt Maulana Fazli Ali, Mitglied der MMA, einem Bündnis religiöser Parteien. Er hat fünf Söhne und eine Tochter, sein Haus hat sieben Zimmer. „Sind die Menschen denn glücklich hier?“ fragt er. – Nach der Reise will er durchsetzen, dass in jedem zweiten Freitagsgebet der Muezzin die Bedeutung der Bildung erwähnt.

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