Zeitung Heute : Lehrter Die Weiten des jungen

Seit sechs Jahren bauen sie an diesem Bahnhof, dem künftigen Verkehrszentrum Berlins. Und seither ist der Fotograf Roland Horn von dem Labyrinth aus Stahl und Beton fasziniert.

Andreas Austilat

In etwas mehr als einem Jahr werden sie hier vielleicht schon Pommes Frites verkaufen, Zeitungen und Blumen. Lautsprecheransagen werden die Passagiere auffordern, von der Bahnsteigkante zurückzutreten. Ihre Arbeit wird dann getan sein, die Arbeit der Eisenflechter und Bautaucher, Kranführer, Schweißer, Betonbauer, Ingenieure und Architekten. Hinter Gipsplatten wird sich verstecken, was den neuen Berliner Hauptbahnhof zusammenhält – Beton und Stahl, enorm viel Stahl, verflochten zu einem rostbraunen Dickicht. Und Reisende, die ihren Koffer von einer Etage zur anderen schleppen, werden nichts ahnen von der kathedralenhaften Größe, die der Rohbau in seiner ganzen Leere einmal ausstrahlte.

Auch Roland Horns Arbeit wird dann getan sein. Sechs Jahre, in denen es ihn immer wieder auf diese Baustelle zog, erst heimlich, später geduldet, mal zwei Monate gar nicht, dann wieder tagelang und am liebsten bei schlechtem Wetter. Weil er ziehende Wolken schöner findet als blauen Himmel, oder weil diesiges Licht die harten Schatten nimmt. Gut 4000 Fotos hat er hier geschossen und für jede Stunde, die er auf dem Bau verbrachte, hat er noch einmal genauso lange im Labor gesessen. Zeit, die ihm keiner bezahlt hat. Was ein bisschen merkwürdig ist für jemanden, der von der Fotografie lebt.

Horn, gerade 40 geworden, ist Triathlet. Er rennt Marathon, schwimmt die Krumme Lanke hin und zurück – was ungefähr zwei Kilometern entspricht–, fährt mit dem Fahrrad schon mal von Berlin nach Hamburg. Vielleicht erklärt das ein bisschen seinen Drang, Dinge bis zur Erschöpfung zu betreiben, den Punkt zu überschreiten, an dem normale Leute sagen, jetzt ist es eigentlich genug. Aber was hat ihn in dieses Riesenloch getrieben?

Einmal, da hat er Prominente aufgefordert, ihm in den Berliner Zoo zu folgen und sich mit ihrem Lieblingstier in Pose zu setzen. Gregor Gysi wählte den Gorilla, Sabine Christiansen zeigte sich mit Antilope und das Ballett des Friedrichstadtpalastes stieg zu den Nashörnern in die Wanne. Horn hat ein Buch daraus gemacht: „Große Tiere in Berlin“. Sonst fotografiert er Architektur, in Hochglanz und in Farbe, und immer wieder Schauspieler und Models. Der Mann, der 1987 aus Hannover nach Berlin kam und bei Jim Rakete assistierte, ist Werbefotograf.

Seine Leidenschaft für Baustellen entdeckte Horn beim Bau des Daches über dem Sony-Center. Der Kletterer, der im Elbsandsteingebirge trainierte, fühlte sich angezogen – erst von der sportlichen Herausforderung, dann von der Eleganz der Konstruktion.

„Es ist das Werden, das mich fasziniert“, sagt er. Wenn man ihn über die Baustelle begleitet, dann merkt man ein wenig seine Enttäuschung, dass alles schon so weit fortgeschritten ist. Fertig die gläserne Halle, die den Bahnsteig in Ost-West-Richtung überdacht, die Gleise in Nord-Süd-Richtung schon teilweise verdeckt vom Labyrinth der Etagen. Die nackte Schlichtheit des rohen Betons begeistert ihn, die gewaltigen Dimensionen der Streben und Pfeiler. Wenn er von den Neonröhren spricht, die auf roh gezimmerten hölzernen Dreibeinen kaltes Licht spenden, dann meint man es mit Skulpturen zu tun zu haben. Und das adäquate Medium für diese Strenge und Schlichtheit findet Horn in der Schwarz-Weiß-Fotografie. Genau die aber fragen seine Kunden eher selten nach.

Die Roheit der Materialien, die schieren Dimensionen, die harte Arbeit, das gebietet Ehrfurcht. Ganz egal, ob es sich um Eisenbieger handelt, die ihr grobes Geflecht knüpfen oder Kranführer, die scheinbar entspannt in Schwindel erregender Höhe thronen. „Haben Sie sich einmal vorgestellt, wie das ist, sich immer leicht nach vorne zu beugen, den ganzen Tag nach unten peilen?“ Und dann tut er so, als würde er über einen Rand hinweggucken, und man stellt sich vor, man sei Kranführer, und schon tut einem der Nacken weh. Der Respekt vor der Knochenarbeit, die Konfrontation mit dem Unfertigen ist für den Werbefotografen Kontrastprogramm zur Hochglanzwelt.

Wenn zur Fußballweltmeisterschaft in einem Jahr hier die ersten Züge halten, dann wird auch der Lehrter Hauptbahnhof zu dieser glänzenden Fassadenwelt gehören. Was sich dahinter verbirgt, kann man dann nur noch auf Horns Fotos sehen.

Das Deutsche Architekturzentrum zeigt vom kommenden Sonnabend an Roland Horns „Momentaufnahmen“, Köpenicker Straße 48/49, bis 11. April.

Mit den Fotos von Roland Horn erscheint „Der Ingenieurbahnhof“, K. Grewe/B. Timmers (Hrsg).Verlag Nelte. 49,90 Euro.

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