Zeitung Heute : Leica: So wurde der Fotoapparat mobil

Gideon Heimann

Was haben die Bewohner des südwestlichen Berliner Ortsteils Lichterfelde mit Fotografen gemeinsam? Nun, beiden sollte der Name Oskar Barnack geläufig sein - den einen vom Barnackufer her, wo ein Bewag-Heizkraftwerk steht, den anderen, weil Barnack die Kleinbildkamera, genauer: die Leica, erfand. Die Geschichte dieses Ausflugtipps beginnt daher in Lynow, etwa zehn Kilometer westlich von Baruth an der Straße nach Luckenwalde. Der dortige Heimatverein hat an der Lynower Hauptstraße ein Barnack-Museum eingerichtet, das sonnabends von 10 bis 12 Uhr besichtigt werden kann.

Und wer nun fragt, was denn die Fotografie in unserer Mobil-Rubrik zu suchen hat, dem sei entgegnet, dass es Oskar Barnack war, der die chemische Lichtbildnerei erst richtig beweglich gemacht hat. Schließlich war der Umgang mit Fotoapparaten in den Jahren vor 1925 ein ziemlich mühsames Geschäft. Wir lesen die gesamte Geschichte der Fotografie sehr ausführlich in der "Erlanger Liste" ( www.phil.uni-erlangen.de/~2gerlw/ ressourc/fotolist.html ), deshalb sei hier nur der Schnelldurchgang ausgebreitet: Es begann 1816 mit dem Franzosen Joseph Nicéphore Nièpce, der Asphalt als lichtempfindliche Schicht benutzte, die erst nach stundenlanger Belichtung ein Abbild zeigte.

Etwas schneller wurde es bald durch Louis-Jacques-Mandé Daguèrre, der versilberte Kupferplatten mit Joddämpfen lichtempfindlich gemacht hat. Aber das waren nur Unikate. William Henry Fox Talbot hingegen gilt als Erfinder des Negativ-Positiv-Verfahrens, mit dessen Hilfe Abzüge möglich wurden. Er nutzte Schreibpapier, das er erst mit einer Silbernitratlösung, und dann mit einer Kaliumjodidlösung tränkte, wodurch sich das lichtempfindliche Silberjodid in den Papierfasern absetzte.

Das Silbersalz, mit Gelatine zur streichfähigen Paste verarbeitet, wurde im Zuge der weiteren Entwicklung auf Glasplatten aufgetragen, dann auf einen flexiblen Träger aus Celluloid, 1884 entstanden die ersten Rollfilme bei George Eastman (Kodak). Die Firma brachte 1888 die erste Rollfilm-Box heraus, deren Qualitäten allerdings noch schwach waren. Der Film konnte nun aber in Apparaten untergebracht werden, deren gute Objektive sich zum Fotografieren per Balgen aus dem Gehäuse klappen ließen.

Das machte die Fotografie schon transportabler, aber immer noch nicht reif für schnelle und dennoch präzise Aufnahmen. Genau da setzte Barnack an - allerdings von zwei Seiten aus, die ihn anfangs gar nicht ahnen ließen, was er schaffen würde. So litt der von Asthmaanfällen geplagte Hobbyfotograf und -filmer darunter, dass er für wirklich gute Aufnahmen immer noch große Plattenkameras herumschleppen musste.

Die Vergrößerungstechnik, bei der von kleinen Negativen große Abzüge hergestellt werden können, war in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts noch längst nicht so weit gediehen wie heute. Meist wurde das Fotopapier direkt (als Kontaktabzug) belichtet - was eben nur ein Größenverhältnis von 1:1 ermöglichte. Fotos von ansehnlicher Größe erforderten dann Negative ebensolcher Ausmaße, was sich entscheidend auf Größe und Gewicht der Apparate auswirkte ...

Die eigentliche Idee für die Leica wurde jedoch aus einem anderen Bedürfnis heraus geboren, denn Barnack ärgerte sich zudem über das damals ebenfalls noch nicht so exakt hergestellte Filmmaterial. Um die Empfindlichkeit der Ware exakt zu ermitteln, entsann er eine Vorrichtung, die stets mit gleicher Blende und Belichtungszeit arbeitete. Immer die selbe Helligkeit vorausgesetzt, musste nach der Filmentwicklung die Empfindlichkeit erkennbar sein.

Um 1911 fanden in Barnacks Arbeit beide Ansätze zusammen, bis 1914 waren die beiden Ur-Leicas entstanden, aber wegen des Krieges nicht marktreif - das dauerte bis 1925. Barnack nutzte eben jenes Filmmaterial, das in einer Gesamtbreite von 35 Millimetern für bewegte Bilder verwendet wurde. In Filmkamera und -projektor läuft das Material von oben nach unten durch die Beleuchtungseinheit, wodurch sich eine Nutzhöhe von 18 Millimetern und eine -breite von 24 Millimetern ergeben.

Legt man den Filmstreifen jedoch quer ins jeweilige Gerät, muss zwar der Wert von 24 Millimetern erhalten bleiben - mehr lässt die Perforation an den Seiten nicht zu. Aber die 18 Millimeter kann man je nach Maske des Apparats verbreitern, in diesem Fall auf 36 Millimeter. Das Leica-Format war entstanden - es ist bis heute bei Fotoapparaten die meist verbreitete Filmgröße.

Hierbei freilich kann man beim Abziehen der Fotos keinesfalls mehr 1:1 arbeiten, ein Vergrößerungsapparat ist unbedingte Voraussetzung. Andererseits war die Filmqualität von 1925 an schon so gut, das die Vergrößerungen den einfachen Kopien der Platten nicht mehr nachstanden.

Die Entscheidung, die Leicas tatsächlich zu bauen, fiel in jener Zeit gar nicht leicht. Schließlich hatte der verlorene Krieg die Menschen verarmt, und jene, die noch etwas Geld besaßen, hatten sie bereits in der anschließenden Inflationszeit schnell in Sachwerte gesteckt. Die Kameras waren so teuer wie große Geräte, überdies weigerten sich viele Fotografen, die Qualität der Leica-Abzüge anzuerkennen. Das hatten Umfragen mit einer Kleinserie 1923 ergeben.

Als die Leicas jedoch auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1925 vorgestellt wurden, kam eine Lawine in Gang. Denn nun wurden ganz neue Käufergruppen erschlossen, mit den ständig verbesserten Gehäusen und Objektiven wuchs die schnelle Einsatzbereitschaft und damit die Bedeutung der Kameras im (Sport-) Journalismus und in der Kunst. Der Rest ist Geschichte. Schließlich werden die Messsucher-Leicas allen Veränderungen, die das Unternehmen selbst betreffen zum Trotz, auch heute noch in der gewohnten Präzision in Solms bei Wetzlar gefertigt. Aber das steht unter www.leica-camera.com.

Und der Erfinder selbst? Er wurde am 1. November 1879 in Lynow geboren. Nach dem Umzug nach Lichterfelde und der Schulzeit begann er eine Mechanikerlehre in einer Werkstatt für astronomische Instrumente, bei Julius Lampe, ebenfalls in Lichterfelde.

Seine um 1900 begonnenen Gesellen-Wanderjahre brachten ihn nach Sachsen, Wien und Tirol, bis 1911 arbeitete er in der optischen Industrie in Jena, dann zog er nach Wetzlar, zu Leitz. Dort wurden damals vor allem Optiken und Mikroskope gefertigt. Barnack übernahm die Leitung der Versuchsabteilung. Als die Leica zum Erfolg wurde, arbeitete er permanent an der Verbesserung des Systems. Die Leica II kam 1932 heraus, sie verfügte über einen mit allen Wechselobjektiven zu kuppelnden Entfernungsmesser.

Die Technik wurde immer besser - bald waren Verschlusszeiten von einer Tausendstel Sekunde erreicht. Und noch vor der Olympiade 1936 erschienen Motor-Leicas, die Serienfotos ermöglichten. Barnack konnte die Erfolge in der Sportfotografie nicht mehr erleben, er erkrankte im Sommer 1935 schwer und starb am 2. Januar 1936.

Im Lynower Museum sind nicht nur viele Zeichnungen aus der Hand des Erfinders zu sehen, sondern auch die Resonanz, die seine Arbeit fand. So wurden in der Sowjetunion zahllose Nachbauten der einzelnen Leica-Modelle gefertigt. Platten- und Balgenkameras verdeutlichen, wie fummelig das Fotografieren in den Jahren vor der Leica war.

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